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Rezensionen

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Atzmon, Gilad : My One and Only Love. Aus dem Englischen übersetzt von Sophia Deeg Hamburg (Nautilus) 2005, 218 S., (PB) 3-89401-470-9, 19,90 €.

Nach Anleitung für Zwei­felnde liegt nun mit My One and Only Love der zweite Roman des Musikers Gilad Atzmon vor. In der Satire, die im Musikbusiness spielt, werden die Gesprächs­stränge und Biographien meh­re­rer Personen, Geschichten und Zeitebenen miteinander verwoben. Bird Stringshtien, Pianist und Historiker, inter­viewt die anderen Prota­go­nistInnen über ihr Leben. Der Trompeter und Komponist Daniel Zilber (Zilberboim) erzählt die Geschichte seiner Künstlerkarriere und einer Liebe, der er im jungen Alter kurz begegnet ist und die er danach sein Leben lang suchte. Abraham "Avrum" Shtil, Show­biz-Typhoon, aktuell im Gefängnis ein­sitzend, berichtet von seinen Tätigkeiten und Absichten, die dahinter stehen: Einer­seits, sich nach 1945 an den Deutschen zu rächen, indem in Deutsch­land die schlech­te­sten israelischen MusikerIn­nen zu Stars auf­gebaut werden, und andererseits, welt­weit, Tourneen zu einem nicht geringen Aus­maß dazu zu nutzen, Nazi-Verbrecher aufzuspüren, damit sie, je nach Kalkül, dem Mossad nicht in die Hän­de fallen, und andererseits dem Geheim­dienst sehr wohl in die Hände zu spielen. Dritte interviewte Person ist Sabrina Hopshteter, eine ehemalige Agentin, die bei diversen Operationen als Mitarbeiterin zum Einsatz kam. All diese Stränge bringt Atzmon, über die Gespräche mit Bird, auf eine ziemlich abstruse und auch zynische Art zusammen und enthüllt, daß praktisch hinter allem die Geheimdienste stecken.Leicht fällt der Zugang zu diesem Buch nicht, es ist streckenweise ziemlich schwer zu lesen. Ähnlichkeiten mit realen Ereignissen und Personen sind nicht zufällig, sondern durchaus beabsichtigt. Für Atzmon-Fans ein Muß, für Andere nicht unbedingt.
© Thea Geinitz

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Bernstein, Reiner: Der verborgene Frieden. Politik und Religion im Nahen Osten. Berlin 2000.

Der Historiker Dr. Reiner Bernstein zeigt in seinem neuem Buch das grundlegende Dilemma der Osloer Verträge detailliert auf. Was sich aktuell in der Frage nach der politischen Zukunft Jerusalems zuspitzt, zeichnet sich seit langem auf allen Feldern ab: Die Gewichte des nationalen Konflikts zweier Völker verschieben sich auf den Kampf zweier Offenbarungsreligionen...

Böhme, Jörn / Kriener, Tobias / Sterzing, Christian : Kleine Geschichte des israelisch-palästinensischen Konfliktes. Schwalbach (Wochenschau) 2005.

Mit diesem schmalen Band, einer komplett überarbeiteten Neuauflage der Ausgabe von 1997, haben die Autoren, Vertreter des Deutsch-Israelischen Arbeitskreis für Frieden im Nahen Osten e. V. (DIAK) eine kurze Einführung in den israelisch-palästinensischen Konflikt von den Anfängen bis heute vorgelegt. Dabei hatten sie, wie sie im Vorwort schreiben, den Anspruch, wichtige Wendepunkte und Entwicklungslinien herauszuarbeiten und die Positionen beider Seiten einigermaßen fair darzustellen, aber ohne dies als "die Wahrheit" zu postulieren, sondern mit der expliziten Aufforderung an die LeserInnen, sich mit dem Gelesenen und auch anderen Auffassungen kritisch auseinanderzusetzen. Muß dies nun als Einschränkung gesehen werden, mit der die Autoren einer Kritik an einer möglichen Einseitigkeit und Voreingenommenheit Einhalt gebieten wollen? Als Freibrief dafür, die eine Seite vernachlässigen zu können, und dies wäre, berücksichtigt man die Provenienz der Autoren, wahrscheinlich eher die palästinensische Sicht? Man ist gespannt. Aufgebaut ist das Buch in 35 Kapitel, die jeweils mit einem Umfang von einer bis fünf Seiten einzelne Aspekte des Konflikts behandeln, von der Vorgeschichte, Englands Politik gegenüber den Juden und Arabern vor und zur Zeit des Mandats, der Gründungsphase des Staates Israel, den diversen Kriegen und den verschiedenen Abkommen, einzelnen Regierungen bis zum – beim Redaktionsschluß erst – geplanten Rückzug aus Gaza. Die letzten 20 Jahre (seit Beginn der 1. Intifada) nimmt dabei etwa die Hälfte des Gesamtumfangs ein. Karten und vom übrigen Text abgehobene Zitate von Originaltexten (bei denen leider nicht immer die Quelle angegeben ist) ergänzen die Texte, und im Anhang gibt eine 10-seitige Chronologie einen Überblick der wichtigsten Ereignisse von 1881 bis Anfang 2005. Die Literatur- und Internetempfehlungen sind etwas knapp ausgefallen, und leider gibt es keinen Index. Sehr bemerkenswert ist, daß, je näher und dichter die Ereignisse an die Gegenwart rücken, desto klarere, wenn auch vorsichtig formulierte, Worte finden die Autoren, und sie stellen beide Seiten mit ihren Argumenten und Gegenargumenten dar. Tatsächlich scheuen sie sich nicht, beide Seiten und ggf. noch Dritte zu kritisieren (so z. B., wenn sie die Verhandlungen von Camp David 2000 und ihre Darstellung bewerten).Und so kann die eingangs gestellte Frage und die Befürchtungen bzgl. einer Voreingenommenheit wie folgt beantwortet werden: Zwar wird die israelische Seite tatsächlich etwas ausführlicher und kenntnisreicher dargestellt, aber auch der palästinensische Standpunkt wird durchaus in einer Weise aufgezeigt, wie es in deutschsprachigen Publikationen zum Konflikt, die den Anspruch erheben, beide Seiten darzustellen, selten vorkommt. Die große Linie stimmt, aber im Detail gibt es neben den kleineren Fehlern wie z. B. einer falschen Jahresangabe zum Beginn des britischen Mandats, einige, auch massive Mängel, die nicht nur der Knappheit der Darstellung geschuldet sind. So wird der Begriff der Naqba, der Katastrophe der Vertreibung und der Zerstörung, Trauma des palästinensischen Volkes und zentraler Begriff, nicht erwähnt. Auch die Ereignisse vom Oktober 2000 in Nordisrael, als 13 Palästinenser, israelische Staatsbürger, die an Solidaritäts- und Protestdemonstrationen teilgenommen hatten, von israelischer Polizei und Sicherheitskräften getötet wurden, fehlen – an sich und auch als teilweise Erklärung für die (durchaus erwähnte) weitgehende palästinensisch-israelische Stimmenthaltung bei den Knesset-Wahlen 2001. Und noch ein Mangel: Satz und Layout. Hier wäre etwas mehr Großzügigkeit angebracht gewesen, denn wenn man sich von Hurenkindern und Schusterjungen und von Seiten, auf denen man von Karten, umgeben von einem Originalzitat, das auf die nächste Seite reicht (S. 16/17), von der doch, trotz der Mängel im Detail, insgesamt lohnenden Lektüre abschrecken ließe, wäre das doch schade.
© Thea Geinitz

Brumlik, Micha: Kritik des Zionismus. EVA Hamburg 2008.
Schlimmer als die Apartheid

Rezensiert von MARTIN FORBERG - 05-02-2008
Dieses Buch erstaunt zunächst: Im Frühjahr 2007 wandte sich Micha Brumlik vehement gegen jüdische Kritiker der israelischen Besatzungspolitik. Jetzt beansprucht er sogar, gründlicher zu sein als die zuvor gescholtenen Erstunterzeichner der "Berliner Erklärung Schalom 5767". Sein Vorwurf lautete damals, die Erklärung verharmlose die antisemitische Ideologie der Hamas. "Schalom 5767" forderte 2006 ein Ende des Boykotts der zu dieser Zeit von der Wahlsiegerin Hamas gestellten palästinensischen Regierung. Brumlik hat die wenig begründete Kritik in sein dennoch bemerkenswertes Buch übernommen. Es ist als "geschichtsphilosophische Kritik" des "staatsbildenden" Zionismus angelegt, der sich gegenwärtig selbst zerstöre. Es bleibe die Sorge sowohl um die jüdische als auch um die arabische "Bevölkerung Israels und Palästinas". Brumlik geht davon aus, dass "Hamas, Hisbollah und die gegenwärtige iranische Staatsführung" die Absicht hätten, den Staat Israel und dessen jüdische Bevölkerung zu "eliminieren". Er fordert Verständnis für die dadurch ausgelösten traumatischen Ängste in den jüdischen Gemeinschaften. Der Autor lehnt aber die "völker- und menschenrechtsverletzende israelische Besatzungspolitik" ab, will aber sein Buch nicht als Anklageschrift verstanden wissen. Er verweist auf die drastische Einschränkung der Bewegungsfreiheit im Westjordanland, die Armut und Arbeitslosigkeit zur Folge haben. Und er kommt zu dem Schluss, dass die Situation der Palästinenser dort "trotz beginnender Lockerungen" "in vielen Hinsichten" schlechter sei als die der schwarzen Bevölkerungsmehrheit im Südafrika der Apartheid. Im Gazastreifen drohe als Folge der Abriegelung ein Kollaps "mit unabsehbaren humanitären Folgen". Brumlik hat die Argumente jüdischer Denkerinnen und Denker eingearbeitet, die sich vom Ersten Weltkrieg bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts mit dem jüdischen Selbstverständnis beschäftigt haben. Von Hermann Cohen, Franz Rosenzweig und Hannah Arendt bis zur israelischen Philosophin (und Erziehungsministerin) Yael Tamir spannt sich der Bogen, der zeige, dass die "Begründungen des staatsbildenden Zionismus zu einer Erneuerung des jüdischen Volkes" nicht ausreichen. Alternativ bezieht er sich auf Margarete Susmans nicht-nationale Definition des jüdischen Volkes als eines "Volkes der Hoffnung". David Novak hebt hervor, dass aufgrund der Aussagen der Thora das biblische Land Israel niemals "ethnisch gesäubert" werden dürfe. Brumlik betrachtet auch die praktische Umsetzung des Zionismus. Im Unterschied zu anderen "europäischen Expansionsversuchen" sei er von vornherein nur ideologisch, und nicht auch ökonomisch motiviert gewesen. Er habe einen Staat aus der Retorte erzeugen wollen. Und sich zugleich in die lange europäische Herrschaftstradition im Nahen Osten eingefügt, was den Konflikt mit der arabischen Bevölkerung Palästinas zusätzlich verschärfen musste. Gegründet worden sei Israel ausgerechnet in der Epoche der Entkolonialisierung. Eine vernünftige Entwicklung für Israelis und Palästinenser kann sich Brumlik nur in zwei Staaten, die diesen Namen verdienen, vorstellen, angelehnt an die "Genfer Initiative". Auch den saudischen Friedensplan hält er für akzeptabel. Beide Konzepte sehen einen Staat Palästina neben Israel in den Grenzen von 1967 vor, eine Auflösung aller Siedlungen und eine umfangreiche Regelung der Flüchtlingsfrage. Brumlik plädiert zusätzlich für eine Gleichbehandlung aller Bürger im Staat Israel Als Geburtshelferin der Vernunft für den Nahen Osten hat Brumlik Europa ausgemacht: Dazu gehört auch die Perspektive einer EU-Mitgliedschaft. Für Palästina sieht Brumlik eine Assoziierung an Europa vor. Ein anregender Gedanke " aber der Autor betont selbst, dass die politischen Eliten in Israel von sich aus nicht dazu bereit sind, die Besatzung aufzugeben. Es ist daher kaum vorstellbar, dass dieses Ziel ohne klug austarierten internationalen Druck erreichbar ist. Dabei wäre schon einiges geholfen, wenn die EU-Staaten die Zusammenarbeit mit Institutionen einstellen, die an der Siedlungs- und Besatzungspolitik beteiligt sind " und auf Rüstungsexporte in den Nahen Osten verzichten würden. Das braucht Dialoge nicht auszuschließen " etwa über die Möglichkeiten einer Überwindung des Siedlerkolonialismus auch durch Angehörige der Siedlungsbewegung selbst. Micha Brumlik ist ein bedeutsames Werk gelungen, auch für die friedenspolitische Diskussion über den Nahen Osten und gerade im Windschatten von Annapolis.
Martin Forberg
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Daibes, Fadia: Water in Palestine. Problems – Politics – Prospects. Jerusalem (PASSIA) 2003.

Im vergangenen Herbst erschienen, ist "Water in Palestine" ein wichtiger und grund-legender Band zur Wassersituation und -problematik in Palästina. Fadia Daibes, die dieses Buchprojekt auch betreut hat, gibt im ersten Artikel einen umfassenden Überblick über die historische Entwicklung des Konfliktes unter dem Aspekt der Wasserfrage, auch in Verbindung mit den übrigen Verhandlungspunkten Grenzen, Siedlungen und Flüchtlinge. Schwerpunkt ihrer Übersicht ist die Gesetzes-lage, die sie im Zusammenhang mit dem Besatzungsstatus und im Kontext israeli-schen, internationalen als auch nationalen Rechtes (hier der PLO Unabhängigkeits-erklärung) untersucht. Dabei zeigt sie die historische Entwicklung der das Wasser be-treffenden Gesetzgebung in Palästina auf: Vom Osmanischen Reich über das briti-sche Mandat und die jordanische Verwaltung hin zu der primär über Militärverord-nungen geregelten israelischen Gesetzgebung, und ab 1995 auch die der PA. Dabei werden die wasserrelevanten Passagen in der Declaration of Principles und den Ab-kommen Oslo I und Oslo II erklärt. Sie zeigt die Schwächen im grenzüberschreitenden Wassermanagement auf und plädiert für die Anwendung internationaler Wasser-abkommen auf den palästinensisch-israelischen Konflikt. Im zweiten Artikel untersucht Anan Jayyousi die aktuelle und künftige Lage und Ent-wicklung des Wasserangebotes und -bedarfes in Palästina. Mit vielen Tabellen zeigt er verschiedene Optionen anhand angenommener demographischer Entwicklun-gen, aufgeteilt nach Sektoren und nach möglicher konventioneller (Oberflächen- und Grundwasser) bzw. nicht-konventioneller (Ab- oder Brackwasser, entsalztes Was-ser) Herkunft des benötigten Wassers. Yousef Nasser schreibt über die Verbindung zwischen Entwicklung und der Verfügbarkeit von Wasser unter den speziellen Bedingungen, wie sie für Palästina bestehen. Einen besonderen Schwerpunkt legt er hierbei auf Entwicklungsmöglichkeiten in den Bereichen Landwirtschaft, Industrie und Handel. Unter den Gesichtspunkt künftiger Entwicklungen analysiert Marwan Haddad das palästinensische Wassermanagement, seine Institutionen und Strukturen mit ihren Stärken und Schwächen. Zur Verbesserung schlägt er Reformen, eine Dezentralisie-rung und eine Kooperation des öffentlichen Sektors mit privaten Unternehmen vor. Im letzten Artikel schreibt Fayez Freijat über die Auswirkungen jüdischer Siedlungen auf die palästinensischen Wasserressourcen. Nach einer Schilderung der Verände-rungen in der demographischen Entwicklung und des dadurch bedingten Wasser-konsums in den Siedlungen zeigt er allgemein und an Fallbeispielen die umweltbezo-genen und sozioökonomischen Auswirkungen der Siedlungen in den besetzten Gebieten und die Hindernisse bzgl. einer Kooperation zwischen den Siedlern und der einheimischen palästinensischen Bevölkerung auf.

Fadia Daibes: Water in Palestine Die Publikation beinhaltet nicht nur diese verschiedenen Artikel, sondern auch zwei Karten, 24 Seiten Glossar mit wasserrelevanten, wasserrechtlichen und politischen Begriffen und 44 Seiten Bibliographie (zusätzlich zu den sehr ausführlichen Fußnoten und Literaturhinweisen bei den jeweiligen Artikeln). Auf über 40 Seiten werden Passa-gen u. a. aus der Prinzipienerklärung, dem Friedensvertrag zwischen Israel und Jorda-nien und dem Interimsabkommen Oslo II dokumentiert, die sich auf Wasser beziehen. Auf weiteren acht Seiten werden Internetadressen zu Wasser und internationalem Wasserrecht aufgelistet, und zusätzlich gibt es eine ausführliche Adressenliste palästi-nensischer Organisationen und Institute in den Bereichen Wasser und Umwelt. Allein wegen dieser 120 Seiten ist es nicht nur eine gute Einführung für einen ersten Über-blick über die Wasserlage in Palästina, sondern auch ein wertvolles Nachschlage-werk für Fachleute.
©Thea Geinitz

Deutsch-Palästinensischer Frauenverein e.V.: Der Nahost-Konflikt: Ursachen - Entwicklung- Perspektiven, Brennpunkt Israel- Palästina. Materialsammlung für Schulen und Erwachsenenbildung.

Es vergeht kaum ein Tag, an dem unsere Medien nicht an den Brennpunkt Israel-Palästina erinnern. Angesichts der eskalierenden Gewalt möchte man verzweifeln oder resignieren. Die Hintergründe des Konflikts sind fast in Vergessenheit geraten. Da wiederholt Anfragen nach geeignetem Unterrichtsmaterial an unseren Deutsch-Palästinensischen Frauenverein e.V. ergangen sind, hat der Verein eine Schulprojektgruppe, darunter auch Fachleute, gebildet, deren Arbeitsergebnis nun vorliegt. Die Materialsammlung zu Ursachen, Entwicklung und Perspektiven des Nahost-Konflikts ist bestimmt für Schulen und Erwachsenenbildung. In zehn Kapiteln bietet sie Informationen zur Geschichte Palästinas ,zum Zionismus, zur Staatsgründung Israels und deren Auswirkung auf die Palästinenser, zu Besatzung und Widerstand, UNO-Resolutionen, Selbstmordattentaten, zu Siedlungen, Checkpoints, Wirtschaft, Gesundheitssituation und Wasserversorgung in den palästinensischen Gebieten, zum Mauerbau , zur "Road Map" und schließlich zu Friedensinitiativen und Friedensaktivisten. Für Abwechslung sorgen Gedichte und Texte mit Erlebnisberichten und Analysen von namhaften palästinensischen , israelischen und deutschen Autoren, sowie Karten, Grafiken und Fotos. Damit dürfte die Sammlung für alle Mitbürger interessant sein, die schon immer gerne Näheres über den beunruhigenden Nahost-Konflikt, der sich vor unserer Haustür abspielt, erfahren wollten. Die ca. 160 Seiten umfassende Sammlung wird zum Herstellungspreis von 8,00 Euro abgegeben, bei Zusendung zuzüglich Versandkosten und Porto. Bestellungen bei: Esther Thomsen, Hermann -Löns - Str. 48 22926 Ahrensburg, e-mail: Esther.homsen@dpfv.org

Deutsches Institut für Menschenrechte, Bundeszentrale für politische Bildung, Europarat (Hg.): Kompass. Handbuch zur Menschenrechtsbildung für die schulische und außerschulische Bildungsarbeit. ISBN 3-90331-596-9, 2005, 424 S.

bei der Bundeszentrale für politische Bildung (www.bpb.de) (Bestellnummer 2411) gegen eine Schutz­gebühr von 4,- €. Die deutsche Fassung der 2002 erschienenen Ausgabe "COMPASS – A Manual on Human Rights Edu­ca­tion with Young People", von Marion Schweizer übersetzt, ist eine der wenigen auf deutsch erschie­ne­nen Pub­li­ka­tionen zum Thema Menschenrechtserziehung mit und bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen.Das Handbuch wendet sich an MultiplikatorInnen, die im Bildungsbereich tätig sind, und deren Anliegen es ist, Sen­si­bilisierung für, Wissen über und die Durchsetzung von Menschenrechten zu wecken, vermitteln und trainieren. Im ersten Teil wird eine Einführung in die Praxis gegeben. Geklärt wird, was unter Menschenrechtsbildung zu ver­ste­hen ist, wie sie mit benachbarten Disziplinen in Verbindung steht, und das Umfeld und die Ansätze des Kompaß' und seiner Umsetzung in der Praxis werden erklärt. Im didaktischen, dem zweiten und umfassendsten Teil werden 49 praktische Aktivitäten und Methoden aus­führ­lich vorgestellt, danach wird in einem dritten Teil der Schritt aus der Theorie ins Praktische unternommen. In den letzten beiden Teilen gibt es Hintergrundinformationen zu den Menschenrechten, ihrer Historie und Ent­wick­lung, der rechtlichen Verankerung des Menschenrechtsschutzes und zu NGOs als wichtigen Akteu­ren. Weiter wer­den ausgewählte Themen im Menschenrechtsschutz, so z.B. Gesundheit, Bildung, politische Partizipation aus­führ­lich behandelt, wodurch sich das Handbuch, auch wegen der Quellen- und Literatur­ver­weise, auch hervorragend als Nachschlagewerk eignet.Im Anhang sind die wichtigsten Dokumente, z.T. als Kurzfassung, abgedruckt. Ein längst überfälliges Handbuch, dem man eine weite Verbreitung nicht nur unter der Zielgruppe "Jugend­liche und junge Erwachsene" wünscht, sondern auch allgemein, und nicht nur unter der europäischen Bevölkerung. Es gibt, unter anderem, auch eine arabisch-sprachige Ausgabe. Diese kann für € 28 / US$ 42 unter folgender Adresse bestellt werden: Council of Europe Publishing Sales Unit Palais de l'Europe F – 67075 Strasbourg Cedex Fon: +33 (0) 3 88 41 25 81 Fax: +33 (0) 3 88 41 39 10 E-Mail (Info, Bestellungen): publishing@coe.int Online sind die einzelnen Kapitel der Publikation unter www.coe.int/compass abrufbar.
(Thea Geinitz)
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Gössner, Rolf: Menschenrechte in Zeiten des Terrors. Kollateralschäden an der „Heimatfront”. Konkret Lit. Verlag, Hamburg 2007.

Sehnsucht nach Sicherheit


Rezensiert von MARTIN FORBERG - 05-11-2007
Menschenrechte und Antiterrorkampf – das Thema liefert fast täglich Schlagzeilen. Der „Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung” protestiert gerade gegen die in dieser Woche geplante Verabschiedung des Gesetzes über die Ausweitung der Telekommunikationsüberwachung. Der Arbeitskreis bereitet eine Verfassungsbeschwerde vor. Diese Beschwerde wird in dem Buch von Rolf Gössner an zentraler Stelle erwähnt. Ein Novum in der deutschen Geschichte nennt sie der Rechtsanwalt, der auch Präsident der Internationalen Liga für Menschenrechte ist. Im Oktober 2007 wurde Gössner zum stellvertretenden Mitglied des Verfassungsgerichtes des Landes Bremen, des Bremischen Staatsgerichtshofes, gewählt. Ihm geht es in seinem Buch nicht nur um die Protokollierung und Analyse der Schritte hin zu einem „präventiv-autoritären Sicherheitsstaat”, sondern auch darum, bürgerschaftliches Engagement zur Verteidigung des Rechtsstaates vorzustellen. Der ehemalige Bundesinnenminister Otto Schily und sein Nachfolger Wolfgang Schäuble sind die Hauptfiguren in Gössners Studie. Aber es geht dem Autor nicht um eine vordergründige Personalisierung. Seine materialreiche Analyse macht vielmehr deutlich, dass die Neuausrichtung der inneren Sicherheit auch in Deutschland mit „sicheren Grundrechtsverlusten” einhergeht. Gössner ist davon überzeugt, dass die Politik mit ihren fragwürdigen Methoden – ausufernde Telefonüberwachung, Rasterfahndung, Computerausspähung, und generell der „Militarisierung der inneren Sicherheit” – keinen Terroranschlag verhindert habe. Der „entfesselte Rechtsstaat” auf dem Weg zu seiner Abschaffung lasse dagegen eine „Kultur des Misstrauens” entstehen, unter denen vor allem diejenigen zu leiden hätten, die sich kaum wehren könnten, von denen aber keine Gefahr ausgehe. Verlierer des staatlichen Antiterrorkampfes seien vor allem Einwanderer und ihre Kinder – und unter ihnen besonders die Muslime. Massiv an Einfluss gewonnen hätten dagegen die Geheimdienste: Die Trennung von polizeilicher und nachrichtendienstlicher Tätigkeit als verfassungsmäßiges Gebot nach den Erfahrungen der Nazizeit verliere immer mehr an Bedeutung. Hier wachse zusammen, was nicht zusammengehört. Dabei teilt Gössner nach allen Seiten aus: Er erwähnt nicht nur den Anteil der Diskussionsbeiträge des Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Heinz Fromm, an der Aufweichung des Folterverbotes in der Bundesrepublik, sondern bringt auch Oskar Lafontaines populistische Interventionen zu diesem Thema in Erinnerung. Gössner nimmt auch die deutsche Beteiligung an Kriegen wie in Afghanistan unter die Lupe. Es ist fast selbstverständlich, dass er in diesem Zusammenhang die Aushöhlung des Völkerrechts anprangert. Der Autor setzt auch hier auf die Förderung von Zivilcourage, etwa am Beispiel des Majors Florian Pfaff, der sich geweigert hatte, einen Befehl auszuführen, der seiner Ansicht auf eine Unterstützung des Irakkrieges hinauslief. Das Bundesverwaltungsgericht rehabilitierte den entlassenen Major. Gössner kritisiert nicht nur staatliches Handeln, sondern beklagt auch die Sehnsucht nach trügerischer Sicherheit in großen Teilen der Bevölkerung. Aber der Autor kommt nicht im Gestus eines allseits frustrierten Fundamentaloppositionellen daher. So entwickelt er beispielsweise differenzierte, juristisch und politisch durchdachte Initiativen zum Umgang mit dem Rechtsradikalismus. Gehört das überhaupt noch zum Thema? Ja, durchaus, zumindest wenn es um einen ganzheitlichen demokratischen Ansatz geht, der sich nicht nur damit begnügt, vor dem Überwachungsstaat zu warnen, sondern den vielfältigen Gefährdungen von Bürgerrechten in ihrer ganzen Breite entgegentreten will. Aufklärerisch ist hier bereits, dass Gössner den Begriff „rechter Terror” verwendet – und so deutlich werden lässt, dass es auch im Windschatten des 11. 9. verschiedene Spielarten terroristischer Gewalt gibt. Er warnt vor einfachen, nicht-rechtsstaatlichen Konzepten in der Auseinandersetzung mit der NPD. Den Königsweg sieht Gössner auch hier im demokratischen Engagement von Bürgerinnen und Bürgern. Umfassend plädiert er für einen „sozialen, friedens- und umweltpolitischen Sicherheitsbegriff”. Wenn der Rechtsstaat unter die Räder kommt, ist es auch um die Gerechtigkeit schlecht bestellt. Diesen Schluss legt das Buch, in Abwandlung eines berühmten Zitats aus der Bürgerrechtsbewegung der DDR, nahe. Mancher Schlapphut mag sich von Gössners Ansatz überfordert fühlen: Seit Jahren wird der Jurist, der auch als Politikberater tätig ist, selbst vom Verfassungsschutz beobachtet. Dagegen klagt er nun. Dieser Rechtsstreit dürfte spannend werden.
Martin Forberg

Grossman, David: Der geteilte Israeli. Über den Zwang, den Nachbarn nicht zu verstehen. München (Hanser) 1992, 279 Seiten, ISBN 3-446-17064-2 (vergriffen).

vier Jahre, nachdem David Grossman in die Besetzten Gebiete fuhr und seine Begegnungen und Eindrücke nach damals 20 Jahren Besat­zung in "Der gelbe Wind" (1988) ver­öffentlichte, begab er sich neu­er­lich auf die Reise, um PalästinenserInnen zu treffen – doch diesmal im eige­nen Land, nämlich die Palästi­nen­­serIn­nen mit israelischer Staatsangehörigkeit. Und erneut schrieb er darüber, über seine Begeg­nungen und Gespräche, aber auch, und nicht zuletzt, über die Begegnung mit sich selbst angesichts dieser Treffen. Anders als der deutsche Buchtitel, nimmt der hebräische Original­titel "Anwesende Abwe­sen­de" auf den Status Bezug, der den PalästinenserInnen mit israe­li­scher Staats­bür­ger­­schaft, oder, so der isra­eli­sche Sprach­ge­brauch, den "Nicht-Juden" oder den "israe­li­schen Arabe­rIn­nen" gegeben worden war, als Basis für um­fang­reiche Enteignungen im Zuge des Absentee Property Law. Und, und so kristallisiert sich im Laufe der Lek­türe heraus, diese Zeiten sind nicht vor­bei, son­dern für die israelisch-jüdische Mehr­heit war An­fang der 1990er Jahre die palästinensische Minderheit im Lande noch immer ab­wesend, da sie kaum im öffent­lichen Bewußtsein wahrgenommen wird. Sehr klar wird aber auch im Laufe der Ge­sprä­che mit den verschiedenen Protagoni­stInnen aller Alters- und Berufsklassen und politischer Richtungen, daß diese ihren unsicheren Status, ihre mannigfaltige Diskrimi­nierung und fehlende Partizipation nicht nur auf die Mehrheit schieben, sondern auch an der eigenen Gesellschaft und Kultur massive Kritik üben, da sie einen anerkannteren Status weder einfordern noch darauf hin­arbeiten – sei es, weil es bequemer ist, alles auf Andere zu schieben, sei es aus Resig­na­­tion oder Schutz vor Enttäuschungen. "Der geteilte Israeli" war eines der ersten und wenigen (Nicht-Fach-)Bücher, die man auf deutsch zu diesem Thema lesen konnte. Obwohl es mitt­ler­weise fast 15 Jahre alt ist, ist es nicht ver­altet, auch wenn die meisten der Intellek­tu­ellen, die Grossman interviewt hat, und die zum damaligen Zeitpunkt Vordenker über den Status der palästinensi­schen Israelis waren, nicht mehr diese sind, son­dern z. T. auch das Land ver­las­sen haben, ist es noch immer topaktuell. Zusätz­lich zeigt es, wie­viel Zeit ungenutzt ver­stri­chen ist, und auch, daß sich herausgestellt hat, daß eine gewis­se Hoffnung, die zu frühen Zeiten der Ver­hand­lungen nach der ersten Intifada geherrscht hat, getrogen hat, wie die zweite Intifada in Be­zug auf die Situation in Israel gezeigt hat.
© Thea Geinitz

Grossman, David: Diesen Krieg kann keiner gewinnen. Chronik eines angekündigten Friedens. München (Hanser) 2003.

“Diesen Krieg kann keiner gewinnen“ enthält eine Sammlung von 37 Essays von David Grossman, die dieser für eine israelische und eine englische Aus-gabe zusammengestellt hat. Für die deutsche Ausgabe wur-den einige Artikel hinzugenommen, die in deutschen Zei-tun-gen erschienen sind. Der erste wurde im September 1993 anläßlich der Unterzeichnung der Declaration of Principles geschrieben, die letzten sind vom Mai und Juni 2003. Den einzelnen Kapiteln jeweils vorausgeschickt wird eine kurze Erläuterung, was der Anlaß für den je-weiligen Essay, die Reportage, den offenen Brief war, was den LeserInnen nicht nur die Einordnung erleichtert, sondern auch wieder nachvollziehbar die Umstände erläutert. Grossman nimmt nicht nur die Leiden der Palästinenser wahr – auch wenn er sie eher aufzählend er-wähnt als ein-gehend ausführt – , und jenseits der üblichen Stereotypen schildert er sehr eindring-lich, welche Sorge um seine Familie und welche Unruhe, welche Ängste die palästinensischen Anschläge und die israelische Regierungspolitik ihm als Individuum bereiten. Durch diese persönliche Sicht bringt er sehr nahe, was der Nicht-frieden anrichtet, und es ist klar, daß er dies selbstverständ-lich auch auf der palästinensischen Seite bewirkt.Und er sagt immer wieder ganz klar: Der Frieden ist kein Geschenk, kein Gnadenakt an die Palästinenser, sondern auch ein Geschenk und eine Notwendigkeit für Israel, nicht zuletzt, um die Zerstörungen und Verwerfungen, die die Besatzung auch in der israelischen Gesellschaft hervorrufen, aufzuhalten. Und ebenso klar attackiert er wiederholt die Politik Sharons und auch dessen Parteikollegen Netanyahu, die er beide stets für ein Unglück für Israel und die Region gehalten hat. Etwas zu positiv hingegen sieht er Barak, der, wie sich ja gezeigt hat, bei weitem nicht so friedenswillig war, wie er vorgab und wie es oft zu seiner Regierungszeit scheinen sollte. Vielleicht war da einfach die Hoff-nung größer als die Einsicht. Aber, und das ehrt die Auswahl der Artikel auch, als zeitnahe Dokumente und Einschätzungen sind sie in das Buch gekommen. “Diesen Krieg kann keiner gewinnen“ ist nach “Der gelbe Wind“ (1988) und “Der geteilte Israeli“ (1992) der dritte Band mit politischen Reportagen und Essays von David Groß-man. Und so, wie es sich im-mer wieder em-pfiehlt, zu den beiden früheren Büchern zu greifen, wird auch der vor-liegende Band einer sein, den man noch in 10, 15 Jah-ren wie-der und wieder zur Hand nehmen kann. Dabei wird man feststellen, daß das, was gesehen werden konnte, wenn jemand nicht bewußt die Augen vor dem Schicksal der Nach-barn, die über-wiegend nur als Gegner dargestellt wurden (und von Seiten, die davon profitierten, dargestellt werden mussten?), ge-sehen wurde. Und nicht nur das, es wurde niedergeschrieben und wurde veröffentlicht, und es konnte gelesen wer-den. Auch wenn der Inhalt hart ist, und man vielleicht erschrickt, wie die Realität und ihre Einschätzung “damals“ waren, schön und mit Gewinn zu lesen sind die drei Bücher auf jeden Fall. Noch zwei Anmerkungen zu den Übersetzungen und dem deutschen Titel: Die vorliegenden Essays wurden von vier verschiedenen Übersetzerinnen (wobei beim Vor- und Nachwort nicht erwähnt wurde, von wem) ins Deutsche übertragen. Es ist bedauerlich, daß nicht abschließend auf eine korrekte und einheitliche Terminologie (und beim Nachwort nicht auf eine Abstimmung der Schreibweisen mit den übrigen Kapiteln) geachtet wurde. Weiter ist zu bemängeln, daß, mit Ausnahme und in Ansätzen der Übersetzungen von Beate Esther von Schwarze, die falschen Begriffe “Autonomiebehörde“ für “Palestinian Authority“ und “Autonomiegebiete“ statt “Gebiete unter palästinensischer Verwaltung“ angewandt werden und überwiegend das unsägliche Attribut “Palästinenser-“, wenn von der palästinensischen Führung, Organisationen und Gebieten gesprochen wird. Auch wenn dies in den deutschen Medien und Publikationen leider meist der Fall ist und vielleicht oder möglicherweise lediglich eine Art Vorstaatlichkeit ausdrücken soll, so ist dies nicht so, es klingt nur illegitim und ist einfach falsch: Das englische Adjektiv “Palestinian“ heißt korrekt übersetzt “palästinensisch“, und auch im Hebräischen werden die Begriffe “Staat Palästina“ oder “palästinensischer Staat“ verwendet. Der deutsche Untertitel strahlt zu viel Optimismus aus, und er nimmt im Gegensatz zu den französischen (“Chronik eines verzögerten Friedens“) und englischen (“Tod als Lebensstil – Von Oslo zu den Genfer Vereinbarungen“) Titeln auch weniger auf das Ausweglose und Fatale Bezug, sondern auf das Unausweichliche eines Friedens. Wie wenig das zutrifft und wie wenig Optimismus angebracht ist, haben besonders die letzten 3 Jahre gezeigt. Und die Lektüre des Buches zeigt auch, daß das nicht erst seit Beginn der 2. Intifada so ist, sondern die Fehlentwicklung von Anfang an angelegt war und allenfalls durch eine aufrichtige und beiden Seiten nutzbringende Auslegung der Vereinbarungen zu einem Frieden, der diesen Namen verdient, hätte führen können.
Thea Geinitz
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Hass, Amira: Gaza. Tage und Nächte in einem besetzten Land. München dtv 2004. 11,50 €.

Buchrücken-Text: Amira Hass, die einzige israelische Journalistin, die unter Palästinensern lebt, zeichnet das Bild einer Gesellschaft zwischen Fatalismus und Hoffnung, zwischen Ausweglosigkeit und Überlebenswillen."Amira Hass ist einigen von Euch vielleicht bekannt: Einige ihrer Artikel, die in Ha'aretz veröffentlicht wurden, sind auf Deutsch im Internet nachzulesen. Wer für ein Buch keine Geduld hat und gern Englisch liest, dem sei eine Buch-Rezension im aktuellen "Exberliner" ans Herz gelegt, der englischsprachigen Monatszeitschrift Berlins. In der Novemberausgabe ist ein Interview mit der jüdisch-britischen Schriftstellerin Linda Grant über ihr neues Buch "The People on the Street". Grant hat einige Monate in Tel Aviv gelebt und schreibt über die israelische Gesellschaft, wie sie sie erlebt hat. Es ist eher eine Suche als eine Reportage, zumal sie eigentlich Romanschriftstellerin ist. Ihre Beobachtungen sind, da sie eben keine Reporterin, sondern Prosa-Autorin ist, zart und subtil, nichts destoweniger treffend. Es lohnt sich allein, die Zeitschrift wegen des Photos aufzuschlagen, das den Artikel begleitet - ein Soldat in Purim-Verkleidung mit Freundin und umgehängtem Maschinengewehr.

Hermann, Katja: Palästina in Israel Selbstorganisation und politische Partizipation der palästinensischen Minderheit in Israel. Klaus Schwarz Verlag 2008, 1. Auflage.

Die palästinensische Zivilgesellschaft innerhalb Israels erfährt seit den 1990er Jahren eine deutliche Stärkung. Mit der vermehrten Selbstorganisation in Form von Nichtregierungsorganisationen, politischen Parteien und Initiativen, die die Interessen der palästinensischen Minderheit vertreten und die als Vermittler kollektiver Identität fungieren, verstärkt sich der Widerstand gegen die strukturelle Diskriminierung der in Israel lebenden palästinensischen Bevölkerung. Basierend auf Gesprächen mit Aktivistinnen und Aktivisten palästinensischer Menschenrechtsgruppen, Flüchtlingsvereine, Forschungs- und Kultureinrichtungen, Frauenorganisationen sowie politischer Parteien analysiert das Buch die Hintergründe dieser Entwicklung und untersucht die Themen und Strategien der unterschiedlichen zivilgesellschaftlichen Akteure. Besonderes Augenmerk gilt dabei der Rolle und dem Einfluss palästinensischer translokaler und transnationaler Beziehungen.
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Ifa (Institut für Auslandsbeziehungen): I. Lenz, S. Alber, V. Hammerbacher: Rasem Badran. Architektur und Ort Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in den ifa-Galerien Berlin (12. 04. 05 – 29. 05. 05) und Stuttgart (17. 06. 05 – 14. 08. 05) Berlin 2005, 72 Seiten. Keine ISBN – 9,00€

Mit Rasem Badran stellen die ifa-Galerien einen der bedeutsamsten arabischen Architekten vor, der aber in der westlichen Welt weitgehend unbekannt ist, da er einerseits vor allem in den arabischen Ländern arbeitet und andererseits auch, anders als auch hier bekannte arabische ArchitektInnen nicht modern oder postmodern entwirft und baut, sondern sich in seinen Arbeiten auf tradi­tio­nelle Strukturen besinnt. Hierbei verbindet er diese traditionellen arabischen und islami­schen Strukturen mit modernen Materialien, und mit dieser Synthese und einer ausgie­bi­gen Auseinandersetzung mit dem zu bebau­enden Ort, seinen historischen, kulturellen und sozialen Prägungen und Überlagerungen schafft er eine ganz außergewöhnliche Archi­tektur, die sich harmonisch in die Landschaft einfügt und mit dieser harmonisiert. Rasem Badran, 1945 in Jerusalem als Sohn von Jamal Badran geboren, der als Grafiker und Ornamentkünstler u. a. für die Restau­rie­rung der Al-Aksa-Moschee zuständig war, wuchs in Ramallah und Tripolis auf und hat in den Sechziger Jahren in Dortmund studiert. Nach seiner Rückkehr arbeitete er eine kurze Zeit in Ramallah, wo er Forschungsarbeiten für (Ost-)Jerusalem begann, dann siedelte er Anfang der Siebziger Jahre nach Amman über, wo er seitdem ein Architekturbüro hat. Seine Entwürfe sind vielfach ausgezeichnet und in vielen arabischen Staaten realisiert worden. Er beschränkt sich nicht auf eines – Sakral- oder Profanbauten –, sondern unter seinen Arbeiten finden sich Moscheen, Museen und Bibliotheken ebenso wie Wohn­häuser und Wohnsiedlungen. Auffallendes Merkmal seiner Bauten sind oft Kuben, die ineinander verschachtelt sind. Dem Klima und der Landschaft angepaßt findet man schmale Fenster, Innenhöfe, Holz­balkone – alles Elemente traditionellen Bau­ens in der arabischen Welt, die einerseits die Abgeschiedenheit von außen, aber auch die Öffnung von innen nach außen gewähren. Die Ornamente, in der modernen Architektur oft verpönt, stellen ebenfalls eine Verbindung zur regionalen Tradition her. In der Ausstellung, von Badrans Büro konzi­piert und zusammengestellt, sind ausge­wähl­te Projekte in Entwürfen, Skizzen und Photos ihrer Umsetzung zu sehen: Die große Moschee in Bagdad, die König Abdul Aziz Moschee in Al-Khardj in Saudi-Arabien, das Museum der Islamischen Künste in Doha (Katar) ebenso wie die Wohnhäuser Haus Handal und Haus Al-Talhouni in Amman, die Wohnanlage Fuhais, eine Wohnanlage für die Angestellten der Zementfabrik Fuhais in Jordanien, und die Wohnanlage Wadi Bou-Jmil in Beirut. All diese Projekte sind auch im Katalog beschrieben und mit Skizzen und Photos abgebildet. Weiter enthält der Katalog Berichte über Rasem Badran, verfaßt von Studien­kolle­gIn­nen und den KuratorInnen der Ausstellung, und ebenso gibt es darin noch einen Aufsatz von Rasem Badran persönlich, in der er seinen Ansatz und seine Philosophie darlegt. Alles in allem ein sehr interessanter und infor­ma­tiver Band in der qualitativ und ästhetisch gelungenen und mittlerweise bewährten Publi­kationsreihe des Instituts für Auslandsbeziehungen.
© Thea Geinitz

ifa: Der Westen und die Islamische Welt. Eine muslimische Position. Institut für Auslandbeziehungen (ifa) (Hg.) Stuttgart 2004, 248 S., keine ISBN, Deutsch – englisch – arabisch.

Der Westen und die Islamische Welt. Eine muslimische Position ist innerhalb des Sonderprogramms "Europäisch-islamischer Kulturdialog" des Auswärtigen Amtes entstanden und vom Institut für Auslandbeziehungen, Stuttgart im Rahmen des ifa-Forums Dialog und Verständigung herausgegeben worden. Der Report wurde von Salwa Bakr (Ägypten), Basem Ezbidi (Palästina), Dato' Mohammed Jawhar Hasan (Malaysia), Fikret Karcic (Sarajewo), Hanan Kassab-Hassan (Syrien) und Mazhar Zaidi verfaßt. Grundgedanke war es, an ein europäisch-deutsches Publikum adressiert, von Intellektuellen aus verschiedenen moslemisch geprägten Ländern ihre Einschätzung des Standes und der Probleme der westlich-muslimischen Beziehungen zu vermitteln. Denn, so im Vorwort, es hat sich in der Vergangenheit wiederholt gezeigt, daß interkulturelle Dialoge nicht offen geführt wurden, und es wurde einander nicht zugehört. So soll dieses Papier der westlichen Seite aufzeigen, wie in muslimisch geprägten Gesellschaften die Weltlage und "der Westen" eingeschätzt werden. Die AutorInnen fragen erst einmal, wie der Westen definiert werden kann, und ob er über-haupt noch streng von anderen Kulturräumen abgegrenzt werden kann. Diese nicht ein-deutige Abgrenzbarkeit stellen sie auch für die muslimische Welt fest. In den weiteren Kapiteln arbeiten sie heraus, wie sich das Bild vom "Westen" in der ara-bisch-moslemischen Welt entwickelt hat, von den Kreuzzügen über den Kolonialismus, die fortgesetzte postkoloniale Aufteilung in Einflußgebiete bis zum 11. September 2001 und seinen Auswirkungen. Dabei zeigen sie auf, welch verzerrte Bilder vom Islam und den Muslimen im Westen und welche Wahrnehmungen und Stereotype über den Westen in der isla-mischen Welt vorherrschen, und wie diese jeweils das Verhältnis zur anderen Seite bestimmen. Ein Schwerpunkt, um ihre Sicht und Standpunkte zu erläutern, ist natürlich die Palästinafrage – allen, die sich heute noch fragen, warum dem Westen besonders hier doppelte Standards vorgeworfen werden, seien die diesbezüglichen Kapitel ausdrücklich empfohlen. Aber nicht nur diese exogenen Faktoren, sondern auch endogene werden heraus-gearbeitet; dabei stützen sich die AutorInnen häufig auf den Arab Human Development Report des UNDP. Abschließende Schlußfolgerungen und Empfehlungen machen diese jeweils knapp 85 Sei-en zu einer lohnenden Lektüre. Sie geben eine gute Basis und viele Anregungen, wie ein Dialog geführt werden kann: Durch Bewußtwerden und Darlegung eigener Definitionen und eigener Standpunkte und durch die Bereitschaft auf allen Seiten, sich kritisch damit auseinanderzusetzen. Zu beziehen über: Institut für Auslandbeziehungen Charlottenplatz 17 70173 Stuttgart Als pdf (deutsch, englisch oder arabisch) auch unter: www.ifa.de/dialogislam.
©Thea Geinitz
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Kamm, Shira : The Arab Citizens of Israel Status & Implications for the Middle East Conflict. Mossawa Center (Ed), 2003, 72 p.


(Auch als pdf-Datei im Internet über www.mossawacenter.org/en/reports)
Der schmale Band, von Shira Kamm verfaßt und von einer palästinensisch-arabischen NGO in Haifa herausgegeben, gibt einen knappen, aber dennoch umfassenden Überblick über die aktuelle und potentielle Situation der palästinensischen Minderheit in Israel. Diese macht etwa 20 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Hierbei werden, ausgehend vom historischen Hintergrund, sowohl die sozioökonomische Situation, die rechtliche Lage und die politische Partizipation, jeweils auf wenigen Seiten, abgehandelt. Ein Schwerpunkt bei letzterem ist die Beteiligung der israelischen PalästinenserInnen an den Wahlen, vor allem in den Jahren nach Oslo, wobei sich dies allerdings, der Kürze des Gesamttextes geschuldet, eher auf die Deskription denn auf die Analyse beschränkt. Statistiken und Graphiken belegen die in den Textteilen gemachten Aussagen. Obwohl der geringe Umfang wirklich nach einer knappen Darstellung verlangte, so gibt der Band dennoch einen sehr guten Eindruck von der Lage und auch der Zwangslage der israelischen PalästinenserInnen. Nirgendwo richtig zugehörig, von dem Staat, dessen BürgerInnen sie sind und den sie mit ihren Steuern mitfinanzieren, fortgesetzt und zunehmend diskriminiert und mit Mißtrauen als fünfte Kolonne angesehen. Dies zeigt sich vor allem in den letzten Jahren, wo dies immer offener geschieht, sei es, weil z.B. die Höhe des Kindergeldes an die Absolvierung des Wehrdienstes der Eltern geknüpft ist, oder dem Niederlassungsverbot in Israel bei gemischt-israelisch-palästinensischen Ehe-schließungen, Restriktionen, die nur diese betreffen. Und als BürgerInnen des Staates Israel werden sie auch vom eigenen Volk, dessen Führung und auch der übrigen arabischen Welt mit Mißtrauen, da doch dem Feind angehörig, betrachtet. Aber die Autorin beläßt es nicht bei dieser doch negativen Bestandsaufnahme, sondern sieht in die Zukunft und auf das Potential, das in dieser Bevölkerungsgruppe als Mittlerin im Konflikt sieht. Diese ist in ihren Augen dafür prädestiniert, weil sie eben beide Seiten und Kulturen kennt. Ein fünfseitiges Literaturverzeichnis, die der Leserschaft Hinweise auf die Quellen und weiterführende Publikationen gibt, rundet den rundum positiven Eindruck dieses Bandes ab. Aber ein ganz kleinen Mangel gibt es: Es wäre noch informativer, wenn nicht nur beschrieben wäre, wo die palästinensischen Israelis schwerpunktmäßig siedeln, sondern dies auch anhand einer Karte illustriert wäre. Fazit: Wirklich empfehlenswert, vor allem als erster Einstieg in dieses Thema.
©Thea Geinitz

Kashua, Sayed: Tanzende Araber. Berlin 2004 (BvT) PB, 280 Seiten, 9,90 €, ISBN 3-8333-0095-7.

Kashua, Sayed: Und es ward Morgen. Berlin 2005 (Berlin Verlag) 303 Seiten, 19,90 €, ISBN 3-8270-0573-6.

Sayed Kashua, Palästinenser mit israelischem Paß, hat in den letzten Jahren zwei Bücher vorgelegt, die in Israel und im Ausland für ziemliche Furore sorgten. Seitdem wird er als Shooting-Star der Literaturszene gehandelt, und, wie die Lektüre beider Bücher zeigt, ist das nicht Zeichen eines unverständlichen Hypes, der auf einer gewissen Exotik in Israel selbst und natürlich vor allem auch außerhalb beruht, sondern bei Sayed Kashua handelt es sich tatsächlich um einen bemerkenswerten Schriftsteller. Er schreibt (wie vorher schon Anton Schammas, der zwischenzeitlich aber nur noch auf Englisch schreibt und seit nunmehr fast 20 Jahren keine Romane oder Gedichte mehr veröffentlicht hat) auf Hebräisch, weil er der Überzeugung ist, nur so das israelische Publikum zu erreichen – sowohl das hebräischsprachige wie auch das arabischsprachige, denn einen arabischen Verlag gibt es nicht in Israel. Und die Wahrscheinlichkeit, übersetzt zu werden, ist bei hebräischen Publikationen höher als bei arabischen. 1975 in Israel geboren, besuchte Kashua erst eine arabische Grundschule, danach eine hebräische Oberschule. Von dieser Kindheit und Jugend handelt das Buch Tanzende Araber. Wiewohl vermutlich nicht autobiographisch, so fließen doch viele der Erfahrungen ein, die der junge Sayed Kashua in seiner Kindheit und Adoleszenz so oder ähnlich gemacht haben wird. Es ist ein Bericht über eine versuchte, aber letztendlich doch scheiternde Integration durch Assimilation. Sein verzweifeltes Bemühen, sich während der Internatszeit der jüdisch-israelischen Umgebung anzupassen, und dies auch unter Leugnung seiner palästinensisch-arabischen Herkunft, führt nur dazu, daß er verloren zwischen beiden Communities steht: Nicht akzeptiert von der einen Seite, zu der er gehören möchte, die andere Seite, der er doch angehört, selbst nicht akzeptierend. Die Beziehung zu einer jüdischen Mitschülerin scheitert, da die Familien beider Seiten gegen diese Verbindung sind. Depressionen in Verbindung mit Tablettenkonsum führen zu einem Suizidversuch, lassen ihn erkennen, daß man Anerkennung und Liebe nichts erzwingen kann; nicht aus Leidenschaft oder Überzeugung – mehr aus Einsicht kehrt er in den Schoß der Familie zurück und heiratet eine Palästinenserin, die wie er die israelische Staatsbürgerschaft hat. Lakonisch schreibt Kashua, vergnüglich oder witzig, wie manchmal über dieses Buch zu lesen war, ist es aber nicht, auch wenn man manchmal an einigen Stellen, so z.B. wenn er seine Kindheit und hierbei vor allem seinen Vater schildert, lächeln muß – aber eben nur so, wie Außenstehende lächeln, wenn sie Kinder beobachten, ohne deren innere Not zu erkennen. Melancholie und Schmerz herrschen vor, die aus dem steten Bemühen resultieren, Boden unter die Füße zu bekommen, wobei es zeitweise einige wenige Hoffnungsschimmer zu geben scheint. Und damit spiegelt das Buch sehr gut die Situation der palästinensischen Israelis, wie sie vor Ausbruch der 2. Intifada und vor den Ereignissen in Israel im Oktober 2000 herrschte: Einerseits Hoffnung, anderseits doch die latente Einsicht, daß diese trügt. Dies ändert sich gegen Ende des Buches: Die 2. Intifada hat begonnen, und der Ton wird zunehmend resignativ. Spätestens jetzt gibt es keine Hoffnung mehr, sondern nur noch Träume, und es dominiert die verinnerlichte Haltung, sich so zu verhalten, daß man nicht als Araber erkannt wird. Und die Furcht bei den Bewohnern des Dorfes, eines Tages vertrieben zu werden, verstärkt sich. Und es ward Morgen, 2005 erschienen, schließt daran an. Es ist etwa das Jahr 2004, die 2. Intifada geht in ihr 4. Jahr, und nicht nur in den besetzten Gebieten, sondern auch in Israel selbst sind Auswirkungen davon nicht zuletzt in der Wirtschaft zu spüren. Der Protagonist, Journalist bei einer hebräischen Zeitung, wohnt mit seiner Frau und Tochter in der Stadt in einem gemischten Viertel, beschließt aber, nach über 10 Jahren Abwesenheit in ihr Dorf zurückzukehren. Ausgelöst wird diese Rückkehr durch das sinkende Einkommen, steigende Kosten und durch anti-arabische Slogans an den Hauswänden, die Entscheidung dazu zog sich über mehrere Jahre hinweg, als Folge der "zwei bitteren Tage im Oktober". Geschildert werden die Schwierigkeiten, die beide Eheleute mit der mittlerweise fremden Umgebung haben, die Enge, die Abwehr, sich dort wieder heimisch zu fühlen. Und die Erkenntnis, daß die Hoffnung, daß nicht nur sie sich, sondern auch die im Dorf Gebliebenen eine Entwicklung ähnlich ihrer durchgemacht hätten, so nicht zutraf. Nach wenigen Wochen schon vollzieht sich etwas, was sie zwangsweise an ihr Dorf bindet: Der Ort wird komplett von der israelischen Armee umstellt, von der Außenwelt abgeriegelt, es gibt keine Verbindung mehr von außen und nach außen, nichts mehr funktioniert, die gesamte Infrastruktur bricht zusammen, Telekommunikation, Fernsehen – nach und nach ist alles außer Betrieb. Die einzigen Nachrichten, über ein batteriebetriebenes Radio empfangen, berichten über "Beteiligungen der israelischen Araber an Anschlägen gegenüber jüdische Bürger", die Ausrufung eines landesweiten Notstands werde erwogen. Im Dorf selbst wird nichts verstanden, aber sehr schnell werden diese Entwicklungen auf die Anwesenheit illegaler Arbeiter aus den palästinensischen Gebieten geschoben. Die Solidarität mit diesen wird aufgekündigt, die, so der Autor, eigentlich mehr eine Ausbeutung deren Situation war als tatsächlich Solidarität, und ihre Auslieferung an Israel wird beschlossen. Doch es nützt nichts, diese sind nicht der Grund für die Abriegelung. Als sich dies zeigt, wächst die Sorge vor allem um die Versorgung, Konflikte innerhalb der Dorfgemeinschaft brechen auf, Überfälle, Plünderungen finden statt. Und plötzlich, nach einigen Tagen, ziehen sich die Soldaten zurück, nach und nach geht alles wieder, aber dennoch ist nichts wie vorher, wie sich herausstellt: Ein Friedensabkommen wurde geschlossen, und im Zuge dessen wurden Gebietskorrekturen vorgenommen. Karten verdeutlichen, was dies bedeutet: Das Dorf wurde komplett mit seinen BewohnerInnen aus dem israelischen Staatsgebiet herausgenommen und dem palästinensischen zugeschlagen... ohne jede Chance, gefragt geworden zu sein. Zukunft ungewiß. Kashua geht in diesem Buch hart ins Gericht: Mit der Staatsgewalt und der israelischen Mehrheitsgesellschaft, aber vor allem auch mit der palästinensischen Community in Israel, da diese zuviel mit sich geschehen läßt, weil sie primär auf ihren eigenen Vorteil bedacht ist. Er schildert sehr anschaulich, und das ist erstmals in einem Roman zu lesen, wie sich die palästinensischen „Dörfer“ (eigentlich sind die Ortschaften zu groß, als daß sie als Dorf bezeichnet werden könnten; in israelischen Statistiken gelten Ortschaften mit mehr als 2.000 Einwohnern als Städte, aber die arabischen haben oft keine ausreichende soziale oder räumliche Grundstruktur, so daß der Dorfcharakter weiterbesteht) seit Oslo entwickelt und davon profitiert haben, davon, daß Israelis zum Einkauf kamen, daß die Bewohner Arbeiter aus den besetzten Gebieten beschäftigten und somit Unternehmer wurden, auch davon, daß Kollaborateure angesiedelt worden waren... Und er beschreibt den damit einhergehenden Zerfall der Wertvorstellungen, die Tatsache, daß zwar die gefürchtet, aber auch bewundert und respektiert werden, die mit Drogen und Diebesgut handeln, aber auch die Gerüchte, daß dies von israelischen Stellen gefördert wurde, um die Gesellschaft zu spalten und zu schwächen. Weiter erfährt man sehr viel über „das normale Leben“ der israelischen Palästinenser, aus den Erzählungen der Älteren auch in frühen Jahren seit der Staatsgründung. Belastend ist es, dies so deutlich zu lesen, und es läßt einen nicht mehr los. Ein beklemmendes Buch, das sehr nah- und nachgeht. Einen Schwachpunkt gibt es aber: Die arabischen Begriffe, wie sie im Buch vorkommen, sind sehr irritierend, d.h. untypisch transkribiert, und es ist unklar, ob diese einfach nur eigenwillig übersetzt wurden, oder ob diese vom Autoren an eine hebräische Aussprache angepaßt wurden – dies ist aber nur schwer vorstellbar.
© Thea Geinitz

Kirstein Keshet, Yehudit: Checkpoint Watch. Zeugnisse israelischer Frauen aus dem besetzten Palästina. A. d. Engl. v. Ulrike Vestring, Nautilus, Hamburg 2007, 253 Seiten, 18 Euro.

Zerstückelung als Ziel Die Friedensaktivistin Yehudit Kirstein Keshet hat ein provozierendes und differenziertes Buch über Israels "Checkpoints" geschrieben.
Bei ihrem nächsten Israel-Besuch Mitte dieses Monats sollte die Bundeskanzlerin die Frauen von "Machsom Watch" treffen. Sie beobachten seit 2001 das Geschehen an den Machsomim, den Kontrollposten der israelischen Armee zwischen dem Westjordanland und Israel. Kürzlich erschien ein Erfahrungsbericht über die Arbeit der Frauen- und Menschenrechtsorganisation von Yehudit Kirstein Keshet, einer der Mitbegründerinnen von Machsom Watch. Sie schreibt zugleich provozierend ("Ironischer- und tragischerweise hat die Schaffung des Gettos Palästina zur Entstehung des Gettos Israel geführt") und differenziert. So erklärt sie, dass sich ihr Begriff der israelischen "Besatzung" auf die militärische Eroberung des Westjordanlandes und des Gazastreifens von 1967 bezieht. Dadurch bekommt der zunächst schillernde Untertitel des Buches "Zeugnisse aus dem besetzten Palästina" seinen präzisen Rahmen. Im Vorwort zur deutschen Ausgabe des Buches betont sie, dass es keinen Vergleich zwischen "Israels Unterdrückung der Palästinenser und den Untaten" geben könne, "die im Dritten Reich in ganz Europa begangen wurden". Keshet wurde 1943 in England als Kind geflüchteter jüdischer Berliner geboren. Viele Gründerinnen von Machsom Watch verstehen sich wie Yehudit Kirstein Keshet als Teil der nichtzionistischen Linken in Israel. Aber es war nicht Ideologie oder Ideologiekritik, die sie zum Handeln bewog, sondern das Elend an den Checkpoints. Sie hörten von Frauen, die dort gebären mussten, weil ihnen Soldaten den Durchgang zum Krankenhaus verweigerten. Anfangs glaubten die Menschenrechtsaktivistinnen, ihre bloße Anwesenheit werde das System der Kontrollposten in die Knie zwingen. Jahre später sind sie um viele Enttäuschungen reicher. Dennoch ist Machsom Watch mittlerweile auf mehr als 500 Frauen angewachsen. Der Prozess dieses Wachstums, die internen Diskussionen und Konflikte - all das ist spannend zu lesen. Yehudit Kirstein Keshet steht zwar manchen Entwicklungen in der Organisation kritisch gegenüber, sieht aber in der neuen Vielfalt von Machsom Watch eine große politische Chance, in die israelische Gesellschaft hinein zu wirken. Ihre Analyse des Systems der Checkpoints unterlegt die Autorin mit Beobachtungen und Eindrücken von Machsom-Watch-Frauen. Die Berichte, aus denen sie zitiert, sind die handfesten Spuren, die die Organisation fortlaufend hinterlässt. Nachzulesen unter www.machsomwatch.org. Betroffen sind grundsätzlich die palästinensischen Zivilisten vor und die israelischen Soldaten hinter den Kontrollpunkten - wenn auch ganz unterschiedlich. In diesem Sinne schrieb schon der palästinensisch-israelische Intellektuelle Asmi Bischara: "Die Wirklichkeit ist nur noch ein Checkpoint, und in der Wirklichkeit gibt es kein Gleichgewicht im Schrecken. Es gibt zwei Schrecken ohne Gleichgewicht, zwei Ängste ohne Ausgewogenheit." Durch die Kontrollposten wird die palästinensische Gesellschaft zerstört, meint Yehudit Keshet. Ihr Zweck ist die kollektive Bestrafung und militärische Überwachung der palästinensischen Zivilbevölkerung. Und sie dienen der "Zerstückelung des Landes". Mit Sicherheitserwägungen haben die Kontrollposten jedenfalls nichts zu tun, betont Keshet. Vor allem sind die Checkpoints ein Mittel zur Einschränkung der Bewegungsfreiheit und letztlich zur Verdrängung möglichst vieler Palästinenser.
MARTIN FORBERG

Klein, Uta (Hg.): Die Anderen im Innern: Die arabisch-palästinensische Bevölkerung in Israel. Schwalbach (Wochenschau) 2003, Schriftenreihe des DIAK, Band 38, 157 Seiten ISBN: 3-87920-423-3, 19,50€.

Der vorliegende Band ist eine der wenigen deutschsprachigen neueren Publikationen, die sich mit der palästinensisch-arabischen Minorität in Israel befassen. In ihm enthalten sind verschiedene Beiträge israelischer (jüdisch-israelischer und palästinensisch-israelischer) und deutscher AutorInnen, die sich von innen und außen mit der Situation der palästinensischen Bevölkerung in Israel auseinandersetzen. Hierbei nehmen alle auf die Ereignisse im Oktober 2000 Bezug, die wohl auch Anlaß für die Erstellung dieses Readers waren. Baruch Kimmerling beschreibt in "Zur Entwicklung palästinensischer kollektiver Identitäten" deren Entwicklungen und Veränderungen. Dabei geht er auf den politischen und sozialen Kontext ein, der zu der Abgrenzung der palästinensischen zu den arabischen Identitäten führte, nämlich die jüdisch-zionistische Siedlergemeinschaft und auch die britische Kolonialmacht als Bezugspunkte. Amad H. Sa`di analysiert in "Die nationale Identität der palästinensischen Bevölkerung in Israel" kritisch den israelischen Wissenschaftsdiskurs hierzu und stellt dann sein eigenes Konzept der palästinensischen Identität als eine Form des Widerstand vor. Der umfangreichste Beitrag kommt von Dan Rabinowitz, As`ad Ghanem, Oren Yiftachel, die stellvertretend für alle stehen, die an der Analyse "Ratschläge für die Regierungspolitik gegenüber der arabischen Bevölkerung in Israel" mitgewirkt haben (und die bei den jeweiligen Kapiteln aufgeführt sind). Als Notstandsbericht wurde das Paper im November 2000 von sechs, jeweils gemischten, Forschungsgruppen verfaßt, die sich mit den grundlegenden Aspekten - Land- und Raumplanung - Kommunalverwaltungen und soziale Dienste - Identität und staatsbürgerlich-kultureller Einfluß - Erziehungswesen und Bildungssystem - Wirtschaftliche Entwicklung und Beschäftigung - Rechtswesen und innere Sicherheit auseinandersetzen und für jeden Bereich Empfehlungen an die Regierung ausarbeiteten. Auffallend ist, daß in jedem Teilbericht Begriffe wie "Diskriminierung", "Benachteiligung", "Vernachlässigung", "systematisch", "methodisch", "konstitutionell / gesetzlich festgeschrieben" auftauchen, wenn die bisherige Regierungspolitik beschrieben wird. Ihre Empfehlungen, diese Diskriminierungen möglichst schnell nicht nur auf individueller, sondern auch auf kollektiver Ebene zu beseitigen, und dies nicht nur in die Zukunft gerichtet, sondern ebenso das in der Vergangenheit angerichtete Unrecht anzuerkennen, sind sehr eindrücklich, und sie machen die Notwendigkeit und Dringlichkeit klar. Diese knapp 50 Seiten sollten eine Pflichtlektüre für all jene sein, die jegliche Kritik am Staate Israel mit dem Argument der "einzigen Demokratie im Nahen Osten" ablehnen und zurückweisen. Denn bei der Lektüre wird sehr schnell sehr deutlich, daß die Probleme nicht nur von "den Anderen" kommen, sondern in der Struktur angelegt sind. Mit der Situation der palästinensisch-israelischen Frauen befassen sich die Beiträge von Uta Klein: "Zwischen allen Stühlen: Palästinensische Frauen in Israel" und Khawla Abu Baker: "Auf ungebahntem Weg: Arabische Frauen in Politischen Führungsrollen": Uta Klein gibt einen Überblick über die Einschränkungen, die den Palästinenserinnen in Israel durch den israelischen Staat einerseits und die arabisch-palästinensische Gesellschaft von Grund auf auferlegt sind. Khawla Abu Baker analysiert die Restriktionen durch die eigene Gesellschaft, denen die Frauen ausgesetzt sind, und sie arbeitet Forderungen aus, die erfüllt werden müssen, um Veränderungen zu bewirken. In ihrem Rückblick arbeitet sie aber auch heraus, daß die Palästin enserinnen mitnichten immer politisch passiv, sondern sehr wohl aktiv waren, auch wenn dies weniger unter dem Vorzeichen politischer als vielmehr frauenspezifischer Themen und Organisationen geschah. Schließlich noch Michaela Birk Artikel über "Das Wahlverhalten der palästinensischen Minderheit in Israel". Sie gibt einen Überblick über die verschiedenen Wahlverhalten: Wahlboykott/Stimmenthaltung, instrumentelle Strategie (bei der zionistische Parteien gewählt werden in der Hoffnung, von dort aus Änderungen zu bewirken) und ethno-nationalistische Strategie (Wahl palästinensischer Parteien). Weiter stellt sie knapp die Entwicklung der palästinensischen Parteienlandschaft in Israel dar, und sie analysiert kurz das Wahlverhalten bei den einzelnen Wahlen. Nachdem die Wahlbeteiligung der palästinensischen Israelis seit 1948 kontinuierlich abgenommen hat, stieg es in den Neunziger Jahren wieder an, brach aber Ende der Neunziger Jahre abrupt ein. 2001 betrug die Wahlbeteiligung knapp 18 %, wobei die PalästinenserInnen bei ca. 20 % der Bevölkerung ca. 12 % der Wahlbevölkerung ausmachen. Diese Entwicklungen über die Jahre hinweg waren eine Folge davon, daß sich die palästinensische Minderheit durch ihre Repräsentanten noch nie akzeptiert gefühlt hat, da ihnen keine gleichwertige Teilnahme an der Politik zuerkannt worden war, und ebenso ist es ein Zeichen für die soziale, ideologische und politische Zersplitterung innerhalb der palästinensischen Community. Zu jedem der Artikel gibt es – nicht allzu viele – Fußnoten und Literaturhinweise (auch wenn diese nicht immer komplett sind), die den sehr positiven Eindruck dieses schmalen, sehr empfehlenswerten Bandes abrunden.
© Thea Geinitz
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Meyer, Hajo G. (2005): Das Ende des Judentums. Der Verfall der israelischen Gesellschaft. Neu Isenburg, Melzer Verlag (SEMITedition), 314 Seiten, Taschenbuch – ISBN 3-937389-58-X. 14,80 €.


von Sabine Schiffer
Hinter dem provokanten Titel verbirgt sich eine Diskursanalyse, die weniger wissenschaftlich als essayistisch angelegt ist – aber einem hohen Anspruch genügt. Leicht lesbar und zugänglich, spannend und erschreckend ergreift einen das Buch. Dessen Inhalt ist gestützt durch ausführliche Referenzen, die zum großen Teil aus israelischen Quellen stammen. Es zeugt sowohl von einiger Lebenserfahrung als auch einer scharfen Beobachtungsgabe, was angesichts der eigenen verletzenden Erlebnisse nicht selbstverständlich ist. Genau die hieraus resultierende Gefahr, dass nämlich eigene schreckliche Erlebnisse ein Trauma ausgelöst haben, beschreibt Meyer. Seiner Beobachtung nach können viele Nachfahren der Holocaustüberlebenden und die Übersolidarischen kein Mitgefühl für anderes Leid mehr entwickeln. Dies ist mit „moralischem Verfall“ gemeint, denn hier werden Unrecht und sogar Menschenrechtsverletzungen Tür und Tor geöffnet. Wenn der Holocaust zum Maß aller Dinge stilisiert wird, dann verblasst jede andere Form von Diskriminierung vor dieser Ungeheuerlichkeit. Aber, wir müssen feststellen, dass das Beschwören der Einmaligkeit der Nazi-Verbrechen eben keine neuen Verbrechen verhindert und schon gar nicht die vorbereitende Abwertung des Gegenübers, auf die Meyer in seinem Buch abzielt. Er kritisiert die allgemeine Fixierung auf den Holocaust, wenn von Nazi-Deutschland gesprochen oder an Nazi-Deutschland gedacht wird. Diese Verengung auf die Vernichtungsphase – die letzte und grausamste – des Regimes, verstellt den Blick für die schleichende Indoktrinierung durch verbale Propaganda. Diese hat Meyer als Kind in der frühen Phase des Nationalsozialismus und des Krieges erlebt und weiß, wie sich Diffamierung und schließlich juristische Diskriminierung anfühlen. Die ständige Herabsetzung des definierten Anderen führt schließlich zu seiner Entmenschlichung. Er wird nicht mehr als gleichwertiger Mensch angesehen und kann somit leichter und tatsächlich unmenschlich behandelt werden. Wenn auch diese Verbalattacken auf Juden und andere „Gefahren“ nicht neu waren – der Antisemitismus hat eine lange und zähe Tradition – so haben sie doch in der Zeit Hitlers eine neue und offizielle Qualität erhalten. Meyer kommt zu einer differenzierten Ansicht darüber, wann und wie es zum Ausrottungsgedanken gekommen ist – wenn dies von Anfang an absehbar gewesen wäre, wären wohl kaum so viele Betroffene so lange in Deutschland geblieben. Er selbst wanderte als 14-jähriger in die Niederlande aus – ebenso die Gefahr unterschätzend -, um nach den Folgegesetzen zur sog. Reichskristallnacht, die u.a. jüdischen Kindern den Schulbesuch untersagten, seine Ausbildung dort fortzusetzen. Was es bedeutet, als Mensch zweiter Klasse zu leben, dem das Recht auf Bildung und ein gesicherter Bürgerstatus vorenthalten wird, davon schreibt Meyer in sehr persönlichem Stil. Auch wie er schließlich doch deportiert wird und Auschwitz überlebt enthält er der Leserschaft nicht vor. Bemerkenswert ist, dass er mit dem Abstand der Jahre und auf Grund seiner Beobachtungen der jüngsten Zeit zu dem Schluss kommt, dass die israelische Propaganda gegen alles Arabische - und insbesondere die Palästinenser - mit dem antisemitischen Diskurs des frühen Nationalsozialismus durchaus vergleichbar ist. Er macht dies an konkreten Beispielen und Gegenüberstellungen deutlich wie etwa die Verwendung einer bedrohlichen Krankheitsmetaphorik zur Disqualifizierung des Gegenübers. Wenn heute die Palästinenser als „Krebsgeschwür“ bezeichnet werden, das man mindestens „chemotherapieren“ müsse - wenn nicht gar mehr, dann erinnert ihn das an genau dieselbe Metaphorik, mit der er und seine Verwandten in der Nazi-Zeit entmenschlicht wurden. Hier wird Legitimation geschaffen dafür, dass so vehement und unverhältnismäßig gegen einen vermeintlichen Feind vorzugehen ist. Der Autor geht schließlich so weit, in der etwas verallgemeinert formulierten „isrealischen Gesellschaft“ bzw. „dem Judentum“ – das er aber wiederum differenzierend definiert - eine Paranoia festzustellen, die vor einer hochstilisierten Wahnvorstellung Angst habe. Denn eigentlich verfügten die Palästinenser über keine vergleichbare Macht. Aber auch diesen bleibt Kritik nicht erspart und so wird das ungünstige Wechselspiel deutlich, in dem sich beide Parteien befinden. Meyer stellt sich hier dezidiert auf die Seite des Schwächeren, zum einen, weil er diese Position der Ohnmacht am eigenen Leibe gespürt hat und zum anderen, weil er einen hohen moralischen Anspruch an „das jüdische Volk“ hat, das ja die soziale Wertebildung in Europa positiv und wesentlich beeinflusst habe. Umso schmerzlicher ist deshalb für ihn die heutige Entwicklung. Am Ende zeichnet er ein pessimistisches Bild für die Zukunft Israels, eine sich selbst erfüllende Prophezeihung: während die israelische Politik aktiv die Vernichtung Israels herbeiführe, wird man sich in der eigenen Propaganda genau bestätigt fühlen, die ja seit Jahr und Tag daran festhält, dass die Araber sie ins Meer jagen wollen. Einige sprachliche Fehler und redaktionelle Unaufmerksamkeiten tun der inhaltlichen Argumentation keinen Abbruch. Das letzte Kapitel ist sehr theoretisch, aber auch diese Überlegungen sind interessant und lesenswert. Ansonsten würde ich Meyers vorwortlichen Ratschlag nicht unbedingt befolgen und die Kapitel durchaus in ihrer vorgegebenen Reihenfolge lesen. Die Dichotomie von Reformjudentum und Zionismus als die beiden einzigen Pole jüdischer Entwicklung in der Neuzeit lässt sich meiner Meinung nach nicht aufrecht erhalten, da die antisemitische Propaganda durchaus auch eine reaktionäre konservative Bewegung hervorgerufen hat, die sich etwa in der Frankfurter Gemeindespaltung im 19. Jahrhundert niedergeschlagen hat. Hier galt die Rückbesinnung auf die alten Werte als sinnvolle Reaktion auf die erneute Ablehnung nach versuchter Assimilation. Ob und inwiefern diese Lücke Auswirkungen auf die Gesamtargumentation hat, bleibt zu klären. Auf jeden Fall stellt das Buch eine spannende Lektüre dar, die von reflektierten eigenen Erfahrungen, einem großen Bildungs- und Wissensschatz, menschlicher Wärme und einem Blick für Werte und Wertungen zeugt. Diesem wichtigen Buch sollte man viel Beachtung wünschen - nicht, um „den Israelis“ einen besserwisserischen Spiegel vorzuhalten. Ganz im Gegenteil, da kann jeder vor der eigenen Haustüre zu kehren beginnen. So, wenn etwa in einer deutschen Zeitung von „Metastasenbildungen islamischer Terrorzellen“ die Rede ist. Dennoch will man daran festhalten, dass ehrliche Auseinandersetzung Frieden ermöglicht in Nahost und anderswo. Ein Frieden, der überall nur ein wirklich gerechter sein kann.
Dr. Sabine Schiffer
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Nathan, Susan: Sie schenkten mir Dornen - Ausgegrenzt im Lande der Verheißung. Lübbe 2005.

Susan Nathan, geb. 1949 als Jüdin in England, wuchs während der Apartheid in Südafrika auf und ging dann nach England, wo sie in London als Betreuerin von ausgegrenzten AIDS-Erkrankten arbeitete. Dann entschloss sie sich nach Israel auszuwandern, wo sie sich bald mit ihren schon in Südafrika gemachten Erfahrungen von Apartheid konfrontiert sah. Sie entschießt sich, Englischlehrerein im galiläischen Dorf Tamra im nördlichen Israel, zu werden, wo sie als einzige Jüdin unter lauter palästinensischen Israelis lebt. Sie lebt dort, allen Warnungen ihrer früheren Freundinnen und Freunde zum Trotz, ein Leben als willkommene, respektierte Nachbarin - für die Israelis aber am "falschen" Ort.

Neuwirth, Angelika / Pflitsch, Andreas / Winckler, Barbara (Hg.): Arabische Literatur, postmodern München (edition text+kritik) 2004, 408 Seiten. 3-88377-766-8. 25,00 €.

In der Reihe edition+kritik Ende 2004 erschienen, gibt der Band "Arabische Literatur, postmodern" einen Überblick über eine Reihe arabischer AutorInnen. Dabei mußten sich die HerausgeberInnen natürlich auf eine Auswahl begrenzen, die dann unter den Aspekten Erinnerung, Ortspolygamie und Geschlechtertransgressionen subsumiert wurden, zu denen es auch jeweils eine erläuternde Einführung gibt. Eingeführt wird der Band mit zwei Einleitungen zur Postmoderne allgemein (I. Kappert: "Postmoderne. Facetten einer Denkfigur) und speziell einer arabischen (A. Pflitsch: "Das Ende der Illusionen. Zur arabischen Postmoderne").Gemeinsam ist allen AutorInnen die Herkunft aus dem arabischen Kulturraum, was aber nicht zwangsläufig bedeutet, daß sie auf arabisch schreiben. Mit der Auswahl der AutorInnen wird der gesamte arabische Kulturraum abgedeckt. JedeR AutorIn werden ca. 10 bis 20 Seiten gewidmet, wobei die Biographie, die Hauptwerke und auch die Rezeption behandelt werden. Veranschaulicht werden diese Aspekte jeweils mit Zitaten aus dem Werk. Die besprochenen (ausschließlich männlichen) palästinensischen Autoren sind: Mahmoud Darwisch, Palästinenser, der auf arabisch schreibt. Über ihn gibt es unter Erinnerungen einen Artikel von A.Neuwirth: "Hebräische Bibel und Arabische Dichtung. Mahmoud Darwisch und seine Rückgewinnung Palästinas als Heimat aus Worten". Emil Habibi, palästinensischer Israeli, der auf arabisch schrieb, wird ebenfalls unter Erinnerung von A. Neuwirth beschrieben: "Traditionen und Gegentraditionen im Land der Bibel. Emil Habibis Versuch einer Entmythisierung von Geschichte". Anton Schammas, palästinensischer Israeli, der erst auf arabisch, dann auf hebräisch schrieb, aber seit nunmehr fast 20 Jahren keine Romane oder Gedichte mehr veröffentlicht, wird unter Ortspolygamie von C. Szyska vorgestellt: " 'Ich träume im Niemandsland'. Anton Shammas". Obwohl der Band – wie die gesamte Reihe – sich primär an ein literaturwissenschaftlich geschultes Publikum richtet, kann er unbedingt auch für NichtwissenschaftlerInnen empfohlen werden – vorausgesetzt, diese lassen sich nicht vom ersten einführenden, sehr theoretischen Kapitel abschrecken, oder davon, möglicherweise den einen oder anderen Begriff nachschlagen zu müssen. Die Lektüre lohnt sich allemal – als Einstieg und Einführung in das Werk eines/r AutorIn ebenso wie als Nachschlagewerk. Zu jeder vorgestellten Person gibt es als Anhang eine Auswahl der wichtigsten Werke im Original, von Übersetzungen ins Deutsche und ins Englische oder Französische und eine Auswahl weiterführender Literatur.
© Thea Geinitz

Nirgad, Lia: Winter in Qualandia. Abraham Melzer Verlag 2005.

Von einem Mitglied der Frauengruppe Machsom Wathch, die an Checkpoints in den palästinensischen Gebieten Wache schiebt, ist dieses Buch verfasst worden. In ihm werden die Erlebnisse an der Sperre zwischen Jerusalem und Ramallah Anfang letzten Jahres beschrieben. Tatsächlich verbleibt das Buch in sehr beschreibendem Stil und gerade diese Nüchternheit macht es möglich, die Absurdität der Situation zu begreifen. Als Protokoll werden die Ereignisse mehrerer Tage geschildert: die sich häufig ändernden Vorschriften der Soldaten, die das Geglaubte vom Vortag eigentlich in Frage stellen, der Gehorsam bzw. die teilweise Gleichgültigkeit der Befehlsausführer, die aufgehört haben, nach dem Warum ihrer Kontrollen und der "begleitenden Maßnahmen" zu fragen, die "Verbesserung" der Kontrollmöglichkeiten, die dann gen abends wegen Unmachbarkeit doch ausgesetzt werden. Auch die Geschichten der Aufgehaltenen, das Genehmigungsverfahren für die Passage, die Betroffenheit von jung und alt. Die israelischen Frauen von MachsomWatch - eine Organisation, die sich 2001 gegründet hat - bewachen die Wächter und achten auf die Menschlichkeit an den Checkpoints - im Rahmen ihrer begrenzten Möglichkeiten. Sie sind ein wichtiges Zeichen nach innen und außen und verdienen darum unsere Aufmerksamkeit und Unterstützung.(Sabine Schiffer)
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Oz, Amos: Israel und Deutschland. Frankfurt (Suhrkamp) 2005, 53 Seiten, ISBN: 3518067982. 5,00 €.

Sonderausgabe bei der Bundeszentrale für politische Bildung, Schriftenreihe Band 509 (gegen eine Schutzgebühr von 2.- €) Anläßlich der Verleihung des Goethe-Preis der Stadt Frankfurt im Jahre 2005 und wohl auch in Anbetracht 40 Jahre offizieller diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und der Bundesrepublik Deutschland schrieb Amos Oz einen Essay, in dem er seine Sicht auf die besonderen Beziehungen zwischen Israel und Deutschland darlegt. Dabei plädiert er vehement, schon im ersten Satz, nicht für eine Normalisierung der deutsch-israelischen Beziehungen, sondern für eine Intensivierung, in Abgrenzung zu einer Normalisierung und darüber hinaus. Bei der Erläuterung dieser Forderung geht Oz chronologisch, an wichtige Daten anknüpfend, vor. Hierbei verknüpft er immer wieder die Entwicklungen, wie er persönlich sie seit 1945 bis heute durchgemacht hat, mit der Situation und den Stimmungen des 1948 gegründeten Staates Israels, und dieses dann wieder mit den Annäherungen der beiden Staaten. Brillant ist dabei, wie er sprachlich seine Haltung als sechsjähriger Knabe Amos Klausner wiedergibt, eine Mischung aus Naivität, Selbstüberzeugung und Nationalismus und Patriotismus, bis hin zu den Überzeugungen des gereiften Mannes Amos Oz, inklusive den Zweifeln auf dem Weg dahin. Vorsichtig, erklärend und Verständnis suchend formuliert er die Widerstände, Ängste und Stimmungen in Israel in den Jahren vor und zu Beginn der Annäherungen. Unnachgiebig und ohne jegliches Verständnis begegnet und entgegnet er all denen, die auf ein Vergessen und Vergeben und somit auf eine Normalisierung drängen – und erst recht denen, die meinen, die durch die Shoa geläuterten Juden müßten eine höhere Moral besitzen als andere Völker. Vor allem auf den letzten 15 Seiten beschäftigt Amos Oz sich primär mit dem Verhältnis der Deutschen zu den Israelis und Israel: Erst war dies, aus verschiedenen Gründen, eine absolute Verliebtheit und Vernarrtheit, die sich dann aber in eine Ernüchterung und oft umfassende Ablehnung wandelte – und beides, so Oz, wird dem Land und seinen Einwohnern nicht gerecht.Die Lektüre dieser knapp 50 Seiten nimmt nicht viel Zeit in Anspruch, das Nachdenken und sich damit Beschäftigen aber sehr wohl. Es ruft durchaus Widerspruch bei einzelnen Argumenten hervor, andererseits vermittelt es auch Einsichten über die Sicht von innen auf das deutsche Äußere. Aber wahrlich, solches über ein Buch zu sagen, ist wirklich nicht das Schlechteste.
© Thea Geinitz
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Pappe, Ilan: Die ethnische Säuberung Palästinas. Deutsche Erstausgabe, deutsch von Ulrike Bischoff, 19 Fotos, 416 Seiten, fester Einband. 22,00 €, GP. Nr. 200320.

Der Tag, an dem Sirin verschwand
MEMORIZID
Ilan Pappes brisante Thesen zur "Ethnischen Säuberung Palästinas.
Ilan Pappe, israelischer Historiker und Politikwissenschaftler, hat seiner Heimat fürs erste den Rücken gekehrt, "doch hoffentlich nicht für immer". In England, wo er derzeit lebt, forscht und unterrichtet, hofft er, "nicht wie ein Pestkranker gemieden zu werden", so Pappe in einem Interview mit der italienischen Tageszeitung Il Manifesto. Die ethnische Säuberung Palästinas, kürzlich auch auf Deutsch erschienen, ist vermutlich das Werk, das seinem Ruf in Israel den schwersten Schlag versetzt hat, während es international höchste Anerkennung findet. Bereits in den achtziger Jahren waren Pappe und andere israelische Historiker angeeckt, als sie mit einer Revision der zionistischen Darstellung des 1948er Krieges begannen und insbesondere zeigten, "wie falsch und absurd die israelische Behauptung war, die Palästinenser hätten das Land ›aus freien Stücken‹ verlassen". Doch Pappe ließ vor allem ein Tabu keine Ruhe, das er und seine Historiker-Kollegen bisher nicht angerührt hatten: Wir leisteten "nie einen signifikanten Beitrag zum Kampf gegen die Leugnung der Nakba, da wir die Frage der ethnischen Säuberung umgingen". Auch für den, der keine Illusionen über die mit der Staatsgründung Israels einhergehende Nakba - die Katastrophe für die Palästinenser - hegte, ist Die ethnische Säuberung Palästinas ein bedrückendes Buch. Nicht, weil es eine Aufzählung von Gräueln wäre (was es auch ist), sondern weil der Autor nicht umhin kann, es mit einer düsteren Note enden zu lassen: Der Zionismus sei - anders als das Judentum - nicht ausreichend pluralistisch, um die Palästinenser in ihren Rechten und in ihrer Existenz gelten zu lassen. Pappe deckt anhand der Äußerungen führender Zionisten der Gründungsjahre und ihres Agierens den inhärent ausschließenden Kerngedanken des zionistischen Konzepts auf. Demnach konnte und kann ein jüdischer Staat nur mit Gewalt durchgesetzt und aufrecht erhalten werden. Das Muster der frühen Jahre wirkt fort, solange es tabuisiert bleibt, und verhindert weiterhin jede friedliche Lösung. Deshalb geht es Pappe darum, die Mechanismen der ethnischen Säuberungen von 1948 aufzudecken und das Paradigma ethnischer Säuberung anstelle des Kriegsparadigmas zu etablieren: "Als die zionistische Bewegung ihren Nationalstaat gründete, war es keineswegs so, dass sie einen Krieg führte", bei dem es auch zu Vertreibungen kam - umgekehrt "das Hauptziel (war) die ethnische Säuberung ganz Palästinas". David Ben Gurion, damals eine der führenden Persönlichkeiten der jüdischen Einwanderer, sprach sich am 2. November 1947, vor der Exekutive der Jewish Agency unmissverständlich für ethnische Säuberungen aus, die gewährleisten sollten, dass der neue Staat ausschließlich jüdisch sei. Am 3. Dezember desselben Jahres bedauerte er in einer Rede vor Mitgliedern der israelischen Arbeiterpartei, dass es "in den Gebieten, die dem jüdischen Staat (von der UN) zugewiesen sind, ... 40 Prozent Nichtjuden" gibt. Ein jüdischer Staat sei erst mit 80 Prozent Juden lebensfähig und stabil. Am 10. März 1948 verabredeten Gurion und zehn weitere zivile und militärische Vertreter der zionistischen Bewegung einen Masterplan zur ethnischen Säuberung Palästinas. 531 Dörfer und elf städtische Siedlungen wurden dann tatsächlich mit Waffengewalt geräumt, 800.000 Palästinenser zur Flucht gezwungen, die Häuser samt Mobiliar dem Erdboden gleichgemacht und die Ruinen vermint, damit die Vertriebenen nicht zurückkehren konnten. Wenn bis heute alle israelischen Regierungen jedes Gespräch über das Rückkehrrecht unbedingt verhindern müssen, so steckt, laut Pappe, "eine tief sitzende Angst vor einer Debatte über die Ereignisse von 1948" dahinter, "da Israels ›Behandlung‹ der Palästinenser zwangsläufig beunruhigende Fragen nach der moralischen Legitimität des gesamten zionistischen Projekts aufwerfen würde." Solange diese Debatte nicht geführt wird, sind jedoch alle Friedensverhandlungen zum Scheitern verurteilt. So merkwürdig es anmuten mag, Die ethnische Säuberung Palästinas ist auch eine liebevolle Darstellung dessen, was durch das Projekt eines Staates zerstört wurde, der auf der Negation des Anderen beharrt. Wie Hunderte palästinensische Dörfer, so musste auch Sirin verschwinden. Seine Geschichte, die Landschaft, die seine Bewohner über Generationen geprägt hatten, die Namen, mit denen sie sie belegt hatten, mussten ausgelöscht werden. Sirin, das die palästinensischen Bauern "in einen kleinen Garten Eden verwandelten", "galt als gutes Beispiel für das Kollektivsystem der Landwirtschaft, an dem die Dorfbewohner seit osmanischer Zeit festhielten ...". Muslime und Christen lebten dort friedlich zusammen. "Innerhalb weniger Stunden wurde dieser Mikrokosmos religiöser Koexistenz und Harmonie verwüstet", als jüdische Truppen das Dorf am 12. Mai 1948 überfielen und seine Bewohner vertrieben. Pappe nennt es "Memorizid an der Nakba", wenn der Jewish National Fund (JNF) dafür sorgt, dass auf den Ruinen palästinensischer Dörfer Wälder und Erholungsgebiete entstehen, zu denen auf den JNF-Websites und den aufklärenden Tafeln am Wegesrand jeweils die kolonialistische Umdeutung von Landschaft und Geschichte mitgeliefert wird. Allerdings, an manchen Stellen trotzen die Olivenbäume und andere Nutzpflanzen der palästinensischen Dörfer der fremden Flora: Die Olivenbäume im Nadelwäldchen der neuen Reißbrettstadt Migdal Ha-Emeq haben manche der Kiefernstämme "buchstäblich in zwei Teile gespalten" und wachsen aus deren Mitte hervor, nachdem die in dieser Gegend fremden Kiefern, die Israel ein europäisches Flair verleihen sollen, dort häufig nicht gedeihen. Der Memorizid ist Teil eines kognitiven Systems, das Pappe durchleuchtet, denn es ist auch heute noch wirksam, wenn die täglichen Bombardierungen des dicht bevölkerten Gazastreifens oder die Ermordung von Terrorverdächtigen, einschließlich der dabei entstehenden "Kollateralschäden", stillschweigend hingenommen werden. Das sind nicht nur "interessante Parallelen", es sind erstaunlich und erschreckend wirksame Mechanismen, die Fakten schaffen und zementieren helfen - nicht zuletzt die Mauer, von der israelischen Politik als Sicherheits- oder Separationszaun propagiert, ein monströses Bauwerk, das das Leben der Palästinenser in der Westbank stranguliert und faktisch das Landraub- und Vertreibungsprojekt fortführt, das vor 60 Jahren begann. Israel, heißt es im Epilog, "hat nie aufgehört, Palästinenser zu töten", als wären sie vogelfrei: in "Kfar Quassim, wo am 29.Oktober 1959 israelische Truppen 49 Einwohner auf dem Heimweg von den Feldern ermordeten ...1982 in Sabra und Shatila ... 2002 im Flüchtlingslager Jenin ...". Warum? - Weil es, wie Pappe aufzeigt, im Interesse der Interessierten lag und liegt: der Briten in der Mandatszeit, heute vor allem in dem der USA und Europas und ihres Verbündeten Israel.
Sophia Deeg.
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Qumsiyeh, Mazin B.: Sharing the Land of Canaan. Human Rights and the Israeli-Palestinian Struggle. Pluto Press (London & Sterling, Virginia). Vorwort von Dr. Salman Abu Sitta. Mit 2 Tabellen, 5 Dokumenten, 2 Schaubildern, Glossar und Register. Internet-Infos unter: www.qumsiyeh.org/sharingthelandofcanaan

Professor Mazin B. Qumsiyeh ist ein palästinensischer Christ, der in Beit Sahour bei Bethlehem geboren und aufgewachsen ist. Er lebt in den USA und hat mehr als 120 wissenschaftliche Artikel in den Bereichen Zoologie und Genetik publiziert. Dies ist sein erstes Buch über das Nahostproblem. Qumsiyeh ist Menschenrechtler, Mitgründer einer Anzahl von Organisationen und Gruppen und wird regelmäßig in nationalen und internationalen Medien interviewt.
Zweck der folgenden Rezension ist, den Inhalt, die Hauptthesen, die Art der Argumentation und eine kurze Einschätzung für eine deutsche Leserschaft darzustellen, die Details über diese neue Studie erfahren möchten, ohne Zugang zu der amerikanisch-englischen Quelle zu haben. Die Kapitel sind in ihrer Reihenfolge in je einem Absatz zusammengefasst, auf Seitenangaben wurde verzichtet. Die Menschenrechte, das internationale Recht und die Genfer Konventionen bilden Ausgangspunkt und Maßstab für diese umfassende Studie über die Vergangenheit und die Zukunft des Landes Kanaan, also Israel und Palästina (und Jordanien). Auf 236 Seiten werden alle zentralen Fragen des Konflikts dargestellt und analysiert, beginnend mit einem Abriss der 6000-jährigen Geschichte der Bewohner dieses Landes, ihrer Sprachen, Errungenschaften, Stadtstaaten und Königreiche. Von Jabusiten liest man, Nabatäern, Phöniziern und Hebräern ('Abiru/Habiru), die im kulturellen und religiösen Schmelztiegel Kanaan lebten. Betrachtet man die ganze Geschichte der Region, relativiert sich der politische Pessimismus, der mit unauflöslich scheinenden Konflikten zu tun hat. Der Grundgedanke des Autors ist der der Selbstbestimmung der Bevölkerung des Landes. Qumsiyeh bündelt die fundamentalen Fragen des Konflikts und geht ihnen Kapitel für Kapitel nach. Er betrachtet die These, dass das Judentum durch die Geschichte eine nationale ethnische Gemeinschaft bildete, abstammend von den zwölf Stämmen Israels, denn diese These führte zur Idee des so genannten Rückkehrrechts von Juden nach Palästina. Heute dürfen jeder Jude und jede Jüdin nach Israel einwandern, selbst wenn sie noch nie dort gewesen sind, während Nicht-Juden das nicht gestattet ist. Seriöse Studien unterschiedlicher Wissenschaftler aus der genetischen Anthropologie allerdings bestätigen, was Sprachforscher bereits seit längerem nahe legten, dass nämlich arabische Palästinenser genetisch näher zu sefardischen (orientalischen) Juden stehen als beide Gruppen zu aschkenasischen, europäischen Juden. Diese weisen mehr Ähnlichkeiten mit Menschen aus der Schwarzmeer-Region auf. Äthiopische Juden wiederum stehen weit entfernt von allen der genannten Gruppen. Dass der Mythos eines gesamtjüdischen Genpools politisch verwendet wird, zeigt Qumsieh an vielen Beispielen aus der US-Presse und dem akademischen Diskurs. Die tatsächlichen genetischen Ähnlichkeiten zwischen orientalischen Juden, Christen und Muslimen seien indes dazu geeignet, die Verbundenheit der Kanaaniter zu belegen und eine friedliche Koexistenz zu begünstigen. Das Problem der palästinensischen Flüchtlinge wird im dritten Kapitel behandelt. Qumsiyeh stellt zunächst die beiden Sichtweisen zu diesem Thema nebeneinander. Nach traditioneller israelischer Darstellung verließen die Palästinenser zwischen 1947 und 49 ihr Land weitgehend freiwillig und wurden von ihren Führern dazu ermuntert. Nach Darstellung der Flüchtlinge selbst hingegen handelte es sich um brutale ethnische Vertreibung (Qumsiyeh verwendet den Begriff "ethnische Säuberung" und beruft sich auf das hebräische Wort "nikayon" aus der Militärsprache). Er nennt israelische Historiker, die Akten-Einsicht hatten und diese Periode neu analysierten. Demnach begannen unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg und intensiv mit dem UNO-Teilungsplan die Vorbereitungen zur massenhaften Vertreibung und Enteignung der lokalen Bevölkerung, nachdem seit 1920 eine starke Einwanderung europäischer Juden nach Palästina zu verzeichnen gewesen war. Die Vertreibungen begannen deutlich vor der Staatsgründung Israels und vor der Involvierung arabischer Armeen. Ebenso gelte es heute als erwiesen, dass die israelische Armee 1948 zu keinem Zeitpunkt zahlenmäßig unterlegen gewesen ist. Um die Staatsgründung Israels herum wurden Hunderte von Dörfern und Städten zerstört, aus denen etwa 800.000 Flüchtlinge stammen. 1967 wurden noch einmal 300.000 vertrieben, viele zum zweiten Mal. Da diese Vertreibungen sowohl gegen Artikel 13 der Menschenrechte als auch gegen die Vierte Genfer Konvention verstoßen, wurde im Dezember 1948 die UN-Resolution 194 verabschiedet, die den Flüchtlingen ausdrücklich ihr Rückkehrrecht und/oder eine Entschädigung zugestanden. Diese Forderung der Vereinten Nationen wurde seitdem fast jährlich erneuert. Israels Eintritt in die Vereinten Nationen wurde sogar davon abhängig gemacht. Dennoch hat sich die Lage der inzwischen etwa 5,3 Millionen palästinensischen Flüchtlinge bis heute nicht geändert. Da die Rückkehr der Flüchtlinge mehrfach und ausdrücklich gesetzlich verankert ist und weil eine solche Rückkehr technisch ohne weiteres möglich ist, ohne dass Israelis dafür umgesiedelt werden müssten, betont Qumsiyeh diesen Punkt, den er für zentral im Diskurs hält, mit einer ausführlichen Analyse aller in diesem Kontext relevanten Argumente und vieler empirischer Daten. Um Jerusalem geht es in Kapitel 5. Wieder werden historische Details als Ausgangspunkt verwendet, wieder wird von der Geschichte der Bevölkerung ausgegangen, nicht von der Herrschergeschichte. Biblische Passagen hinsichtlich Jerusalem werden auf ihren historischen Gehalt geprüft. Die zahlreichen Eroberungen der Stadt werden aufgezeigt und mit den Eroberungen von 1948 und 1967 verglichen. Trotz aller Umbrüche sei demnach Jerusalem durch die Jahrtausende eine multiethnische und multireligiöse Gemeinschaft geblieben, bis zu den Ereignissen von 48 und 67. Qumsiyeh sieht keine Möglichkeit dafür, dass sich die jetzt gültigen diskriminierenden Gesetze halten können und verweist auf die UNO-Resolution 181 zum internationalen Status von Jerusalem. Für ihn ist die plausibelste und einzig mögliche Lösung, dass Jerusalem zur Hauptstadt eines pluralistischen einigen (unitary) Landes all seiner Bürger wird. Der Zionismus ist das nächste Thema. Da dieser unbestritten seit über 100 Jahren im Zentrum des Konflikts stehe, müsse er mit den neu zugänglichen Quellen wie Herzls Tagebücher untersucht werden. Qumsiyeh zeigt die Ursprünge und Entwicklung des Zionismus, beginnend mit Napoleon und mit der christlich-zionistischen Bewegung, die bis zum Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts nur marginale Bedeutung hatte. Erst das Argument, nach dem die (koloniale) Besiedelung Palästinas eine Sicherheitsmaßnahme gegen den Antisemitismus ist und Ausdruck jüdischer Emanzipation und nationaler Unabhängigkeit, machte den Zionismus in jüdischen Gemeinschaften Europas populär. Nach 1948, als der zionistische Traum erfüllt war, kam es zu einer Neuinterpretation, etwa in den Programmen von 1951 und 1968, in denen es um Schutz und Ermutigung "jüdischer Rechte" geht. Der Autor weist darauf hin, dass eine Ersetzung des Begriffs "jüdisch" durch "christlich" oder "muslimisch" die Unfairness dieser Programme zeigt. Auch fragt er, ob der Zionismus faktisch wirklich für eine Verringerung antijüdischer Vorurteile und für Sicherheit im Staat der Juden gesorgt hat oder ob das Gegenteil der Fall sei. Qumsiyeh macht in seiner historischen Analyse auf den Umstand aufmerksam, dass es in den Mittdreißigern zu Kooperationen zwischen Nationalsozialisten und Zionisten kam, da beide für eine Segregation der Juden waren. Die meisten Juden des 19ten und des frühen 20sten Jahrhunderts waren keine Zionisten, oft mit dem Argument, dass hier Religion zu Staatsmachtzwecken ausgenutzt würde. Zu den prominenten nichtzionistischen Juden zählt der Autor Einstein und Freud. Parallelen zwischen dem Zionismus und der Apartheid in Südafrika werden aufgezeigt und die jüdische Opposition gegen den Zionismus. Die Lehre, die der Autor aus den historischen Resultaten solcher Ideologien zieht, ist die, nicht mehr tribalistisch und gruppenbezogen zu denken, sondern als Mensch. Dies gelte genauso auch für die Palästinenser. Um die Problempunkte des Zionismus zu verdeutlichen, betrachtet der Autor das israelische Staatsgebilde und beginnt mit den beiden unterschiedlichen Sichtweisen, nämlich der von der einzigen Demokratie in der Region auf der einen Seite und der eines ethnozentrischen rassistischen Staates auf der anderen. Um sich diesem Widerspruch zu nähern, analysiert Qumsiyeh einige israelische Gesetze hinsichtlich der Unterscheidung von Bürgern des Staates. Er hält fest, dass es eine nationale Zugehörigkeit zu Am Yisrael, den Leuten von Israel (=alle Juden) gebe (genannt "le'om"), die sich von der Staatsangehörigkeit ("ezrahut") unterscheide. Eine tatsächlich israelische Nationalität gebe es demnach im Eigenverständnis nicht. So können etwa Palästinenser nicht zu Am Yisrael gehören, dafür können Juden aus aller Welt ohne weiteres die israelische Staatsangehörigkeit annehmen. Für nichtjüdische Einwanderer hingegen gibt es ein anderes Set von Gesetzen. Ebenso verhalte es sich mit Gesetzen für nichtjüdische Bürger, die von den Landrechten, den ökonomischen, kulturellen und politischen Rechten nicht profitieren, die nur für Juden gelten. Daher sei es notwendig, israelische Gesetze zu hinterfragen, wie das von 1985, in dem die politische Beteiligung einer Partei nur dann erlaubt sei, wenn diese Partei die Priorität von Israels jüdischer Identität sowie die Staatsräson anerkenne. Nach diesem Gesetz ist es beispielsweise verboten, die demokratische Natur des Staates zu leugnen. Widersprüche zu demokratisch-pluralistischen Grundsätzen finden sich auch in anderen Gesetzen wie dem Abwesendenbesitz-Rechts, nach dem jeder Einwohner, der zwischen November 47 und Mai 48 auch nur für einen Tag von seinem Land wegging, dieses Land und die Einkünfte daraus an den jüdischen Staat verlor. Gewalt und Terrorismus sind das Thema des achten Kapitels. Qumsiyeh weist auf die Ungenauigkeit des Terrorismusbegriffs hin und darauf, dass er häufig als Kampfbegriff verwendet wird und dass manche terroristischen Akte nicht als solche bezeichnet werden. Es wird gezeigt, dass die Terrorismusdefinition der US-Regierung auch auf Hiroshima und Nagasaki und sehr viele andere Ereignisse passt. Es wird argumentiert, dass der Elfte September in seiner Gewalttätigkeit weder qualitativ noch quantitativ einzigartig war und in Relation gesetzt werden muss zu den Dingen, die der Rest der Welt erfahren hat. Hier folgen viele Beispiele. Die These wird aufgestellt, dass regierende Kräfte in der Geschichte oft die Angst der Bürger benutzt haben, um politische Entscheidungen durchzusetzen. Es folgt ein Abriss terroristischer Präzedenzfälle in Palästina/Israel durch Zionisten mit dem Schwerpunkt auf den 40er Jahren. Qumsiyeh führt an, dass Besatzungs- und Kolonialmächte den Widerstand gegen die Besatzung im Allgemeinen Terrorismus nennen und gibt Beispiele, wobei er auf die UN-Charta verweist, in der Widerstand gegen Unterdrückung und Besatzung legitimiert wird. Palästinensischer Terror gegen Zivilisten wird dabei nicht ausgeklammert, sondern ebenfalls konsequent abgelehnt. In diesem Kapitel wird auch die Frage nach Gruppenverantwortlichkeiten gestellt, wenn Gesellschaften über Gewaltakte schweigen und am Beispiel der gescheiterten Oslo-Verhandlungen wird argumentiert, dass das Nicht-Enden der Gewalt mit dem Mangel an Gerechtigkeit in Beziehung steht. Die These, dass Terrorismus das Phänomen gewisser Kulturen oder Religionen sei, sei falsch und könne nicht zu einem rationalen Diskurs führen. Die Geschichte zeige, dass Gewalt immer wieder Gewalt gebiert und dass Gewalt kein zufälliges Nebenprodukt von Besatzung, Unterdrückung und Enteignung sei, sondern "ausgewähltes Werkzeug und Konsequenz". Gewaltverweigerung und Hoffnung in schlechten Zeiten seien keine romantischen Gedanken, sondern der Beweis der positiven Möglichkeiten menschlichen Verhaltens. Um den allgemeingültigen Maßstab einer Menschenrechtsvorstellung genauer zu erfassen, dokumentiert der Autor die 30 Artikel der Menschenrechte, die 1948 von der UNO adaptiert wurden, sowie zehn Menschenrechtsprinzipien, die Amnesty International 2001 formuliert haben, wobei Amnesty ausdrücklich darauf hingewiesen hat, dass der Oslo-Prozess wegen mangelnder Applikation von Menschenrechten gescheitert ist. Zu den eklatantesten Menschenrechtsverletzungen in Israel/Palästina gehören die Tötung von Zivilisten und die Folter als Verhörmethode. Alle namhaften Menschenrechtsorganisationen weisen öffentlich darauf hin, dass Israel sich hier nicht an die Standards hält. Nach einem Amnesty-Report wurden zwischen 1987 und 1999 rund 2650 palästinensische Häuser zerstört. Tausende Hektar Land wurden konfisziert, um illegale Siedlungen in der Westbank zu bauen. Über die 650 km lange und 1,2 Milliarden Dollar teure Sperranlage sagt Qumsiyeh, dass sie kein Sicherheitszaun an der Grünen Linie sei. Ihr Hauptzweck sei die Expansion illegaler Siedlungen. Auf den folgenden Seiten beschreibt der Autor, warum das von Menschenrechtlern "Apartheid-Mauer" genannte Bauwerk diesen Namen zu Recht trägt. Zu denken, man könne die Menschenrechte beiseite stellen und dennoch Sicherheit oder Frieden erreichen, sei eine Selbsttäuschung. All diese Faktoren haben die gesellschaftliche Entwicklung in Palästina/Israel bestimmt und ungleiche ökonomisch-soziale Voraussetzungen geschaffen. Im Land leben heute etwa neun Millionen Menschen und etwa die Hälfte von ihnen sind native Palästinenser. Um den jüdischen Charakter des Staates zu erhalten, werden Flüchtlinge an der Rückkehr gehindert, werden Juden, die sich mit dem Zionismus identifizieren, ins Land gebracht und wird das Leben der verbleibenden Palästinenser so schwer wie möglich gemacht, um sie zum Gehen zu bewegen. Der Autor fasst an dieser Stelle die Hintergründe der ökonomischen Situation und Hierarchie in Israel/Palästina analytisch zusammen. Dabei geht er auch auf UNO-Dokumente ein, die die Wasserfrage im Land betreffen, ebenso wie auf die Umweltzerstörung als Folge der Politik. Die Ein-Staat-Lösung gebe auf all diese Probleme positive Antworten wie: Wohlstand durch Stabilität, ökologische Nachhaltigkeit, Effizienz der Infrastruktur, Beendigung der demographischen Kämpfe, niedrigere Geburtenrate bei Palästinensern durch ökonomische Sicherheit, Öffnung der Märkte. In Kapitel 11 geht es um die politischen "Player" und ihre Motivationen, die zu verstehen zur Beendigung des Konflikts notwendig sei. Aus Zitaten von Theodor Herzl geht hervor, wie die nativen Palästinenser von den damaligen Zionisten gesehen wurden, nämlich bestenfalls als Ansiedler ohne Rechtstitel in einem "verlassenen" Land. Gleichzeitig gab es auch Konflikte zwischen osmanisch ausgerichteten palästinensischen Intellektuellen und den ansässigen Bauern, den Fellahin. Qumsiyeh zeichnet die Vorgänge nach, die zur britischen und französischen Unterstützung des Zionismus und zu den Jules- und Balfour-Deklarationen geführt haben, ebenso wie den Übergang zur US-amerikanischen Adoption der zionistischen Idee zur Zeit Trumans, der anfangs noch auf das Rückkehrrecht der Flüchtlinge insistiert hatte. Zwei Richtungen des Zionismus, die Vorläufer der heutigen politischen Lager von Likud und Labor seien, seien damals bereits sichtbar und aktiv gewesen. Die Rolle König Abdullahs von Jordanien wird beleuchtet und die palästinensische politische Elite bis 1974, als die PLO von den arabischen Staaten als Vertreter des palästinensischen Volkes anerkannt wurde. Mit einem Zitat des israelischen Generals Peled identifiziert der Autor die These als Mythos, nach der der Krieg von 1967 ein israelischer Defensivkrieg gewesen sei. Die Übereinkünfte mit Ägypten 1978 und der Übergang zu den Oslo-Verträgen führten unter anderem zu einer Verdopplung der Landenteignungs- und Siedlungstätigkeit Israels im Rahmen der Ausführung des Allon-Planes, nach dem ursprünglich 35 bis 40 % der Westbank annektiert werden sollten, während der Rest unter palästinensisch-jordanische Hoheit käme. Dieser Plan wurde später von Ariel Sharon modifiziert und von Yasir Arafat letztlich akzeptiert, obwohl dies mit dem internationalen Recht nicht vereinbar war. An dieser Stelle wird der palästinensische politische Diskurs untersucht, etwa die Unabhängigkeitserklärung der PLO von 1988, in der die "offenkundig ungerechte" UN-Teilungsresolution 181 akzeptiert wurde, oder die Folgen des Golfkriegs 1990/91 für die PLO und für die Palästinenser. Besonders intensiv geht Qumsiyeh in diesem langen Kapitel auf die Oslo-Verträge ein. Er nennt sie eine Kapitulation und sagt, sie seien gewollt vage hinsichtlich palästinensischer Rechte und präzise hinsichtlich der Macht und Befugnisse Israels. Die Kantonisierung der Westbank unter anderem durch die Umgehungsstraßen für Siedlungen wird genannt und andere Details. Die Rolle der USA in diesem Prozess wird als destruktiv eingeschätzt, weil sie aktiv daran beteiligt sei, internationales Recht und Menschenrechte auszuhöhlen und israelische Übertritte zu euphemisieren. Unzureichendes Ziel der herrschenden Politik sei es, den Nahen Osten zu "managen" und ansonsten den Status Quo beizubehalten. Dass eine solche Politik auf lange Sicht versagt, leitet Qumsiyeh aus den Erfahrungen der Weltgeschichte ab. Die israelische Öffentlichkeit sei fehlgeleitet worden zu glauben, dass es Sicherheit ohne Gerechtigkeit oder Gleichberechtigung der Palästinenser geben könne. Die US-amerikanischen Steuerzahler erinnert der Autor an 140 Milliarden Dollar, die in den letzten dreißig Jahren als Hilfe an Israel gegeben wurde, eine Summe, mit der man das gesamte fehlende Trinkwasser auf der Erde bezahlen könnte. Dies, obwohl die USA sich selbst eine Militärhilfe an Länder untersagt, die ständig die Menschenrechte und das internationale Recht brechen. In diesem Zusammenhang nennt der Autor auch die Affäre um die USS Liberty von 1967 und die fehlende anschließende Untersuchung, die ein Novum in der amerikanischen Militärgeschichte darstellte. Die US-Unterstützung der Road-Map wird erwähnt, in deren 2.221 Wörtern die Begriffe "Menschenrechte" und "internationales Recht" nicht vorkommen. Kapitel 12 handelt vom internationalen Kontext und internationalem Recht. Qumsiyeh geht von zwei möglichen Szenarien aus: entweder setze sich eine Lösung durch, die auf Machtpolitik beruhe, dann setze sich der Stärkere über den Schwächeren durch, oder eine allgemeingültige und für alle verbindliche Rechtsvorstellung werde angewandt. Auf den folgenden fünfzehn Seiten werden viele internationale Vereinbarungen untersucht und in den zentralen Teilen zitiert, beginnend mit dem Sykes-Picot-Abkommen von 1916, über Dokumente des Völkerbunds, den UNO-Teilungsplan 181, die UN-Charta, UN-Resolution 194, Briefe von Ben-Gurion und andere, die Vierte Genfer Konvention, Artikel 13 der Menschenrechte, und die Resolutionen 273, 242, 338, 446, 2727, 1322, 3236, 42/159, 51/124, 51/126, 51/114. Minutiös wird aufgezeigt, dass die USA zwar 35 israelkritische Resolutionen im Sicherheitsrat blockiert hat, dass aber die übrigen der verabschiedeten Resolutionen zusammen mit den Mindestanforderungen des internationalen Rechts drei Punkte inakzeptabel mache: die Weigerung Israels, sich aus den 1967 besetzen Gebieten zurückzuziehen, die Weigerung Israels, Resolution 181 zu implementieren, auf der die Gründung eines Staates Israels in Palästina beruhe und Weigerung Israels, Flüchtlinge zurückkehren zu lassen und sie zu entschädigen. Qumsiyeh vergleicht hier auch, wie die UNO hinsichtlich anderer Länder entschieden hat, etwa bei der irakischen Besatzung Kuwaits oder den Flüchtlingen im Kosovo, wo im Gegensatz zu Israel sehr konkrete Maßnahmen und präzise Vorstellungen formuliert wurden. Die Selbstbestimmung der Palästinenser sei zu einer Ausnahme gemacht worden. Im letzten Kapitel des Buches wird bekräftigt, dass ein Frieden, der auf den Menschenrechten und internationalem Recht beruhe, möglich und erreichbar sei. Zunächst stellt der Autor einen Plan der arabischen Länder vor, der 1947 entstand, als die USA, die Sowjetunion und Frankreich den Teilungsplan unterstützten. Diese Alternative, die damals in der New York Times vorgestellt wurde, basierte auf einem föderalen Konzept mit Proporzberücksichtigungen und war inspiriert von den Prinzipien der US-amerikanischen Verfassung. Die zionistischen Kräfte kontrollierten zu dieser Zeit bereits 78 % des Landes, weit mehr als die 55 %, von denen in Resolution 181 die Rede ist. Unilateral wurde 1948 der Staat gegründet, einhergehend mit ethnischen Vertreibungen. Da Israel nur unter der Bedingung in die UNO aufgenommen wurde, dass es 181, 194 und andere Texte implementiere, was es definitiv nicht getan hat, schließt der Autor, dass die Befolgung internationalen Rechts in der Tat bedeute, Israel von der UN auszuschließen und zu sanktionieren, bis es seine Verpflichtungen erfüllt habe. Da dies die einzige legale und moralische Lösung sei, müsse neu über den Zionismus nachgedacht werden. Dieser habe auch nach eigenen Maßstäben versagt, etwa in dem Punkt der Sicherheit für Juden. Die wenigen positiven Errungenschaften hingegen würden zu wenig wahrgenommen, wie die Schaffung einer neuen Sprache. Es sei heute zeitgemäß, von einer israelischen Nationalität zu sprechen anstatt von einer jüdischen. Ebenso würden auch solche Palästinenser in der Vergangenheit leben, die von der Wiederherstellung eines arabischen Palästina träumten. Dies bringt Qumsiyeh zur Grundsatzdiskussion über die Zwei-Staaten-Lösung. Zunächst zählt er die Punkte des historischen Kompromisses der PLO auf, also die Grenzziehung auf der Waffenstillstandslinie von 1967 (nicht auf der von der UNO gezogenen Linie), ein unabhängiger, souveräner Staat in der Westbank, Ostjerusalem und dem Gazastreifen, Hauptstadt Jerusalem mit freiem Zugang für alle Glaubensrichtungen, Auflösung der illegalen Siedlungen, Rückkehr der Flüchtlinge, gerechte Wasserverteilung, gute Nachbarschaft und Kooperationen. Zur Zeit von Camp David und Taba, 2000-2001, machte die palästinensische Führung weitere Zugeständnisse, nämlich: die Aufgabe von 78 % ihres Landes gegen den Wunsch der Bevölkerung; Akzeptanz eines Staates, der sich als Nation "für das jüdische Volk" versteht, inklusive diskriminierender Gesetze, und nicht als Land für seine Bürger; das Abhängigmachen von Rückkehrrechten von der Gewährleistung einer jüdischen Mehrheit (was der Autor eine rassistische Ansicht nennt); das Akzeptieren von Landaustausch, sodass die meisten der illegalen Siedlungen an Israel angeschlossen werden können; Zustimmung zur Verteilung von Wasser, das den einheimischen Menschen gehört; das Verlassen von Resolution 181 hinsichtlich Landverteilung und der Jerusalemfrage. Im Folgenden fasst Qumsiyeh die Argumente zusammen, die gegen eine Zwei-Staaten-Lösung und für eine Ein-Staat-Lösung sprechen. Dazu gehören die faktisch bereits eingetretene Vermischung der Bevölkerungen, die Schaffung von Gerechtigkeit für alle nach einem Maßstab, wirtschaftlich-ökologische Vorteile und die allgemeine Desillusionierung hinsichtlich der Zwei-Staaten-Lösung auf beiden Seiten. Es folgt eine Kritik an der einflussreichen Philosophie von Leo Strauss, der eine altruistische Philosophie gegenübergestellt wird. Gruppen werden erwähnt, die vom Status Quo profitieren: Waffen- und Ölindustrie, Washingtoner Think-Tanks, viele zionistische Führer, religiöse Eiferer, viele arabische Führer, US-Repräsentanten, die Wahlspendengelder von pro-zionistischen Gruppen erhalten. Diese Gruppen allerdings bilden nur eine winzige Minderheit der vom Konflikt betroffenen Menschen. Die Geschichte des Heiligen Landes während der letzten 100 Jahre und die Geschichte ähnlicher Kämpfe wie in Südafrika würden beweisen, dass es bestimmte Politiken gibt, die nicht funktionieren: gewaltsame Aneignung von Land, Unterdrückung, Entfernung und Isolation von Einheimischen, Versuche, göttliche oder andere religiöse "Landrechte" zu beanspruchen, Nichtbeachtung von Menschenrechten und allgemeinen Rechtsstandards, Gewalt als Methode zur Reaktion auf Widerstand, Nichtbeachtung der Möglichkeiten gemischter Gesellschaften. Qumsiyeh kritisiert die "defätistische Haltung" vieler Analysten und betont die Kraft der Gewaltlosigkeit. Er malt positive Szenarien, die sich ergeben können, und fragt, welche Elemente aus der Geschichte wir betonen und in den Vordergrund stellen sollten. Seiner Einschätzung nach sind Geschichte und Kontext ebenso verloren wie der rationale Diskurs, wenn man auf Gewalt fixiert ist und wenn man sich von Angst und von falschen Mythen leiten lässt. Es gebe drei mögliche Lösungen für kolonialistische Situationen: dass der Kolonialist vertrieben wird wie in Algerien, dass die einheimische Bevölkerung ganz oder weitgehend ausgelöscht wird wie in Nordamerika und Australien, und die Einführung eines demokratischen Staates wie in Südafrika. Schließlich teilt der Autor die Ziele in lang-, mittel, und kurzfristige Ziele ein und ruft dazu auf, eine bessere Zukunft ins Auge zu fassen und dafür zu arbeiten. Im Anhang folgt der Wortlaut eines 10-Punkte-Entwurfs, der als Diskussionsgrundlage dienen soll. "Sharing the Land of Canaan" von Mazin Qumsiyeh ist ein informationsreiches und praktisches Handbuch für jeden, der den Konflikt aus der Sicht der Menschenrechte und der internationalen Standards verstehen möchte. Es wird ohne Zweifel ein Standardwerk in vielen Bibliotheken der Welt werden. Jedes Kapitel ist in sich abgeschlossen und wird mit Hinweisen auf ausgewählte weiterführende Literatur beendet. Diese Darstellungsart führt zu einer gewissen Redundanz der Argumente und einem Spielraum in der Zuordnung historischer Sequenzen, sie hat jedoch den Vorteil, dass die einzelnen Themen leicht auffindbar sind und nachgeschlagen werden können, wobei auch das vierseitige Sach- und Personenregister hilft. Die Quellen sind hauptsächlich Texte von Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International, Human Rights Watch, die Vereinten Nationen, das Rote Kreuz, israelische Gruppen, dazu viele Zitate israelischer Politiker und Wissenschaftler, Zeitungen wie die New York Times, die Jerusalem Post, Haaretz sowie arabische Wissenschaftler. Strikt antizionistisch ist Qumsiyeh übrigens nicht, er spricht im Gegenteil anerkennend über Levi Eshkols und Martin Bubers Art des Zionismus. Die im Buch behandelten Gruppen untersucht Qumsiyeh nach deren eigenen Maßstäben. Daher repräsentiert die Studie eine fundierte Situationsanalyse, und nicht etwa die Ansicht eines Außenseiters. Mazin Qumsiyeh ist nicht der erste, der die Vision des einen demokratischen Staates formuliert oder verficht, doch tut er es auf brillante Weise und auf der Höhe der Zeit, unter Berücksichtigung neu veröffentlichter offizieller Dokumente und aktueller Ereignisse. Trotz seiner Leidenschaft wirkt er dabei nüchtern und hat den Blick immer auf den zentralen Konfliktpunkten, die er durch Faktenanaylse demythifiziert. Obwohl er sich als Palästinenser versteht, hat Qumsiyeh das Ganze im Sinn und verfolgt kein Lagerdenken und Angstdenken. Es ist ein aufgeklärtes, modernes und auch ein amerikanisches Buch. Ein bedeutendes Stück Gelehrsamkeit. Die gesamte Argumentation ist ebenso nachvollziehbar wie zwingend, wenn man durch die Brille der Menschenrechte schaut. Dem Autor ist klar, dass es nicht einfach ist, diese humanistische Vision in Erfüllung gehen zu lassen und dass sie auf Widerstände stößt wegen der langen Geschichte des Konflikts. Andererseits vertraut Mazin Qumsiyeh auf die Synergien der beteiligten Menschen und schreibt am Schluss seiner Betrachtungen: "Wir Kanaaniten, die wir das Alphabet erfunden haben, Tiere domestiziert und eine Landwirtschaft entwickelt haben und dieses öde Land zu einem Land von Milch und Honig gemacht haben, können es bestimmt schaffen."
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Rabinovici, Doron u. a. (Hg.): Neuer Antisemitismus? FfM 2005.

Beiträge zum Thema bleuchten jeweils andere Aspekte des komplexen Themas und irgendwie haben alle ihre Berechtigung. Wenn man sich davon löst, nach der "richtign" Interpretation zu suchen, die ja erwarteter Weise die eigene ist und sich einlässt auf die unterschiedlichen Bewertungen der gleichen Situation - einfach aus der Erkenntnis heraus, dass jeder einen bestimmten Teil sieht und dazu neigt, diesen zu verallgemeinern .- dann kann dieses Buch einen weiter bringen auf der Suche nach der Grenze zwischen berechtigter Kritik und dem Abdriften in Pauschalaussagen und Verschwörungstheorien.
(S. Schiffer)

Rohlfs, Ellen: Was geschieht eigentlich hinter der Mauer in Palästina? „Nur“ Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder schleichender Völkermord?
Eine Dokumentation mit einemVorwort von Hajo Meyer.

Ellen Rohlfs, wohl jedem bekannt, der in Deutschland die Politik und Praxis des Staates Israel gegenüber den Palästinensern kritisch beobachtet, hat nach ihren Büchern "Die Kinder von Bethlehem" und "Sag Mutter, wie sieht Frieden aus?" ein neues Buch vorgelegt. Eine Dokumentation, erschienen im Selbstverlag - denn welcher deutsche Verlag kann sich mit dem Staat Israel und den deutschen Zionisten so rücksichtslos anlegen, ohne seine Existenz zu gefährden? (Sogar die mächtigen katholischen Bischöfe haben den Rückzug angetreten, nachdem sie unter dem Druck des Faktischen an der unheiligen Mauer im Heiligen Land und im Ghetto von Ramallah Gefüh-le gezeigt hatten.) Ellen Rohlfs ist eine unermüdliche Übersetzerin von Texten aus Palästina und Israel, sie ist die deutsche Stimme Uri Avnerys, die autorisierte Übersetzerin seiner allwöchentlich erscheinenden analytischen und bissigen Kommentare zur aktuellen Situation (http://www.uri-avnery.de/). Sie ist die deutsche Vertreterin der israelischen Friedensgruppe Gush Shalom; Gründungsmitglied von ICPPP (Internationales Committee for Protection of Palestinian People, Sektion Deutschland) und Trägerin des Bundesverdienstkreuzes am Bande [www.arendt-art.de/deutsch/palestina/Stimmen_deutsch/ellen_rohlfs_israel_palaestina.htm]. "Nie wieder?" fragt die Autorin, und "Was geschieht eigentlich hinter der Mauer in Palästina?". Damit verstößt sie schon gegen die political correctness, denn man sagt nicht "Mauer" - Vergleiche sind bei Zionisten unerwünscht, und die knapp vier Meter hohe "Berliner Mauer" sollte man wirklich nicht mit dem acht Meter hohen "antiterroristischen Schutzzaun" vergleichen. Die dritte Frage dürfte Ellen Rohlfs jede Chance auf eine Einreiseerlaubnis in diesen Staat Israel nehmen: "'Nur' Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder schleichender Völkermord?" Die Autorin nennt ihre Broschüre "Eine Dokumentation", sie bietet aber mehr als dies. Die Arbeit ist in drei Teile gegliedert. Im ersten findet der Leser eine umfangreiche Dokumentation zu den Verstößen Israels gegen das Völkerrecht und eine Auseinandersetzung mit der Frage, ob der Terminus "Völkermord" für die israelische Politik der Vertreibung, Diskriminierung, Unterdrückung und schleichenden Ausrottung der Palästinenser zutrifft. Im zweiten Teil findet der Leser Beiträge israelischer, palästinensischer und jüdischer Autoren bzw. Organisationen. Im dritten Teil stellt Ellen Rohlfs eigene Arbeiten vor: neben Gedichten zwei Texte: "Von Mauern und Zäunen" (2003) und "Gedanken nach dem Massaker von Hebron und zum Weltgebetstag der Frauen, 1994". Man kann das Buch nicht ohne Bewegung lesen. Auch wenn man fast alltäglich aus Quellen, die nicht der mehr oder weniger freiwilligen Selbstzensur unterworfen sind, vom Leiden der Palästinenser und von dem ungleichen Kampf zwischen ihnen und ihren Besatzern liest, ist man aufs neue schockiert von der kommentierten Zusammenfassung - und mehr noch das Verschweigen, die stillschweigende Billigung oder gar die lautstarke Rechtfertigung der Politik Israels in der Bundesrepublik.
(Dr. Ernst Herbst)

Rose, John: Mythen des Zionismus, Stolpersteine auf dem Weg zum Frieden. Aus dem Enlischen von Rosemarie Nünning. Rotpunkt Verlag, 24 €, 300 S.

Die zentrale These dieses Buches lautet, dass der Zionismus durch eine Anzahl von Mythen zusammen gehalten wird. Und John Rose macht sich daran, die "mythische Geschichte des Zionismus zu zerstören". Er stellt fast alles in Frage, was der israelischen politischen Elite heilig ist, und kommt zum Schluss: "Der Zionismus ist das Problem: Seine Beseitigung ist die Voraussetzung für Frieden im Nahen Osten; sie ist die Vorbedignung für eine jüdisch-arabische Versöhnung."
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Segev, Tom: Es war einmal ein Palästina Juden und Araber vor der Staatsgründung Israels. München (Siedler) 2005, 672 Seiten, 40 Abbildungen. 3-88680-805-X. 28,00 €.

Fünf Jahre nach seinem Erscheinen liegt "One Palestine, Complete: Jews and Arabs Under the British Mandate" nun unter dem Titel Es war einmal ein Palästina endlich auf Deutsch vor. Und so, wie der deutsche Titel suggeriert, verweist Tom Segev die üblichen Geschichten und Anekdoten, die sich um diese Zeit vor der Gründung des Staates Israel ranken, in den Rang von Märchen und Mythen, die von Gefahren und ihrer Überwindung zeugen, zwar durchaus auch wahre Kerne haben, aber eben nicht wahr sind. Thema des Buches sind die 30 Jahre britischer Herrschaft in Palästina, die in der Regel nur in einem Kapitel in den Geschichtsbüchern abgehandelt werden – hier wird ihnen ein eigenes dickes und umfangreiches Werk gewidmet. Meist werden diese knapp 30 Jahre pauschal als Mandatszeit bezeichnet, obwohl dem eigentlichen Mandat 5 Jahre Militärverwaltung vorausgingen. "One Palestine, Complete - Ein Palästina, vollständig und unversehrt" – so stand es auf Quittung, die der erste britische Hochkommissar, Herbert Samuel, unterschrieb, als er von der Militärregierung die Geschäfte übernahm. Als die Briten 1948 Palästina verließen, war es weder vollständig und bei weitem nicht mehr unversehrt, sondern Palästina befand sich schon seit Jahren in einem latenten und nunmehr offenen Kriegszustand um Territorium und Vorherrschaft. Die offizielle zionistische Lesart und Geschichtsschreibung zu dieser Zeit lauten: Die zionistische Bewegung und ihre Führer haben ihr Projekt der Besiedlung von Palästina / Eretz Israel unter folgenden Bedingungen verfolgt und durchgezogen: Die Besiedlung Palästinas, deklariert als "Ein Land ohne Volk", erfolgte durch Pioniere gegen die Widerstände der arabischen Umgebung (wobei diese Umgebung demnach außerhalb der Region Palästina war) und gegen den Widerstand erst der Osmanischen Herrscher und später der britischen Mandatsmacht. Dabei habe das Projekt von nicht-jüdischer, nicht-zionistischer Seite praktisch keinerlei Unterstützung erfahren. Diese Lesart und Interpretation stellt Tom Segev in Frage und widerlegt sie: Vielfach war die Unterstützung, die das zionistische Siedlungsprojekt erfuhr, gerade von britischen Regierungsstellen. Zwar speiste sich diese Unterstützung durchaus aus einerseits Fehleinschätzungen – so waren wichtige Vertreter davon überzeugt, daß Juden die Fäden in der internationalen Politik zogen – und andererseits aus einer Mischung aus Antisemitismus – haben die Juden einen eigenen Staat, so siedeln sie dort und nicht in den jeweiligen anderen Ländern – und einem christlich geprägten Philosemitismus und Zionismus. Zudem standen die Protagonisten des Zionismus den westlichen Mächten auch kulturell näher als die Araber, und dies in Verbindung mit der Aussicht, über sie einen Fuß im Nahen Osten zu behalten –Palästina lag schließlich auf dem Weg nach Indien – war durchaus verlockend. Und so gab es zwar immer wieder Versuche und Vorstöße, die jüdisch-zionistische Einwanderung zu erschweren, aber gleichzeitig wurde es während der gesamten Zeit ermöglicht, daß von zionistischer Seite vorstaatliche Institutionen eingerichtet und quasi-staatliche Strukturen geschaffen werden konnten, durch Duldung und/oder durch politische und finanzielle Unterstützung. Das Verhältnis zu den Arabern in Palästina war dabei ebenfalls ambivalent: Durchaus gab es bei den Briten auch Vertreter, die von der arabischen, vor allem der städtischen Kultur, fasziniert waren, und durchaus wurden auch die Auswirkungen der jüdischen Immigration auf die ortsansässige arabisch-palästinensische Bevölkerung gesehen und in den Weißbüchern der diversen britischen Kommissionen dargelegt, aber realpolitisch bedingt wurde deren Interesse zunehmend in den Hintergrund gedrängt. Und zunehmend, angesichts der sich auf beiden Seiten entwickelnden Gewalt, entglitt den Briten die Staatsgewalt. Mit den Beamten, die seit Ende 1928 und vor allem 1936 mit dem Ausbruch des arabischen Aufstands eingesetzt wurden, und die häufig schon in Irland Dienst geleistet und Erfahrungen gesammelt hatten, wurde zu drastischeren Mitteln der Terrorbekämpfung gegriffen: Das Kriegsrecht wurde verhängt, Polizeikräfte wurden massiv aufgestockt, Juden und – bedeutend mehr – Araber verhaftet und brutal verhört, Todesurteile ausgesprochen und vollstreckt, im Norden wurde der Tegart-Sicherheitszaun errichtet… Und nicht nur Irland war eine Parallele, sondern auch Indien mit seinem Kampf gegen die britische Herrschaft. Mit Ausbruch des Krieges 1939 eskalierte die Lage erneut, die Gewalt nahm weiter zu, Notstandsgesetze wurden erlassen, Kollektivstrafen waren eher die Norm denn Ausnahme. Dabei nahm die Anzahl der Gegner zu, denn interne Auseinandersetzungen vor allem in der jüdischen Gemeinschaft führten zu diversen Fraktionen, die unabhängig und in Konkurrenz zueinander gegen die Briten und die Araber operierten. Schon hier wurden britische Stimmen laut, Palästina zu verlassen, weil es zu viel koste, dort zu sein, aber zu nichts führe.Nach dem Krieg beruhigte sich die Lage nicht, Indien war verloren, die Briten in Palästina völlig überfordert – so erfolgte der Beschluß, das Mandat zurückzugeben und das Land zu verlassen. Die Versprechen der Balfour-Deklaration waren eingelöst, die Grundlagen für die jüdische nationale Heimstätte waren gegeben. Diese hier nur kurz aufgelisteten Thesen schildert Tom Segev sehr anschaulich, und er stützt sich hierbei auf viele Quellen aller Seiten, offizieller wie inoffizieller Briefe, Tagebücher, Memoiren und anderer Aufzeichnungen. Einige Protagonisten begleiten dabei die Leserschaft fast durch das gesamte Buch. Es war einmal ein Palästina schließt eine Lücke vor allem auch im deutschsprachigen Publikationsangebot, was die Zeit der britischen Herrschaft in Palästina betrifft, und hierbei vor allem auch die Zeit vor dem eigentlichen Mandatsbeginn 1922, als das Gebiet noch unter Militärverwaltung stand. Christopher Sykes' Werk zu dieser Zeit "Kreuzwege nach Israel", Ende der 1960er Jahre erschienen, ist seit langem vergriffen. Tom Segev's Werk eignet sich sowohl einfach zum Schmökern als auch als Sachbuch. Anmerkungen als Fußnoten und fast 90 Seiten Quellen- und Literaturverzeichnis, ein Personenindex und zwei Karten von Palästina und Jerusalem unter britischem Mandat vervollständigen es. Aber trotz, oder gerade wegen des Umfangs und angesichts der Fülle der Informationen gibt es einige Mängel, die verhindern, es in den Rang eines jederzeit nutzbaren Fachbuchs zu heben: - Wichtige Dokumente werden weder im Text noch im Anhang direkt zumindest in Exzerpten zitiert, sondern nur indirekt, wenn sie erwähnt und interpretiert werden. - Weiter wäre ein Glossar sehr hilfreich, um Begriffe, die z. T. im Text erklärt werden, jederzeit nachschlagen zu können. -Ebenso wichtig wären ein Personenregister mit kurzen biographischen Daten zu den Hauptakteuren (den prominenten und den weniger prominenten) und auch ein Abbildungsverzeichnis. -Und es gibt leider keine Zeittafel mit den wichtigsten Daten dieser Zeit – eine solche hätte den Umfang des Buches nur gering erweitert, und der Nutzen wäre immens. Werden diese Mängel bei einer Neuauflage und einer Überarbeitung behoben, so wird das Buch nicht nur zu einem empfehlenswerten, sondern auch zu einem Standardwerk, in dem man jederzeit schnell etwas nachschlagen kann. Thea Geinitz Nachsatz: Ach ja, und wer sich wundert, wieso so oft Anemonen erwähnt werden: Der hebräische Originaltitel "Je mei kalaniot" (in etwa: Tage der Anemonen) spielt auf den Spitznamen "Anemonen" an, den die britischen Fallschirmjäger wegen ihrer roten Uniformen von den Juden erhalten hatten.
© Thea Geinitz

De Simony, Pia / Czernin, Marie: Elias Chacour - Israeli, Palästinenser, Christ. Sein Leben erzählt von Pia de Simony und Marie Czernin.

Die Raketen der Hizbollah schlugen 2006 unweit seiner Kirche ein. Elias Chacour, Sohn einer palästinensischen Bauernfamilie, kennt das Heilige Land und seine Geschichte wie kaum ein anderer. Er war acht Jahre alt, als seine Familie 1947 von israelischen Soldaten aus dem Heimatdorf vertrieben wurde. Er hat Hass und Terror erlebt. Heute gilt er als spirituelles Energiezentrum des christlich-jüdisch-muslimischen "Trialogs". Schon dreimal wurde er für den Friedensnobelpreis nominiert. 2003 gründet er die erste christlich-arabische Hochschule in Israel: eine einmalige Institution mit nunmehr rund 4.500 Studenten, davon mehr als die Hälfte Frauen und Muslime. Chacours Leben zeigt: Hass kann verwandelt werden. Frieden ist möglich.
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Verleger, Rolf: Israels Irrweg. Eine jüdische Sicht. Papy Rossa 2008.

"Das Judentum, meine Heimat, ist in die Hände von Leuten gefallen, denen Volk und Nation höhere Werte sind als Gerechtigkeit und Nächstenliebe. " Mit seinem Buch möchte Rolf Verleger einen Beitrag dazu leisten, dass sich dies ändert. Er beschreibt seine jüdischen Wurzeln als persönlichen Hintergrund und umreißt die Geschichtes des Zionismus. sodann diskutert er die Frage, was es heute angesichts der schwindenden Bedeutung von Religiosität heißt, Jude zu sein. Problematische Ersatzidentitäten sieht er im Nationalismus und im bloßen Anti-Antisemitismus. Als Alternative er die von ihm initiierte Aktion "Schalom 5767" vor, mit der die Bundesregierung zum Umdenken in der Palästinafrage aufgefordert wurde. Er setzt sich mit dem Vorwurf auseinander, Kritik an Israel habe von vornherein und unbesehen als "antisemitisch" zu gelten, und dokumentiert abschließend einige Auseinandersetzungen, die er über diese Fragen zu führen hatte. Rolf Verleger, Prof. Dr. geb. 1951. Psychologe am Universitätsklinikum in Lübeck. Zahlreiche Artikel in wissenschafltichen Zeitschriften über Gehirnprozesse beim Wahrnehmen und Handeln. Mitglied im Direktorium des Zentralrats der Juden in Deutschland, gegen dessen unkritische Unterstützung der israelischen Gewaltpolitik er sich aus Anlaß des Libanonkriegs 2006 in einem Offenen Brief verwahrte.
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Warschawski, Michael : Mit Höllentempo. Die Krise der israelischen Gesellschaft. Verlag Edition Nautilus, 2004. 10,90 €, kartoniert.

Buchrücken-Text: "Warschawski beschreibt die rasende Geschwindigkeit, mit der Repression und Gewalt der Besatzung in die israelische Gesellschaft zurückschlagen: die Zerstörung demokratischer Grundrechte, die Infragestellung demokratischer Normen im alltäglichen Leben, die perverse Gewöhnung an Gewalt und Tod. Er denunziert die verbale Verrohung von Medien und Politikern, den Einfluß des Kriegszustands auf Schule, Universität und Kultur. (...)" Die beste Beschreibung von Israels Innenleben, die ich bis jetzt kenne. Dabei knapp gehalten (115 Seiten). Absolut empfehlenswert.
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