Rezensionen
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Atzmon, Gilad : My One and Only Love. Aus dem Englischen
übersetzt von Sophia Deeg
Hamburg (Nautilus) 2005, 218 S., (PB) 3-89401-470-9, 19,90
€.
Nach
Anleitung für Zweifelnde liegt nun mit
My One and Only Love der zweite Roman des Musikers Gilad Atzmon vor. In
der Satire, die im Musikbusiness spielt, werden die
Gesprächsstränge und Biographien
mehrerer Personen, Geschichten und Zeitebenen
miteinander verwoben. Bird Stringshtien, Pianist und Historiker,
interviewt die anderen ProtagonistInnen
über ihr Leben. Der Trompeter und Komponist Daniel Zilber
(Zilberboim) erzählt die Geschichte seiner
Künstlerkarriere und einer Liebe, der er im jungen Alter kurz
begegnet ist und die er danach sein Leben lang suchte. Abraham "Avrum"
Shtil, Showbiz-Typhoon, aktuell im Gefängnis
einsitzend, berichtet von seinen Tätigkeiten und
Absichten, die dahinter stehen: Einerseits, sich nach 1945 an
den Deutschen zu rächen, indem in Deutschland die
schlechtesten israelischen MusikerInnen zu
Stars aufgebaut werden, und andererseits, weltweit,
Tourneen zu einem nicht geringen Ausmaß dazu zu
nutzen, Nazi-Verbrecher aufzuspüren, damit sie, je nach
Kalkül, dem Mossad nicht in die Hände
fallen, und andererseits dem Geheimdienst sehr wohl in die
Hände zu spielen. Dritte interviewte Person ist Sabrina
Hopshteter, eine ehemalige Agentin, die bei diversen Operationen als
Mitarbeiterin zum Einsatz kam. All diese Stränge bringt
Atzmon, über die Gespräche mit Bird, auf eine
ziemlich abstruse und auch zynische Art zusammen und enthüllt,
daß praktisch hinter allem die Geheimdienste stecken.Leicht
fällt der Zugang zu diesem Buch nicht, es ist streckenweise
ziemlich schwer zu lesen. Ähnlichkeiten mit realen Ereignissen
und Personen sind nicht zufällig, sondern durchaus
beabsichtigt. Für Atzmon-Fans ein Muß, für
Andere nicht unbedingt.
© Thea Geinitz
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Der
Historiker Dr. Reiner Bernstein zeigt in seinem neuem
Buch das
grundlegende Dilemma der Osloer Verträge detailliert auf. Was
sich aktuell in der Frage nach der politischen Zukunft Jerusalems
zuspitzt, zeichnet sich seit langem auf allen Feldern ab: Die Gewichte
des nationalen Konflikts zweier Völker verschieben sich auf
den Kampf zweier Offenbarungsreligionen...
Böhme, Jörn / Kriener, Tobias / Sterzing,
Christian
: Kleine Geschichte des israelisch-palästinensischen
Konfliktes. Schwalbach (Wochenschau) 2005.
Mit diesem
schmalen Band, einer komplett überarbeiteten
Neuauflage der Ausgabe von 1997, haben die Autoren, Vertreter des
Deutsch-Israelischen Arbeitskreis für Frieden im Nahen Osten
e. V. (DIAK) eine kurze Einführung in den
israelisch-palästinensischen Konflikt von den
Anfängen bis heute vorgelegt. Dabei hatten sie, wie sie im
Vorwort schreiben, den Anspruch, wichtige Wendepunkte und
Entwicklungslinien herauszuarbeiten und die Positionen beider Seiten
einigermaßen fair darzustellen, aber ohne dies als "die
Wahrheit" zu postulieren, sondern mit der expliziten Aufforderung an
die LeserInnen, sich mit dem Gelesenen und auch anderen Auffassungen
kritisch auseinanderzusetzen.
Muß dies nun als Einschränkung gesehen werden, mit
der die Autoren einer Kritik an einer möglichen Einseitigkeit
und Voreingenommenheit Einhalt gebieten wollen? Als Freibrief
dafür, die eine Seite vernachlässigen zu
können, und dies wäre, berücksichtigt man
die Provenienz der Autoren, wahrscheinlich eher die
palästinensische Sicht? Man ist gespannt.
Aufgebaut ist das Buch in 35 Kapitel, die jeweils mit einem Umfang von
einer bis fünf Seiten einzelne Aspekte des Konflikts
behandeln, von der Vorgeschichte, Englands Politik gegenüber
den Juden und Arabern vor und zur Zeit des Mandats, der
Gründungsphase des Staates Israel, den diversen Kriegen und
den verschiedenen Abkommen, einzelnen Regierungen bis zum –
beim Redaktionsschluß erst – geplanten
Rückzug aus Gaza.
Die letzten 20 Jahre (seit Beginn der 1. Intifada) nimmt dabei etwa die
Hälfte des Gesamtumfangs ein. Karten und vom übrigen
Text abgehobene Zitate von Originaltexten (bei denen leider nicht immer
die Quelle angegeben ist) ergänzen die Texte, und im Anhang
gibt eine 10-seitige Chronologie einen Überblick der
wichtigsten Ereignisse von 1881 bis Anfang 2005. Die Literatur- und
Internetempfehlungen sind etwas knapp ausgefallen, und leider gibt es
keinen Index.
Sehr bemerkenswert ist, daß, je näher und dichter
die Ereignisse an die Gegenwart rücken, desto klarere, wenn
auch vorsichtig formulierte, Worte finden die Autoren, und sie stellen
beide Seiten mit ihren Argumenten und Gegenargumenten dar.
Tatsächlich scheuen sie sich nicht, beide Seiten und ggf. noch
Dritte zu kritisieren (so z. B., wenn sie die Verhandlungen von Camp
David 2000 und ihre Darstellung bewerten).Und so kann die eingangs
gestellte Frage und die Befürchtungen bzgl. einer
Voreingenommenheit wie folgt beantwortet werden: Zwar wird die
israelische Seite tatsächlich etwas ausführlicher und
kenntnisreicher dargestellt, aber auch der palästinensische
Standpunkt wird durchaus in einer Weise aufgezeigt, wie es in
deutschsprachigen Publikationen zum Konflikt, die den Anspruch erheben,
beide Seiten darzustellen, selten vorkommt.
Die große Linie stimmt, aber im Detail gibt es neben den
kleineren Fehlern wie z. B. einer falschen Jahresangabe zum Beginn des
britischen Mandats, einige, auch massive Mängel, die nicht nur
der Knappheit der Darstellung geschuldet sind. So wird der Begriff der
Naqba, der Katastrophe der Vertreibung und der Zerstörung,
Trauma des palästinensischen Volkes und zentraler Begriff,
nicht erwähnt. Auch die Ereignisse vom Oktober 2000 in
Nordisrael, als 13 Palästinenser, israelische
Staatsbürger, die an Solidaritäts- und
Protestdemonstrationen teilgenommen hatten, von israelischer Polizei
und Sicherheitskräften getötet wurden, fehlen
– an sich und auch als teilweise Erklärung
für die (durchaus erwähnte) weitgehende
palästinensisch-israelische Stimmenthaltung bei den
Knesset-Wahlen 2001.
Und noch ein Mangel: Satz und Layout. Hier wäre etwas mehr
Großzügigkeit angebracht gewesen, denn wenn man sich
von Hurenkindern und Schusterjungen und von Seiten, auf denen man von
Karten, umgeben von einem Originalzitat, das auf die nächste
Seite reicht (S. 16/17), von der doch, trotz der Mängel im
Detail, insgesamt lohnenden Lektüre abschrecken
ließe, wäre das doch schade.
© Thea Geinitz
Brumlik, Micha: Kritik des Zionismus. EVA Hamburg 2008.
Schlimmer als die Apartheid
Rezensiert von MARTIN FORBERG - 05-02-2008
Dieses Buch
erstaunt zunächst: Im Frühjahr 2007
wandte sich Micha Brumlik vehement gegen jüdische Kritiker der
israelischen Besatzungspolitik. Jetzt beansprucht er sogar,
gründlicher zu sein als die zuvor gescholtenen
Erstunterzeichner der "Berliner Erklärung Schalom 5767". Sein
Vorwurf lautete damals, die Erklärung verharmlose die
antisemitische Ideologie der Hamas. "Schalom 5767" forderte 2006 ein
Ende des Boykotts der zu dieser Zeit von der Wahlsiegerin Hamas
gestellten palästinensischen Regierung.
Brumlik hat die wenig begründete Kritik in sein dennoch
bemerkenswertes Buch übernommen. Es ist als
"geschichtsphilosophische Kritik" des "staatsbildenden" Zionismus
angelegt, der sich gegenwärtig selbst zerstöre. Es
bleibe die Sorge sowohl um die jüdische als auch um die
arabische "Bevölkerung Israels und Palästinas".
Brumlik geht davon aus, dass "Hamas, Hisbollah und die
gegenwärtige iranische Staatsführung" die Absicht
hätten, den Staat Israel und dessen jüdische
Bevölkerung zu "eliminieren". Er fordert Verständnis
für die dadurch ausgelösten traumatischen
Ängste in den jüdischen Gemeinschaften.
Der Autor lehnt aber die "völker- und
menschenrechtsverletzende israelische Besatzungspolitik" ab, will aber
sein Buch nicht als Anklageschrift verstanden wissen. Er verweist auf
die drastische Einschränkung der Bewegungsfreiheit im
Westjordanland, die Armut und Arbeitslosigkeit zur Folge haben. Und er
kommt zu dem Schluss, dass die Situation der Palästinenser
dort "trotz beginnender Lockerungen" "in vielen Hinsichten" schlechter
sei als die der schwarzen Bevölkerungsmehrheit im
Südafrika der Apartheid. Im Gazastreifen drohe als Folge der
Abriegelung ein Kollaps "mit unabsehbaren humanitären Folgen".
Brumlik hat die Argumente jüdischer Denkerinnen und Denker
eingearbeitet, die sich vom Ersten Weltkrieg bis zum Beginn des 21.
Jahrhunderts mit dem jüdischen Selbstverständnis
beschäftigt haben. Von Hermann Cohen, Franz Rosenzweig und
Hannah Arendt bis zur israelischen Philosophin (und
Erziehungsministerin) Yael Tamir spannt sich der Bogen, der zeige, dass
die "Begründungen des staatsbildenden Zionismus zu einer
Erneuerung des jüdischen Volkes" nicht ausreichen. Alternativ
bezieht er sich auf Margarete Susmans nicht-nationale Definition des
jüdischen Volkes als eines "Volkes der Hoffnung". David Novak
hebt hervor, dass aufgrund der Aussagen der Thora das biblische Land
Israel niemals "ethnisch gesäubert" werden dürfe.
Brumlik betrachtet auch die praktische Umsetzung des Zionismus. Im
Unterschied zu anderen "europäischen Expansionsversuchen" sei
er von vornherein nur ideologisch, und nicht auch ökonomisch
motiviert gewesen. Er habe einen Staat aus der Retorte erzeugen wollen.
Und sich zugleich in die lange europäische
Herrschaftstradition im Nahen Osten eingefügt, was den
Konflikt mit der arabischen Bevölkerung Palästinas
zusätzlich verschärfen musste. Gegründet
worden sei Israel ausgerechnet in der Epoche der Entkolonialisierung.
Eine vernünftige Entwicklung für Israelis und
Palästinenser kann sich Brumlik nur in zwei Staaten, die
diesen Namen verdienen, vorstellen, angelehnt an die "Genfer
Initiative". Auch den saudischen Friedensplan hält er
für akzeptabel. Beide Konzepte sehen einen Staat
Palästina neben Israel in den Grenzen von 1967 vor, eine
Auflösung aller Siedlungen und eine umfangreiche Regelung der
Flüchtlingsfrage. Brumlik plädiert
zusätzlich für eine Gleichbehandlung aller
Bürger im Staat Israel
Als Geburtshelferin der Vernunft für den Nahen Osten hat
Brumlik Europa ausgemacht: Dazu gehört auch die Perspektive
einer EU-Mitgliedschaft. Für Palästina sieht Brumlik
eine Assoziierung an Europa vor. Ein anregender Gedanke " aber der
Autor betont selbst, dass die politischen Eliten in Israel von sich aus
nicht dazu bereit sind, die Besatzung aufzugeben. Es ist daher kaum
vorstellbar, dass dieses Ziel ohne klug austarierten internationalen
Druck erreichbar ist. Dabei wäre schon einiges geholfen, wenn
die EU-Staaten die Zusammenarbeit mit Institutionen einstellen, die an
der Siedlungs- und Besatzungspolitik beteiligt sind " und auf
Rüstungsexporte in den Nahen Osten verzichten würden.
Das braucht Dialoge nicht auszuschließen " etwa über
die Möglichkeiten einer Überwindung des
Siedlerkolonialismus auch durch Angehörige der
Siedlungsbewegung selbst. Micha Brumlik ist ein bedeutsames Werk
gelungen, auch für die friedenspolitische Diskussion
über den Nahen Osten und gerade im Windschatten von Annapolis.
Martin Forberg
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Daibes, Fadia: Water in Palestine. Problems –
Politics – Prospects. Jerusalem (PASSIA) 2003.
Im vergangenen Herbst erschienen, ist "Water in Palestine"
ein wichtiger und grund-legender Band zur Wassersituation und
-problematik in Palästina. Fadia Daibes, die dieses
Buchprojekt auch betreut hat, gibt im ersten Artikel einen umfassenden
Überblick über die historische Entwicklung des
Konfliktes unter dem Aspekt der Wasserfrage, auch in Verbindung mit den
übrigen Verhandlungspunkten Grenzen, Siedlungen und
Flüchtlinge. Schwerpunkt ihrer Übersicht ist die
Gesetzes-lage, die sie im Zusammenhang mit dem Besatzungsstatus und im
Kontext israeli-schen, internationalen als auch nationalen Rechtes
(hier der PLO Unabhängigkeits-erklärung) untersucht.
Dabei zeigt sie die historische Entwicklung der das Wasser
be-treffenden Gesetzgebung in Palästina auf: Vom Osmanischen
Reich über das briti-sche Mandat und die jordanische
Verwaltung hin zu der primär über
Militärverord-nungen geregelten israelischen Gesetzgebung, und
ab 1995 auch die der PA. Dabei werden die wasserrelevanten Passagen in
der Declaration of Principles und den Ab-kommen Oslo I und Oslo II
erklärt. Sie zeigt die Schwächen im
grenzüberschreitenden Wassermanagement auf und
plädiert für die Anwendung internationaler
Wasser-abkommen auf den palästinensisch-israelischen Konflikt.
Im zweiten Artikel untersucht Anan Jayyousi die aktuelle und
künftige Lage und Ent-wicklung des Wasserangebotes und
-bedarfes in Palästina. Mit vielen Tabellen zeigt er
verschiedene Optionen anhand angenommener demographischer
Entwicklun-gen, aufgeteilt nach Sektoren und nach möglicher
konventioneller (Oberflächen- und Grundwasser) bzw.
nicht-konventioneller (Ab- oder Brackwasser, entsalztes Was-ser)
Herkunft des benötigten Wassers. Yousef Nasser schreibt
über die Verbindung zwischen Entwicklung und der
Verfügbarkeit von Wasser unter den speziellen Bedingungen, wie
sie für Palästina bestehen. Einen besonderen
Schwerpunkt legt er hierbei auf Entwicklungsmöglichkeiten in
den Bereichen Landwirtschaft, Industrie und Handel. Unter den
Gesichtspunkt künftiger Entwicklungen analysiert Marwan Haddad
das palästinensische Wassermanagement, seine Institutionen und
Strukturen mit ihren Stärken und Schwächen. Zur
Verbesserung schlägt er Reformen, eine Dezentralisie-rung und
eine Kooperation des öffentlichen Sektors mit privaten
Unternehmen vor. Im letzten Artikel schreibt Fayez Freijat
über die Auswirkungen jüdischer Siedlungen auf die
palästinensischen Wasserressourcen. Nach einer Schilderung der
Verände-rungen in der demographischen Entwicklung und des
dadurch bedingten Wasser-konsums in den Siedlungen zeigt er allgemein
und an Fallbeispielen die umweltbezo-genen und
sozioökonomischen Auswirkungen der Siedlungen in den besetzten
Gebieten und die Hindernisse bzgl. einer Kooperation zwischen den
Siedlern und der einheimischen palästinensischen
Bevölkerung auf.
Fadia Daibes: Water in Palestine
Die Publikation beinhaltet nicht nur diese verschiedenen Artikel,
sondern auch zwei Karten, 24 Seiten Glossar mit wasserrelevanten,
wasserrechtlichen und politischen Begriffen und 44 Seiten Bibliographie
(zusätzlich zu den sehr ausführlichen
Fußnoten und Literaturhinweisen bei den jeweiligen Artikeln).
Auf über 40 Seiten werden Passa-gen u. a. aus der
Prinzipienerklärung, dem Friedensvertrag zwischen Israel und
Jorda-nien und dem Interimsabkommen Oslo II dokumentiert, die sich auf
Wasser beziehen. Auf weiteren acht Seiten werden Internetadressen zu
Wasser und internationalem Wasserrecht aufgelistet, und
zusätzlich gibt es eine ausführliche Adressenliste
palästi-nensischer Organisationen und Institute in den
Bereichen Wasser und Umwelt. Allein wegen dieser 120 Seiten ist es
nicht nur eine gute Einführung für einen ersten
Über-blick über die Wasserlage in Palästina,
sondern auch ein wertvolles Nachschlage-werk für Fachleute.
©Thea Geinitz
Deutsch-Palästinensischer Frauenverein e.V.: Der
Nahost-Konflikt: Ursachen - Entwicklung- Perspektiven, Brennpunkt
Israel- Palästina. Materialsammlung für Schulen und
Erwachsenenbildung.
Es vergeht kaum ein Tag, an dem unsere Medien nicht an den Brennpunkt
Israel-Palästina erinnern. Angesichts der eskalierenden Gewalt
möchte man verzweifeln oder resignieren. Die
Hintergründe des Konflikts sind fast in Vergessenheit geraten.
Da wiederholt Anfragen nach geeignetem Unterrichtsmaterial an unseren
Deutsch-Palästinensischen Frauenverein e.V. ergangen sind, hat
der Verein eine Schulprojektgruppe, darunter auch Fachleute, gebildet,
deren Arbeitsergebnis nun vorliegt. Die Materialsammlung zu Ursachen,
Entwicklung und Perspektiven des Nahost-Konflikts ist bestimmt
für Schulen und Erwachsenenbildung. In zehn Kapiteln bietet
sie Informationen zur Geschichte Palästinas ,zum Zionismus,
zur Staatsgründung Israels und deren Auswirkung auf die
Palästinenser, zu Besatzung und Widerstand, UNO-Resolutionen,
Selbstmordattentaten, zu Siedlungen, Checkpoints, Wirtschaft,
Gesundheitssituation und Wasserversorgung in den
palästinensischen Gebieten, zum Mauerbau , zur "Road Map" und
schließlich zu Friedensinitiativen und Friedensaktivisten.
Für Abwechslung sorgen Gedichte und Texte mit
Erlebnisberichten und Analysen von namhaften palästinensischen
, israelischen und deutschen Autoren, sowie Karten, Grafiken und Fotos.
Damit dürfte die Sammlung für alle Mitbürger
interessant sein, die schon immer gerne Näheres über
den beunruhigenden Nahost-Konflikt, der sich vor unserer
Haustür abspielt, erfahren wollten.
Die ca. 160 Seiten umfassende Sammlung wird zum Herstellungspreis von
8,00 Euro abgegeben, bei Zusendung zuzüglich Versandkosten und
Porto.
Bestellungen bei: Esther Thomsen, Hermann -Löns - Str. 48
22926 Ahrensburg, e-mail: Esther.homsen@dpfv.org
Deutsches Institut für Menschenrechte,
Bundeszentrale für politische Bildung, Europarat (Hg.):
Kompass. Handbuch zur Menschenrechtsbildung für die schulische
und außerschulische Bildungsarbeit. ISBN 3-90331-596-9, 2005,
424 S.
bei der
Bundeszentrale für politische
Bildung (www.bpb.de) (Bestellnummer 2411) gegen eine
Schutzgebühr von 4,- €.
Die deutsche Fassung der 2002 erschienenen Ausgabe "COMPASS –
A Manual on Human Rights Education with Young
People", von Marion Schweizer übersetzt, ist eine der wenigen
auf deutsch erschienenen
Publikationen zum Thema
Menschenrechtserziehung mit und bei Jugendlichen und jungen
Erwachsenen.Das Handbuch wendet sich an MultiplikatorInnen, die im
Bildungsbereich tätig sind, und deren Anliegen es ist,
Sensibilisierung für, Wissen über
und die Durchsetzung von Menschenrechten zu wecken, vermitteln und
trainieren.
Im ersten Teil wird eine Einführung in die Praxis gegeben.
Geklärt wird, was unter Menschenrechtsbildung zu
verstehen ist, wie sie mit benachbarten Disziplinen
in Verbindung steht, und das Umfeld und die Ansätze des
Kompaß' und seiner Umsetzung in der Praxis werden
erklärt.
Im didaktischen, dem zweiten und umfassendsten Teil werden 49
praktische Aktivitäten und Methoden
ausführlich vorgestellt, danach wird in
einem dritten Teil der Schritt aus der Theorie ins Praktische
unternommen.
In den letzten beiden Teilen gibt es Hintergrundinformationen zu den
Menschenrechten, ihrer Historie und Entwicklung, der
rechtlichen Verankerung des Menschenrechtsschutzes und zu NGOs als
wichtigen Akteuren. Weiter werden
ausgewählte Themen im Menschenrechtsschutz, so z.B.
Gesundheit, Bildung, politische Partizipation
ausführlich behandelt, wodurch sich das
Handbuch, auch wegen der Quellen- und
Literaturverweise, auch hervorragend als
Nachschlagewerk eignet.Im Anhang sind die wichtigsten Dokumente, z.T.
als Kurzfassung, abgedruckt.
Ein längst überfälliges Handbuch, dem man
eine weite Verbreitung nicht nur unter der Zielgruppe
"Jugendliche und junge Erwachsene" wünscht, sondern
auch allgemein, und nicht nur unter der europäischen
Bevölkerung.
Es gibt, unter anderem, auch eine arabisch-sprachige Ausgabe. Diese
kann für € 28 / US$ 42 unter folgender Adresse
bestellt werden:
Council of Europe Publishing Sales Unit Palais de l'Europe F
– 67075 Strasbourg Cedex Fon: +33 (0) 3 88 41 25 81 Fax: +33
(0) 3 88 41 39 10
E-Mail (Info, Bestellungen): publishing@coe.int Online sind die
einzelnen Kapitel der Publikation unter www.coe.int/compass abrufbar.
(Thea Geinitz)
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Gössner,
Rolf: Menschenrechte in Zeiten des
Terrors.
Kollateralschäden an der „Heimatfront”.
Konkret Lit. Verlag, Hamburg 2007.
Sehnsucht nach Sicherheit
Rezensiert von MARTIN FORBERG - 05-11-2007
Menschenrechte und
Antiterrorkampf – das Thema liefert fast
täglich Schlagzeilen. Der „Arbeitskreis
Vorratsdatenspeicherung” protestiert gerade gegen die in
dieser Woche geplante Verabschiedung des Gesetzes über die
Ausweitung der Telekommunikationsüberwachung. Der Arbeitskreis
bereitet eine Verfassungsbeschwerde vor. Diese Beschwerde wird in dem
Buch von Rolf Gössner an zentraler Stelle erwähnt.
Ein Novum in der deutschen Geschichte nennt sie der Rechtsanwalt, der
auch Präsident der Internationalen Liga für
Menschenrechte ist. Im Oktober 2007 wurde Gössner zum
stellvertretenden Mitglied des Verfassungsgerichtes des Landes Bremen,
des Bremischen Staatsgerichtshofes, gewählt. Ihm geht es in
seinem Buch nicht nur um die Protokollierung und Analyse der Schritte
hin zu einem „präventiv-autoritären
Sicherheitsstaat”, sondern auch darum,
bürgerschaftliches Engagement zur Verteidigung des
Rechtsstaates vorzustellen. Der ehemalige Bundesinnenminister Otto
Schily und sein Nachfolger Wolfgang Schäuble sind die
Hauptfiguren in Gössners Studie. Aber es geht dem Autor nicht
um eine vordergründige Personalisierung. Seine materialreiche
Analyse macht vielmehr deutlich, dass die Neuausrichtung der inneren
Sicherheit auch in Deutschland mit „sicheren
Grundrechtsverlusten” einhergeht.
Gössner ist davon überzeugt, dass die Politik mit
ihren fragwürdigen Methoden – ausufernde
Telefonüberwachung, Rasterfahndung,
Computerausspähung, und generell der
„Militarisierung der inneren Sicherheit”
– keinen Terroranschlag verhindert habe. Der
„entfesselte Rechtsstaat” auf dem Weg zu seiner
Abschaffung lasse dagegen eine „Kultur des
Misstrauens” entstehen, unter denen vor allem diejenigen zu
leiden hätten, die sich kaum wehren könnten, von
denen aber keine Gefahr ausgehe. Verlierer des staatlichen
Antiterrorkampfes seien vor allem Einwanderer und ihre Kinder
– und unter ihnen besonders die Muslime. Massiv an Einfluss
gewonnen hätten dagegen die Geheimdienste: Die Trennung von
polizeilicher und nachrichtendienstlicher Tätigkeit als
verfassungsmäßiges Gebot nach den Erfahrungen der
Nazizeit verliere immer mehr an Bedeutung. Hier wachse zusammen, was
nicht zusammengehört.
Dabei teilt Gössner nach allen Seiten aus: Er erwähnt
nicht nur den Anteil der Diskussionsbeiträge des
Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz,
Heinz Fromm, an der Aufweichung des Folterverbotes in der
Bundesrepublik, sondern bringt auch Oskar Lafontaines populistische
Interventionen zu diesem Thema in Erinnerung. Gössner nimmt
auch die deutsche Beteiligung an Kriegen wie in Afghanistan unter die
Lupe. Es ist fast selbstverständlich, dass er in diesem
Zusammenhang die Aushöhlung des Völkerrechts
anprangert. Der Autor setzt auch hier auf die Förderung von
Zivilcourage, etwa am Beispiel des Majors Florian Pfaff, der sich
geweigert hatte, einen Befehl auszuführen, der seiner Ansicht
auf eine Unterstützung des Irakkrieges hinauslief. Das
Bundesverwaltungsgericht rehabilitierte den entlassenen Major.
Gössner kritisiert nicht nur staatliches Handeln, sondern
beklagt auch die Sehnsucht nach trügerischer Sicherheit in
großen Teilen der Bevölkerung. Aber der Autor kommt
nicht im Gestus eines allseits frustrierten Fundamentaloppositionellen
daher. So entwickelt er beispielsweise differenzierte, juristisch und
politisch durchdachte Initiativen zum Umgang mit dem
Rechtsradikalismus. Gehört das überhaupt noch zum
Thema? Ja, durchaus, zumindest wenn es um einen ganzheitlichen
demokratischen Ansatz geht, der sich nicht nur damit begnügt,
vor dem Überwachungsstaat zu warnen, sondern den
vielfältigen Gefährdungen von Bürgerrechten
in ihrer ganzen Breite entgegentreten will. Aufklärerisch ist
hier bereits, dass Gössner den Begriff „rechter
Terror” verwendet – und so deutlich werden
lässt, dass es auch im Windschatten des 11. 9. verschiedene
Spielarten terroristischer Gewalt gibt. Er warnt vor einfachen,
nicht-rechtsstaatlichen Konzepten in der Auseinandersetzung mit der
NPD. Den Königsweg sieht Gössner auch hier im
demokratischen Engagement von Bürgerinnen und
Bürgern. Umfassend plädiert er für einen
„sozialen, friedens- und umweltpolitischen
Sicherheitsbegriff”.
Wenn der Rechtsstaat unter die Räder kommt, ist es auch um die
Gerechtigkeit schlecht bestellt. Diesen Schluss legt das Buch, in
Abwandlung eines berühmten Zitats aus der
Bürgerrechtsbewegung der DDR, nahe. Mancher Schlapphut mag
sich von Gössners Ansatz überfordert fühlen:
Seit Jahren wird der Jurist, der auch als Politikberater tätig
ist, selbst vom Verfassungsschutz beobachtet. Dagegen klagt er nun.
Dieser Rechtsstreit dürfte spannend werden.
Martin Forberg
Grossman, David: Der geteilte Israeli. Über den
Zwang, den
Nachbarn nicht zu verstehen. München (Hanser) 1992, 279
Seiten, ISBN
3-446-17064-2 (vergriffen).
vier
Jahre, nachdem David Grossman in die Besetzten Gebiete fuhr und seine
Begegnungen und Eindrücke nach damals 20 Jahren
Besatzung in
"Der gelbe Wind" (1988) veröffentlichte, begab er
sich
neuerlich auf die Reise, um
PalästinenserInnen zu
treffen – doch diesmal im eigenen Land,
nämlich die
PalästinenserInnen mit
israelischer
Staatsangehörigkeit. Und erneut schrieb er darüber,
über
seine Begegnungen und Gespräche, aber auch, und nicht
zuletzt, über die Begegnung mit sich selbst angesichts dieser
Treffen. Anders als der deutsche Buchtitel, nimmt der
hebräische
Originaltitel "Anwesende Abwesende" auf den
Status
Bezug, der den PalästinenserInnen mit
israelischer
Staatsbürgerschaft, oder,
so der
israelische Sprachgebrauch, den
"Nicht-Juden" oder
den "israelischen AraberInnen"
gegeben worden war,
als Basis für umfangreiche Enteignungen im
Zuge des
Absentee Property Law. Und, und so kristallisiert sich im Laufe der
Lektüre heraus, diese Zeiten sind nicht
vorbei,
sondern für die israelisch-jüdische
Mehrheit war
Anfang der 1990er Jahre die palästinensische
Minderheit im
Lande noch immer abwesend, da sie kaum im
öffentlichen
Bewußtsein wahrgenommen wird.
Sehr klar wird aber auch im Laufe der
Gespräche mit den
verschiedenen ProtagonistInnen aller Alters- und Berufsklassen
und
politischer Richtungen, daß diese ihren unsicheren Status,
ihre
mannigfaltige Diskriminierung und fehlende Partizipation nicht
nur
auf die Mehrheit schieben, sondern auch an der eigenen Gesellschaft und
Kultur massive Kritik üben, da sie einen anerkannteren Status
weder einfordern noch darauf hinarbeiten – sei es,
weil es
bequemer ist, alles auf Andere zu schieben, sei es aus
Resignation oder Schutz vor
Enttäuschungen.
"Der geteilte Israeli" war eines der ersten und wenigen
(Nicht-Fach-)Bücher, die man auf deutsch zu diesem Thema lesen
konnte. Obwohl es mittlerweise fast 15 Jahre alt ist,
ist es
nicht veraltet, auch wenn die meisten der
Intellektuellen, die Grossman interviewt hat, und die
zum
damaligen Zeitpunkt Vordenker über den Status der
palästinensischen Israelis waren, nicht mehr diese
sind,
sondern z. T. auch das Land verlassen haben,
ist es noch
immer topaktuell. Zusätzlich zeigt es,
wieviel Zeit
ungenutzt verstrichen ist, und auch, daß
sich
herausgestellt hat, daß eine gewisse Hoffnung, die
zu
frühen Zeiten der Verhandlungen nach der
ersten Intifada
geherrscht hat, getrogen hat, wie die zweite Intifada in Bezug
auf
die Situation in Israel gezeigt hat.
© Thea Geinitz
Grossman, David: Diesen Krieg kann keiner gewinnen. Chronik
eines angekündigten Friedens. München (Hanser) 2003.
“Diesen
Krieg kann keiner gewinnen“
enthält eine Sammlung von 37 Essays von David Grossman, die
dieser für eine israelische und eine englische Aus-gabe
zusammengestellt hat. Für die deutsche Ausgabe wur-den einige
Artikel hinzugenommen, die in deutschen Zei-tun-gen erschienen sind.
Der erste wurde im September 1993 anläßlich der
Unterzeichnung der Declaration of Principles geschrieben, die letzten
sind vom Mai und Juni 2003. Den einzelnen Kapiteln jeweils
vorausgeschickt wird eine kurze Erläuterung, was der
Anlaß für den je-weiligen Essay, die Reportage, den
offenen Brief war, was den LeserInnen nicht nur die Einordnung
erleichtert, sondern auch wieder nachvollziehbar die Umstände
erläutert.
Grossman nimmt nicht nur die Leiden der Palästinenser wahr
– auch wenn er sie eher aufzählend er-wähnt
als ein-gehend ausführt – , und jenseits der
üblichen Stereotypen schildert er sehr eindring-lich, welche
Sorge um seine Familie und welche Unruhe, welche Ängste die
palästinensischen Anschläge und die israelische
Regierungspolitik ihm als Individuum bereiten. Durch diese
persönliche Sicht bringt er sehr nahe, was der Nicht-frieden
anrichtet, und es ist klar, daß er dies
selbstverständ-lich auch auf der palästinensischen
Seite bewirkt.Und er sagt immer wieder ganz klar: Der Frieden ist kein
Geschenk, kein Gnadenakt an die Palästinenser, sondern auch
ein Geschenk und eine Notwendigkeit für Israel, nicht zuletzt,
um die Zerstörungen und Verwerfungen, die die Besatzung auch
in der israelischen Gesellschaft hervorrufen, aufzuhalten. Und ebenso
klar attackiert er wiederholt die Politik Sharons und auch dessen
Parteikollegen Netanyahu, die er beide stets für ein
Unglück für Israel und die Region gehalten hat. Etwas
zu positiv hingegen sieht er Barak, der, wie sich ja gezeigt hat, bei
weitem nicht so friedenswillig war, wie er vorgab und wie es oft zu
seiner Regierungszeit scheinen sollte. Vielleicht war da einfach die
Hoff-nung größer als die Einsicht. Aber, und das
ehrt die Auswahl der Artikel auch, als zeitnahe Dokumente und
Einschätzungen sind sie in das Buch gekommen.
“Diesen Krieg kann keiner gewinnen“ ist nach
“Der gelbe Wind“ (1988) und “Der geteilte
Israeli“ (1992) der dritte Band mit politischen Reportagen
und Essays von David Groß-man. Und so, wie es sich im-mer
wieder em-pfiehlt, zu den beiden früheren Büchern zu
greifen, wird auch der vor-liegende Band einer sein, den man noch in
10, 15 Jah-ren wie-der und wieder zur Hand nehmen kann. Dabei wird man
feststellen, daß das, was gesehen werden konnte, wenn jemand
nicht bewußt die Augen vor dem Schicksal der Nach-barn, die
über-wiegend nur als Gegner dargestellt wurden (und von
Seiten, die davon profitierten, dargestellt werden mussten?), ge-sehen
wurde. Und nicht nur das, es wurde niedergeschrieben und wurde
veröffentlicht, und es konnte gelesen wer-den. Auch wenn der
Inhalt hart ist, und man vielleicht erschrickt, wie die
Realität und ihre Einschätzung
“damals“ waren, schön und mit Gewinn zu
lesen sind die drei Bücher auf jeden Fall.
Noch zwei Anmerkungen zu den Übersetzungen und dem deutschen
Titel: Die vorliegenden Essays wurden von vier verschiedenen
Übersetzerinnen (wobei beim Vor- und Nachwort nicht
erwähnt wurde, von wem) ins Deutsche übertragen. Es
ist bedauerlich, daß nicht abschließend auf eine
korrekte und einheitliche Terminologie (und beim Nachwort nicht auf
eine Abstimmung der Schreibweisen mit den übrigen Kapiteln)
geachtet wurde. Weiter ist zu bemängeln, daß, mit
Ausnahme und in Ansätzen der Übersetzungen von Beate
Esther von Schwarze, die falschen Begriffe
“Autonomiebehörde“ für
“Palestinian Authority“ und
“Autonomiegebiete“ statt “Gebiete unter
palästinensischer Verwaltung“ angewandt werden und
überwiegend das unsägliche Attribut
“Palästinenser-“, wenn von der
palästinensischen Führung, Organisationen und
Gebieten gesprochen wird. Auch wenn dies in den deutschen Medien und
Publikationen leider meist der Fall ist und vielleicht oder
möglicherweise lediglich eine Art Vorstaatlichkeit
ausdrücken soll, so ist dies nicht so, es klingt nur illegitim
und ist einfach falsch: Das englische Adjektiv
“Palestinian“ heißt korrekt
übersetzt “palästinensisch“, und
auch im Hebräischen werden die Begriffe “Staat
Palästina“ oder
“palästinensischer Staat“ verwendet. Der
deutsche Untertitel strahlt zu viel Optimismus aus, und er nimmt im
Gegensatz zu den französischen (“Chronik eines
verzögerten Friedens“) und englischen
(“Tod als Lebensstil – Von Oslo zu den Genfer
Vereinbarungen“) Titeln auch weniger auf das Ausweglose und
Fatale Bezug, sondern auf das Unausweichliche eines Friedens. Wie wenig
das zutrifft und wie wenig Optimismus angebracht ist, haben besonders
die letzten 3 Jahre gezeigt. Und die Lektüre des Buches zeigt
auch, daß das nicht erst seit Beginn der 2. Intifada so ist,
sondern die Fehlentwicklung von Anfang an angelegt war und allenfalls
durch eine aufrichtige und beiden Seiten nutzbringende Auslegung der
Vereinbarungen zu einem Frieden, der diesen Namen verdient,
hätte führen können.
Thea Geinitz
___ H ___
Hass, Amira: Gaza. Tage und Nächte in einem
besetzten
Land. München dtv 2004. 11,50 €.
Buchrücken-Text: Amira Hass, die einzige israelische
Journalistin, die unter Palästinensern lebt, zeichnet das Bild
einer Gesellschaft zwischen Fatalismus und Hoffnung, zwischen
Ausweglosigkeit und Überlebenswillen."Amira Hass ist einigen
von Euch vielleicht bekannt: Einige ihrer Artikel, die in Ha'aretz
veröffentlicht wurden, sind auf Deutsch im Internet
nachzulesen.
Wer für ein Buch keine Geduld hat und gern Englisch liest, dem
sei eine Buch-Rezension im aktuellen "Exberliner" ans Herz gelegt, der
englischsprachigen Monatszeitschrift Berlins. In der Novemberausgabe
ist ein Interview mit der jüdisch-britischen Schriftstellerin
Linda Grant über ihr neues Buch "The People on the Street".
Grant hat einige Monate in Tel Aviv gelebt und schreibt über
die israelische Gesellschaft, wie sie sie erlebt hat. Es ist eher eine
Suche als eine Reportage, zumal sie eigentlich Romanschriftstellerin
ist. Ihre Beobachtungen sind, da sie eben keine Reporterin, sondern
Prosa-Autorin ist, zart und subtil, nichts destoweniger treffend. Es
lohnt sich allein, die Zeitschrift wegen des Photos aufzuschlagen, das
den Artikel begleitet - ein Soldat in Purim-Verkleidung mit Freundin
und umgehängtem Maschinengewehr.
Hermann, Katja: Palästina in Israel
Selbstorganisation und politische Partizipation der
palästinensischen Minderheit in Israel. Klaus Schwarz
Verlag 2008, 1. Auflage.
Die
palästinensische Zivilgesellschaft innerhalb Israels
erfährt seit den 1990er Jahren eine deutliche
Stärkung. Mit der vermehrten Selbstorganisation in Form von
Nichtregierungsorganisationen, politischen Parteien und Initiativen,
die die Interessen der palästinensischen Minderheit vertreten
und die als Vermittler kollektiver Identität fungieren,
verstärkt sich der Widerstand gegen die strukturelle
Diskriminierung der in Israel lebenden palästinensischen
Bevölkerung. Basierend auf Gesprächen mit
Aktivistinnen und Aktivisten palästinensischer
Menschenrechtsgruppen, Flüchtlingsvereine, Forschungs- und
Kultureinrichtungen, Frauenorganisationen sowie politischer Parteien
analysiert das Buch die Hintergründe dieser Entwicklung und
untersucht die Themen und Strategien der unterschiedlichen
zivilgesellschaftlichen Akteure. Besonderes Augenmerk gilt dabei der
Rolle und dem Einfluss palästinensischer translokaler und
transnationaler Beziehungen.
___ I ___
Ifa (Institut für Auslandsbeziehungen): I. Lenz, S.
Alber, V. Hammerbacher: Rasem Badran. Architektur und Ort
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in den ifa-Galerien Berlin (12.
04. 05 – 29. 05. 05) und Stuttgart (17. 06. 05 –
14. 08. 05) Berlin 2005, 72 Seiten. Keine ISBN –
9,00€
Mit Rasem Badran stellen die ifa-Galerien einen der bedeutsamsten
arabischen Architekten vor, der aber in der westlichen Welt weitgehend
unbekannt ist, da er einerseits vor allem in den arabischen
Ländern arbeitet und andererseits auch, anders als auch hier
bekannte arabische ArchitektInnen nicht modern oder postmodern entwirft
und baut, sondern sich in seinen Arbeiten auf
traditionelle Strukturen besinnt. Hierbei verbindet
er diese traditionellen arabischen und islamischen Strukturen
mit modernen Materialien, und mit dieser Synthese und einer
ausgiebigen Auseinandersetzung mit dem zu
bebauenden Ort, seinen historischen, kulturellen und sozialen
Prägungen und Überlagerungen schafft er eine ganz
außergewöhnliche Architektur, die sich
harmonisch in die Landschaft einfügt und mit dieser
harmonisiert.
Rasem Badran, 1945 in Jerusalem als Sohn von Jamal Badran geboren, der
als Grafiker und Ornamentkünstler u. a. für die
Restaurierung der Al-Aksa-Moschee zuständig
war, wuchs in Ramallah und Tripolis auf und hat in den Sechziger Jahren
in Dortmund studiert. Nach seiner Rückkehr arbeitete er eine
kurze Zeit in Ramallah, wo er Forschungsarbeiten für
(Ost-)Jerusalem begann, dann siedelte er Anfang der Siebziger Jahre
nach Amman über, wo er seitdem ein Architekturbüro
hat. Seine Entwürfe sind vielfach ausgezeichnet und in vielen
arabischen Staaten realisiert worden. Er beschränkt sich nicht
auf eines – Sakral- oder Profanbauten –, sondern
unter seinen Arbeiten finden sich Moscheen, Museen und Bibliotheken
ebenso wie Wohnhäuser und Wohnsiedlungen.
Auffallendes Merkmal seiner Bauten sind oft Kuben, die ineinander
verschachtelt sind. Dem Klima und der Landschaft angepaßt
findet man schmale Fenster, Innenhöfe, Holzbalkone
– alles Elemente traditionellen Bauens in der
arabischen Welt, die einerseits die Abgeschiedenheit von
außen, aber auch die Öffnung von innen nach
außen gewähren. Die Ornamente, in der modernen
Architektur oft verpönt, stellen ebenfalls eine Verbindung zur
regionalen Tradition her.
In der Ausstellung, von Badrans Büro konzipiert und
zusammengestellt, sind ausgewählte Projekte
in Entwürfen, Skizzen und Photos ihrer Umsetzung zu sehen: Die
große Moschee in Bagdad, die König Abdul Aziz
Moschee in Al-Khardj in Saudi-Arabien, das Museum der Islamischen
Künste in Doha (Katar) ebenso wie die Wohnhäuser Haus
Handal und Haus Al-Talhouni in Amman, die Wohnanlage Fuhais, eine
Wohnanlage für die Angestellten der Zementfabrik Fuhais in
Jordanien, und die Wohnanlage Wadi Bou-Jmil in Beirut. All diese
Projekte sind auch im Katalog beschrieben und mit Skizzen und Photos
abgebildet.
Weiter enthält der Katalog Berichte über Rasem
Badran, verfaßt von
StudienkollegInnen und den KuratorInnen der
Ausstellung, und ebenso gibt es darin noch einen Aufsatz von Rasem
Badran persönlich, in der er seinen Ansatz und seine
Philosophie darlegt.
Alles in allem ein sehr interessanter und
informativer Band in der qualitativ und
ästhetisch gelungenen und mittlerweise bewährten
Publikationsreihe des Instituts für
Auslandsbeziehungen.
© Thea Geinitz
ifa: Der Westen und die Islamische Welt. Eine muslimische
Position. Institut für
Auslandbeziehungen (ifa) (Hg.) Stuttgart 2004, 248 S., keine ISBN,
Deutsch – englisch – arabisch.
Der Westen
und die Islamische Welt. Eine muslimische Position ist
innerhalb des Sonderprogramms "Europäisch-islamischer
Kulturdialog" des Auswärtigen Amtes entstanden und vom
Institut für Auslandbeziehungen, Stuttgart im Rahmen des
ifa-Forums Dialog und Verständigung herausgegeben worden. Der
Report wurde von Salwa Bakr (Ägypten), Basem Ezbidi
(Palästina), Dato' Mohammed Jawhar Hasan (Malaysia), Fikret
Karcic (Sarajewo), Hanan Kassab-Hassan (Syrien) und Mazhar Zaidi
verfaßt. Grundgedanke war es, an ein
europäisch-deutsches Publikum adressiert, von Intellektuellen
aus verschiedenen moslemisch geprägten Ländern ihre
Einschätzung des Standes und der Probleme der
westlich-muslimischen Beziehungen zu vermitteln. Denn, so im Vorwort,
es hat sich in der Vergangenheit wiederholt gezeigt, daß
interkulturelle Dialoge nicht offen geführt wurden, und es
wurde einander nicht zugehört. So soll dieses Papier der
westlichen Seite aufzeigen, wie in muslimisch geprägten
Gesellschaften die Weltlage und "der Westen" eingeschätzt
werden. Die AutorInnen fragen erst einmal, wie der Westen definiert
werden kann, und ob er über-haupt noch streng von anderen
Kulturräumen abgegrenzt werden kann. Diese nicht ein-deutige
Abgrenzbarkeit stellen sie auch für die muslimische Welt fest.
In den weiteren Kapiteln arbeiten sie heraus, wie sich das Bild vom
"Westen" in der ara-bisch-moslemischen Welt entwickelt hat, von den
Kreuzzügen über den Kolonialismus, die fortgesetzte
postkoloniale Aufteilung in Einflußgebiete bis zum 11.
September 2001 und seinen Auswirkungen. Dabei zeigen sie auf, welch
verzerrte Bilder vom Islam und den Muslimen im Westen und welche
Wahrnehmungen und Stereotype über den Westen in der
isla-mischen Welt vorherrschen, und wie diese jeweils das
Verhältnis zur anderen Seite bestimmen. Ein Schwerpunkt, um
ihre Sicht und Standpunkte zu erläutern, ist
natürlich die Palästinafrage – allen, die
sich heute noch fragen, warum dem Westen besonders hier doppelte
Standards vorgeworfen werden, seien die diesbezüglichen
Kapitel ausdrücklich empfohlen. Aber nicht nur diese exogenen
Faktoren, sondern auch endogene werden heraus-gearbeitet; dabei
stützen sich die AutorInnen häufig auf den Arab Human
Development Report des UNDP. Abschließende
Schlußfolgerungen und Empfehlungen machen diese jeweils knapp
85 Sei-en zu einer lohnenden Lektüre. Sie geben eine gute
Basis und viele Anregungen, wie ein Dialog geführt werden
kann: Durch Bewußtwerden und Darlegung eigener Definitionen
und eigener Standpunkte und durch die Bereitschaft auf allen Seiten,
sich kritisch damit auseinanderzusetzen. Zu beziehen über:
Institut für Auslandbeziehungen Charlottenplatz 17 70173
Stuttgart Als pdf (deutsch, englisch oder arabisch) auch unter:
www.ifa.de/dialogislam.
©Thea Geinitz
___ J ___
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Kamm, Shira :
The Arab Citizens of Israel Status & Implications for the
Middle East Conflict. Mossawa Center (Ed), 2003, 72 p.
(Auch als pdf-Datei im
Internet über www.mossawacenter.org/en/reports)
Der schmale Band, von Shira Kamm verfaßt und von einer
palästinensisch-arabischen NGO in Haifa herausgegeben, gibt
einen knappen, aber dennoch umfassenden Überblick
über die aktuelle und potentielle Situation der
palästinensischen Minderheit in Israel. Diese macht etwa 20
Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Hierbei werden, ausgehend
vom historischen Hintergrund, sowohl die sozioökonomische
Situation, die rechtliche Lage und die politische Partizipation,
jeweils auf wenigen Seiten, abgehandelt. Ein Schwerpunkt bei letzterem
ist die Beteiligung der israelischen PalästinenserInnen an den
Wahlen, vor allem in den Jahren nach Oslo, wobei sich dies allerdings,
der Kürze des Gesamttextes geschuldet, eher auf die
Deskription denn auf die Analyse beschränkt. Statistiken und
Graphiken belegen die in den Textteilen gemachten Aussagen. Obwohl der
geringe Umfang wirklich nach einer knappen Darstellung verlangte, so
gibt der Band dennoch einen sehr guten Eindruck von der Lage und auch
der Zwangslage der israelischen PalästinenserInnen. Nirgendwo
richtig zugehörig, von dem Staat, dessen BürgerInnen
sie sind und den sie mit ihren Steuern mitfinanzieren, fortgesetzt und
zunehmend diskriminiert und mit Mißtrauen als fünfte
Kolonne angesehen. Dies zeigt sich vor allem in den letzten Jahren, wo
dies immer offener geschieht, sei es, weil z.B. die Höhe des
Kindergeldes an die Absolvierung des Wehrdienstes der Eltern
geknüpft ist, oder dem Niederlassungsverbot in Israel bei
gemischt-israelisch-palästinensischen
Ehe-schließungen, Restriktionen, die nur diese betreffen. Und
als BürgerInnen des Staates Israel werden sie auch vom eigenen
Volk, dessen Führung und auch der übrigen arabischen
Welt mit Mißtrauen, da doch dem Feind angehörig,
betrachtet. Aber die Autorin beläßt es nicht bei
dieser doch negativen Bestandsaufnahme, sondern sieht in die Zukunft
und auf das Potential, das in dieser Bevölkerungsgruppe als
Mittlerin im Konflikt sieht. Diese ist in ihren Augen dafür
prädestiniert, weil sie eben beide Seiten und Kulturen kennt.
Ein fünfseitiges Literaturverzeichnis, die der Leserschaft
Hinweise auf die Quellen und weiterführende Publikationen
gibt, rundet den rundum positiven Eindruck dieses Bandes ab. Aber ein
ganz kleinen Mangel gibt es: Es wäre noch informativer, wenn
nicht nur beschrieben wäre, wo die palästinensischen
Israelis schwerpunktmäßig siedeln, sondern dies auch
anhand einer Karte illustriert wäre. Fazit: Wirklich
empfehlenswert, vor allem als erster Einstieg in dieses Thema.
©Thea Geinitz
Kashua, Sayed: Tanzende Araber. Berlin 2004 (BvT) PB, 280
Seiten, 9,90 €, ISBN 3-8333-0095-7.
Kashua, Sayed: Und es ward Morgen. Berlin 2005 (Berlin
Verlag) 303 Seiten, 19,90 €, ISBN 3-8270-0573-6.
Sayed Kashua, Palästinenser mit israelischem Paß,
hat in den letzten Jahren zwei Bücher vorgelegt, die in Israel
und im Ausland für ziemliche Furore sorgten. Seitdem wird er
als Shooting-Star der Literaturszene gehandelt, und, wie die
Lektüre beider Bücher zeigt, ist das nicht Zeichen
eines unverständlichen Hypes, der auf einer gewissen Exotik in
Israel selbst und natürlich vor allem auch außerhalb
beruht, sondern bei Sayed Kashua handelt es sich tatsächlich
um einen bemerkenswerten Schriftsteller. Er schreibt (wie vorher schon
Anton Schammas, der zwischenzeitlich aber nur noch auf Englisch
schreibt und seit nunmehr fast 20 Jahren keine Romane oder Gedichte
mehr veröffentlicht hat) auf Hebräisch, weil er der
Überzeugung ist, nur so das israelische Publikum zu erreichen
– sowohl das hebräischsprachige wie auch das
arabischsprachige, denn einen arabischen Verlag gibt es nicht in
Israel. Und die Wahrscheinlichkeit, übersetzt zu werden, ist
bei hebräischen Publikationen höher als bei
arabischen.
1975 in Israel geboren, besuchte Kashua erst eine arabische
Grundschule, danach eine hebräische Oberschule. Von dieser
Kindheit und Jugend handelt das Buch Tanzende Araber. Wiewohl
vermutlich nicht autobiographisch, so fließen doch viele der
Erfahrungen ein, die der junge Sayed Kashua in seiner Kindheit und
Adoleszenz so oder ähnlich gemacht haben wird. Es ist ein
Bericht über eine versuchte, aber letztendlich doch
scheiternde Integration durch Assimilation. Sein verzweifeltes
Bemühen, sich während der Internatszeit der
jüdisch-israelischen Umgebung anzupassen, und dies auch unter
Leugnung seiner palästinensisch-arabischen Herkunft,
führt nur dazu, daß er verloren zwischen beiden
Communities steht: Nicht akzeptiert von der einen Seite, zu der er
gehören möchte, die andere Seite, der er doch
angehört, selbst nicht akzeptierend. Die Beziehung zu einer
jüdischen Mitschülerin scheitert, da die Familien
beider Seiten gegen diese Verbindung sind. Depressionen in Verbindung
mit Tablettenkonsum führen zu einem Suizidversuch, lassen ihn
erkennen, daß man Anerkennung und Liebe nichts erzwingen
kann; nicht aus Leidenschaft oder Überzeugung – mehr
aus Einsicht kehrt er in den Schoß der Familie
zurück und heiratet eine Palästinenserin, die wie er
die israelische Staatsbürgerschaft hat.
Lakonisch schreibt Kashua, vergnüglich oder witzig, wie
manchmal über dieses Buch zu lesen war, ist es aber nicht,
auch wenn man manchmal an einigen Stellen, so z.B. wenn er seine
Kindheit und hierbei vor allem seinen Vater schildert, lächeln
muß – aber eben nur so, wie Außenstehende
lächeln, wenn sie Kinder beobachten, ohne deren innere Not zu
erkennen. Melancholie und Schmerz herrschen vor, die aus dem steten
Bemühen resultieren, Boden unter die Füße
zu bekommen, wobei es zeitweise einige wenige Hoffnungsschimmer zu
geben scheint. Und damit spiegelt das Buch sehr gut die Situation der
palästinensischen Israelis, wie sie vor Ausbruch der 2.
Intifada und vor den Ereignissen in Israel im Oktober 2000 herrschte:
Einerseits Hoffnung, anderseits doch die latente Einsicht,
daß diese trügt. Dies ändert sich gegen
Ende des Buches: Die 2. Intifada hat begonnen, und der Ton wird
zunehmend resignativ. Spätestens jetzt gibt es keine Hoffnung
mehr, sondern nur noch Träume, und es dominiert die
verinnerlichte Haltung, sich so zu verhalten, daß man nicht
als Araber erkannt wird. Und die Furcht bei den Bewohnern des Dorfes,
eines Tages vertrieben zu werden, verstärkt sich.
Und es ward Morgen, 2005 erschienen, schließt daran an. Es
ist etwa das Jahr 2004, die 2. Intifada geht in ihr 4. Jahr, und nicht
nur in den besetzten Gebieten, sondern auch in Israel selbst sind
Auswirkungen davon nicht zuletzt in der Wirtschaft zu spüren.
Der Protagonist, Journalist bei einer hebräischen Zeitung,
wohnt mit seiner Frau und Tochter in der Stadt in einem gemischten
Viertel, beschließt aber, nach über 10 Jahren
Abwesenheit in ihr Dorf zurückzukehren.
Ausgelöst wird diese Rückkehr durch das sinkende
Einkommen, steigende Kosten und durch anti-arabische Slogans an den
Hauswänden, die Entscheidung dazu zog sich über
mehrere Jahre hinweg, als Folge der "zwei bitteren Tage im Oktober".
Geschildert werden die Schwierigkeiten, die beide Eheleute mit der
mittlerweise fremden Umgebung haben, die Enge, die Abwehr, sich dort
wieder heimisch zu fühlen. Und die Erkenntnis, daß
die Hoffnung, daß nicht nur sie sich, sondern auch die im
Dorf Gebliebenen eine Entwicklung ähnlich ihrer durchgemacht
hätten, so nicht zutraf.
Nach wenigen Wochen schon vollzieht sich etwas, was sie zwangsweise an
ihr Dorf bindet: Der Ort wird komplett von der israelischen Armee
umstellt, von der Außenwelt abgeriegelt, es gibt keine
Verbindung mehr von außen und nach außen, nichts
mehr funktioniert, die gesamte Infrastruktur bricht zusammen,
Telekommunikation, Fernsehen – nach und nach ist alles
außer Betrieb. Die einzigen Nachrichten, über ein
batteriebetriebenes Radio empfangen, berichten über
"Beteiligungen der israelischen Araber an Anschlägen
gegenüber jüdische Bürger", die Ausrufung
eines landesweiten Notstands werde erwogen. Im Dorf selbst wird nichts
verstanden, aber sehr schnell werden diese Entwicklungen auf die
Anwesenheit illegaler Arbeiter aus den palästinensischen
Gebieten geschoben. Die Solidarität mit diesen wird
aufgekündigt, die, so der Autor, eigentlich mehr eine
Ausbeutung deren Situation war als tatsächlich
Solidarität, und ihre Auslieferung an Israel wird beschlossen.
Doch es nützt nichts, diese sind nicht der Grund für
die Abriegelung. Als sich dies zeigt, wächst die Sorge vor
allem um die Versorgung, Konflikte innerhalb der Dorfgemeinschaft
brechen auf, Überfälle, Plünderungen finden
statt.
Und plötzlich, nach einigen Tagen, ziehen sich die Soldaten
zurück, nach und nach geht alles wieder, aber dennoch ist
nichts wie vorher, wie sich herausstellt: Ein Friedensabkommen wurde
geschlossen, und im Zuge dessen wurden Gebietskorrekturen vorgenommen.
Karten verdeutlichen, was dies bedeutet: Das Dorf wurde komplett mit
seinen BewohnerInnen aus dem israelischen Staatsgebiet herausgenommen
und dem palästinensischen zugeschlagen... ohne jede Chance,
gefragt geworden zu sein. Zukunft ungewiß.
Kashua geht in diesem Buch hart ins Gericht: Mit der Staatsgewalt und
der israelischen Mehrheitsgesellschaft, aber vor allem auch mit der
palästinensischen Community in Israel, da diese zuviel mit
sich geschehen läßt, weil sie primär auf
ihren eigenen Vorteil bedacht ist. Er schildert sehr anschaulich, und
das ist erstmals in einem Roman zu lesen, wie sich die
palästinensischen „Dörfer“
(eigentlich sind die Ortschaften zu groß, als daß
sie als Dorf bezeichnet werden könnten; in israelischen
Statistiken gelten Ortschaften mit mehr als 2.000 Einwohnern als
Städte, aber die arabischen haben oft keine ausreichende
soziale oder räumliche Grundstruktur, so daß der
Dorfcharakter weiterbesteht) seit Oslo entwickelt und davon profitiert
haben, davon, daß Israelis zum Einkauf kamen, daß
die Bewohner Arbeiter aus den besetzten Gebieten beschäftigten
und somit Unternehmer wurden, auch davon, daß Kollaborateure
angesiedelt worden waren... Und er beschreibt den damit einhergehenden
Zerfall der Wertvorstellungen, die Tatsache, daß zwar die
gefürchtet, aber auch bewundert und respektiert werden, die
mit Drogen und Diebesgut handeln, aber auch die Gerüchte,
daß dies von israelischen Stellen gefördert wurde,
um die Gesellschaft zu spalten und zu schwächen. Weiter
erfährt man sehr viel über „das normale
Leben“ der israelischen Palästinenser, aus den
Erzählungen der Älteren auch in frühen
Jahren seit der Staatsgründung.
Belastend ist es, dies so deutlich zu lesen, und es
läßt einen nicht mehr los. Ein beklemmendes Buch,
das sehr nah- und nachgeht.
Einen Schwachpunkt gibt es aber: Die arabischen Begriffe, wie sie im
Buch vorkommen, sind sehr irritierend, d.h. untypisch transkribiert,
und es ist unklar, ob diese einfach nur eigenwillig übersetzt
wurden, oder ob diese vom Autoren an eine hebräische
Aussprache angepaßt wurden – dies ist aber nur
schwer vorstellbar.
© Thea Geinitz
Kirstein Keshet, Yehudit: Checkpoint Watch. Zeugnisse
israelischer Frauen aus dem besetzten Palästina. A. d. Engl.
v. Ulrike Vestring, Nautilus, Hamburg 2007, 253 Seiten, 18 Euro.
Zerstückelung als Ziel
Die Friedensaktivistin Yehudit Kirstein Keshet
hat ein provozierendes
und differenziertes Buch über Israels "Checkpoints"
geschrieben.
Bei ihrem nächsten Israel-Besuch Mitte dieses Monats sollte
die Bundeskanzlerin die Frauen von "Machsom Watch" treffen. Sie
beobachten seit 2001 das Geschehen an den Machsomim, den Kontrollposten
der israelischen Armee zwischen dem Westjordanland und Israel.
Kürzlich erschien ein Erfahrungsbericht über die
Arbeit der Frauen- und Menschenrechtsorganisation von Yehudit Kirstein
Keshet, einer der Mitbegründerinnen von Machsom Watch.
Sie schreibt zugleich provozierend ("Ironischer- und tragischerweise
hat die Schaffung des Gettos Palästina zur Entstehung des
Gettos Israel geführt") und differenziert. So erklärt
sie, dass sich ihr Begriff der israelischen "Besatzung" auf die
militärische Eroberung des Westjordanlandes und des
Gazastreifens von 1967 bezieht. Dadurch bekommt der zunächst
schillernde Untertitel des Buches "Zeugnisse aus dem besetzten
Palästina" seinen präzisen Rahmen. Im Vorwort zur
deutschen Ausgabe des Buches betont sie, dass es keinen Vergleich
zwischen "Israels Unterdrückung der Palästinenser und
den Untaten" geben könne, "die im Dritten Reich in ganz Europa
begangen wurden". Keshet wurde 1943 in England als Kind
geflüchteter jüdischer Berliner geboren. Viele
Gründerinnen von Machsom Watch verstehen sich wie Yehudit
Kirstein Keshet als Teil der nichtzionistischen Linken in Israel. Aber
es war nicht Ideologie oder Ideologiekritik, die sie zum Handeln bewog,
sondern das Elend an den Checkpoints. Sie hörten von Frauen,
die dort gebären mussten, weil ihnen Soldaten den Durchgang
zum Krankenhaus verweigerten. Anfangs glaubten die
Menschenrechtsaktivistinnen, ihre bloße Anwesenheit werde das
System der Kontrollposten in die Knie zwingen. Jahre später
sind sie um viele Enttäuschungen reicher. Dennoch ist Machsom
Watch mittlerweile auf mehr als 500 Frauen angewachsen.
Der Prozess dieses Wachstums, die internen Diskussionen und Konflikte -
all das ist spannend zu lesen. Yehudit Kirstein Keshet steht zwar
manchen Entwicklungen in der Organisation kritisch gegenüber,
sieht aber in der neuen Vielfalt von Machsom Watch eine große
politische Chance, in die israelische Gesellschaft hinein zu wirken.
Ihre Analyse des Systems der Checkpoints unterlegt die Autorin mit
Beobachtungen und Eindrücken von Machsom-Watch-Frauen. Die
Berichte, aus denen sie zitiert, sind die handfesten Spuren, die die
Organisation fortlaufend hinterlässt. Nachzulesen unter
www.machsomwatch.org.
Betroffen sind grundsätzlich die palästinensischen
Zivilisten vor und die israelischen Soldaten hinter den Kontrollpunkten
- wenn auch ganz unterschiedlich. In diesem Sinne schrieb schon der
palästinensisch-israelische Intellektuelle Asmi Bischara: "Die
Wirklichkeit ist nur noch ein Checkpoint, und in der Wirklichkeit gibt
es kein Gleichgewicht im Schrecken. Es gibt zwei Schrecken ohne
Gleichgewicht, zwei Ängste ohne Ausgewogenheit."
Durch die Kontrollposten wird die palästinensische
Gesellschaft zerstört, meint Yehudit Keshet. Ihr Zweck ist die
kollektive Bestrafung und militärische Überwachung
der palästinensischen Zivilbevölkerung. Und sie
dienen der "Zerstückelung des Landes". Mit
Sicherheitserwägungen haben die Kontrollposten jedenfalls
nichts zu tun, betont Keshet. Vor allem sind die Checkpoints ein Mittel
zur Einschränkung der Bewegungsfreiheit und letztlich zur
Verdrängung möglichst vieler Palästinenser.
MARTIN FORBERG
Klein, Uta (Hg.): Die Anderen im Innern:
Die
arabisch-palästinensische Bevölkerung in Israel.
Schwalbach (Wochenschau) 2003, Schriftenreihe des DIAK, Band 38, 157
Seiten ISBN: 3-87920-423-3, 19,50€.
Der
vorliegende Band ist eine der wenigen deutschsprachigen
neueren Publikationen, die sich mit der
palästinensisch-arabischen Minorität in Israel
befassen. In ihm enthalten sind verschiedene Beiträge
israelischer (jüdisch-israelischer und
palästinensisch-israelischer) und deutscher AutorInnen, die
sich von innen und außen mit der Situation der
palästinensischen Bevölkerung in Israel
auseinandersetzen. Hierbei nehmen alle auf die Ereignisse im Oktober
2000 Bezug, die wohl auch Anlaß für die Erstellung
dieses Readers waren. Baruch Kimmerling beschreibt in "Zur Entwicklung
palästinensischer kollektiver Identitäten" deren
Entwicklungen und Veränderungen. Dabei geht er auf den
politischen und sozialen Kontext ein, der zu der Abgrenzung der
palästinensischen zu den arabischen Identitäten
führte, nämlich die jüdisch-zionistische
Siedlergemeinschaft und auch die britische Kolonialmacht als
Bezugspunkte.
Amad H. Sa`di analysiert in "Die nationale Identität der
palästinensischen Bevölkerung in Israel" kritisch den
israelischen Wissenschaftsdiskurs hierzu und stellt dann sein eigenes
Konzept der palästinensischen Identität als eine Form
des Widerstand vor.
Der umfangreichste Beitrag kommt von Dan Rabinowitz, As`ad Ghanem, Oren
Yiftachel, die stellvertretend für alle stehen, die an der
Analyse "Ratschläge für die Regierungspolitik
gegenüber der arabischen Bevölkerung in Israel"
mitgewirkt haben (und die bei den jeweiligen Kapiteln
aufgeführt sind). Als Notstandsbericht wurde das Paper im
November 2000 von sechs, jeweils gemischten, Forschungsgruppen
verfaßt, die sich mit den grundlegenden Aspekten - Land- und
Raumplanung
- Kommunalverwaltungen und soziale Dienste
- Identität und staatsbürgerlich-kultureller
Einfluß
- Erziehungswesen und Bildungssystem
- Wirtschaftliche Entwicklung und Beschäftigung
- Rechtswesen und innere Sicherheit
auseinandersetzen und für jeden Bereich Empfehlungen an die
Regierung ausarbeiteten. Auffallend ist, daß in jedem
Teilbericht Begriffe wie "Diskriminierung", "Benachteiligung",
"Vernachlässigung", "systematisch", "methodisch",
"konstitutionell / gesetzlich festgeschrieben" auftauchen, wenn die
bisherige Regierungspolitik beschrieben wird. Ihre Empfehlungen, diese
Diskriminierungen möglichst schnell nicht nur auf
individueller, sondern auch auf kollektiver Ebene zu beseitigen, und
dies nicht nur in die Zukunft gerichtet, sondern ebenso das in der
Vergangenheit angerichtete Unrecht anzuerkennen, sind sehr
eindrücklich, und sie machen die Notwendigkeit und
Dringlichkeit klar.
Diese knapp 50 Seiten sollten eine Pflichtlektüre für
all jene sein, die jegliche
Kritik am Staate Israel mit dem Argument der "einzigen Demokratie im
Nahen Osten" ablehnen und zurückweisen. Denn bei der
Lektüre wird sehr schnell sehr deutlich, daß die
Probleme nicht nur von "den Anderen" kommen, sondern in der Struktur
angelegt sind. Mit der Situation der
palästinensisch-israelischen Frauen befassen sich die
Beiträge von Uta Klein: "Zwischen allen Stühlen:
Palästinensische Frauen in Israel" und Khawla Abu Baker: "Auf
ungebahntem Weg: Arabische Frauen in Politischen
Führungsrollen": Uta Klein gibt einen Überblick
über die Einschränkungen, die den
Palästinenserinnen in Israel durch den israelischen Staat
einerseits und die arabisch-palästinensische Gesellschaft von
Grund auf auferlegt sind. Khawla Abu Baker analysiert die Restriktionen
durch die eigene Gesellschaft, denen die Frauen ausgesetzt sind, und
sie arbeitet Forderungen aus, die erfüllt werden
müssen, um Veränderungen zu bewirken. In ihrem
Rückblick arbeitet sie aber auch heraus, daß die
Palästin
enserinnen mitnichten immer politisch passiv, sondern sehr wohl aktiv
waren, auch wenn dies weniger unter dem Vorzeichen politischer als
vielmehr frauenspezifischer Themen und Organisationen geschah.
Schließlich noch Michaela Birk Artikel über "Das
Wahlverhalten der palästinensischen Minderheit in Israel". Sie
gibt einen Überblick über die verschiedenen
Wahlverhalten: Wahlboykott/Stimmenthaltung, instrumentelle Strategie
(bei der zionistische Parteien gewählt werden in der Hoffnung,
von dort aus Änderungen zu bewirken) und
ethno-nationalistische Strategie (Wahl palästinensischer
Parteien). Weiter stellt sie knapp die Entwicklung der
palästinensischen Parteienlandschaft in Israel dar, und sie
analysiert kurz das Wahlverhalten bei den einzelnen Wahlen. Nachdem die
Wahlbeteiligung der palästinensischen Israelis seit 1948
kontinuierlich abgenommen hat, stieg es in den Neunziger Jahren wieder
an, brach aber Ende der Neunziger Jahre abrupt ein. 2001 betrug die
Wahlbeteiligung knapp
18 %, wobei die PalästinenserInnen bei ca. 20 % der
Bevölkerung ca. 12 % der Wahlbevölkerung ausmachen.
Diese Entwicklungen über die Jahre hinweg waren eine Folge
davon, daß sich die palästinensische Minderheit
durch ihre Repräsentanten noch nie akzeptiert gefühlt
hat, da ihnen keine gleichwertige Teilnahme an der Politik zuerkannt
worden war, und ebenso ist es ein Zeichen für die soziale,
ideologische und politische Zersplitterung innerhalb der
palästinensischen Community.
Zu jedem der Artikel gibt es – nicht allzu viele –
Fußnoten und Literaturhinweise (auch wenn diese nicht immer
komplett sind), die den sehr positiven Eindruck dieses schmalen, sehr
empfehlenswerten Bandes abrunden.
© Thea Geinitz
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Meyer, Hajo G. (2005): Das Ende des
Judentums. Der Verfall
der israelischen Gesellschaft. Neu Isenburg, Melzer Verlag
(SEMITedition), 314
Seiten, Taschenbuch – ISBN 3-937389-58-X. 14,80 €.
von Sabine Schiffer
Hinter dem
provokanten Titel verbirgt sich eine Diskursanalyse, die
weniger wissenschaftlich als essayistisch angelegt ist – aber
einem hohen Anspruch genügt. Leicht lesbar und
zugänglich, spannend und erschreckend ergreift einen das Buch.
Dessen Inhalt ist gestützt durch ausführliche
Referenzen, die zum großen Teil aus israelischen Quellen
stammen. Es zeugt sowohl von einiger Lebenserfahrung als auch einer
scharfen Beobachtungsgabe, was angesichts der eigenen verletzenden
Erlebnisse nicht selbstverständlich ist. Genau die hieraus
resultierende Gefahr, dass nämlich eigene schreckliche
Erlebnisse ein Trauma ausgelöst haben, beschreibt Meyer.
Seiner Beobachtung nach können viele Nachfahren der
Holocaustüberlebenden und die Übersolidarischen kein
Mitgefühl für anderes Leid mehr entwickeln. Dies ist
mit „moralischem Verfall“ gemeint, denn hier werden
Unrecht und sogar Menschenrechtsverletzungen Tür und Tor
geöffnet. Wenn der Holocaust zum Maß aller Dinge
stilisiert wird, dann verblasst jede andere Form von Diskriminierung
vor dieser Ungeheuerlichkeit. Aber, wir müssen feststellen,
dass das Beschwören der Einmaligkeit der Nazi-Verbrechen eben
keine neuen Verbrechen verhindert und schon gar nicht die vorbereitende
Abwertung des Gegenübers, auf die Meyer in seinem Buch
abzielt. Er kritisiert die allgemeine Fixierung auf den Holocaust, wenn
von Nazi-Deutschland gesprochen oder an Nazi-Deutschland gedacht wird.
Diese Verengung auf die Vernichtungsphase – die letzte und
grausamste – des Regimes, verstellt den Blick für
die schleichende Indoktrinierung durch verbale Propaganda. Diese hat
Meyer als Kind in der frühen Phase des Nationalsozialismus und
des Krieges erlebt und weiß, wie sich Diffamierung und
schließlich juristische Diskriminierung anfühlen.
Die ständige Herabsetzung des definierten Anderen
führt schließlich zu seiner Entmenschlichung. Er
wird nicht mehr als gleichwertiger Mensch angesehen und kann somit
leichter und tatsächlich unmenschlich behandelt werden. Wenn
auch diese Verbalattacken auf Juden und andere
„Gefahren“ nicht neu waren – der
Antisemitismus hat eine lange und zähe Tradition –
so haben sie doch in der Zeit Hitlers eine neue und offizielle
Qualität erhalten. Meyer kommt zu einer differenzierten
Ansicht darüber, wann und wie es zum Ausrottungsgedanken
gekommen ist – wenn dies von Anfang an absehbar gewesen
wäre, wären wohl kaum so viele Betroffene so lange in
Deutschland geblieben. Er selbst wanderte als 14-jähriger in
die Niederlande aus – ebenso die Gefahr
unterschätzend -, um nach den Folgegesetzen zur sog.
Reichskristallnacht, die u.a. jüdischen Kindern den
Schulbesuch untersagten, seine Ausbildung dort fortzusetzen. Was es
bedeutet, als Mensch zweiter Klasse zu leben, dem das Recht auf Bildung
und ein gesicherter Bürgerstatus vorenthalten wird, davon
schreibt Meyer in sehr persönlichem Stil. Auch wie er
schließlich doch deportiert wird und Auschwitz
überlebt enthält er der Leserschaft nicht vor.
Bemerkenswert ist, dass er mit dem Abstand der Jahre und auf Grund
seiner Beobachtungen der jüngsten Zeit zu dem Schluss kommt,
dass die israelische Propaganda gegen alles Arabische - und
insbesondere die Palästinenser - mit dem antisemitischen
Diskurs des frühen Nationalsozialismus durchaus vergleichbar
ist. Er macht dies an konkreten Beispielen und
Gegenüberstellungen deutlich wie etwa die Verwendung einer
bedrohlichen Krankheitsmetaphorik zur Disqualifizierung des
Gegenübers. Wenn heute die Palästinenser als
„Krebsgeschwür“ bezeichnet werden, das man
mindestens „chemotherapieren“ müsse - wenn
nicht gar mehr, dann erinnert ihn das an genau dieselbe Metaphorik, mit
der er und seine Verwandten in der Nazi-Zeit entmenschlicht wurden.
Hier wird Legitimation geschaffen dafür, dass so vehement und
unverhältnismäßig gegen einen
vermeintlichen Feind vorzugehen ist. Der Autor geht
schließlich so weit, in der etwas verallgemeinert
formulierten „isrealischen Gesellschaft“ bzw.
„dem Judentum“ – das er aber wiederum
differenzierend definiert - eine Paranoia festzustellen, die vor einer
hochstilisierten Wahnvorstellung Angst habe. Denn eigentlich
verfügten die Palästinenser über keine
vergleichbare Macht. Aber auch diesen bleibt Kritik nicht erspart und
so wird das ungünstige Wechselspiel deutlich, in dem sich
beide Parteien befinden. Meyer stellt sich hier dezidiert auf die Seite
des Schwächeren, zum einen, weil er diese Position der
Ohnmacht am eigenen Leibe gespürt hat und zum anderen, weil er
einen hohen moralischen Anspruch an „das jüdische
Volk“ hat, das ja die soziale Wertebildung in Europa positiv
und wesentlich beeinflusst habe. Umso schmerzlicher ist deshalb
für ihn die heutige Entwicklung. Am Ende zeichnet er ein
pessimistisches Bild für die Zukunft Israels, eine sich selbst
erfüllende Prophezeihung: während die israelische
Politik aktiv die Vernichtung Israels herbeiführe, wird man
sich in der eigenen Propaganda genau bestätigt
fühlen, die ja seit Jahr und Tag daran festhält, dass
die Araber sie ins Meer jagen wollen. Einige sprachliche Fehler und
redaktionelle Unaufmerksamkeiten tun der inhaltlichen Argumentation
keinen Abbruch. Das letzte Kapitel ist sehr theoretisch, aber auch
diese Überlegungen sind interessant und lesenswert. Ansonsten
würde ich Meyers vorwortlichen Ratschlag nicht unbedingt
befolgen und die Kapitel durchaus in ihrer vorgegebenen Reihenfolge
lesen. Die Dichotomie von Reformjudentum und Zionismus als die beiden
einzigen Pole jüdischer Entwicklung in der Neuzeit
lässt sich meiner Meinung nach nicht aufrecht erhalten, da die
antisemitische Propaganda durchaus auch eine reaktionäre
konservative Bewegung hervorgerufen hat, die sich etwa in der
Frankfurter Gemeindespaltung im 19. Jahrhundert niedergeschlagen hat.
Hier galt die Rückbesinnung auf die alten Werte als sinnvolle
Reaktion auf die erneute Ablehnung nach versuchter Assimilation. Ob und
inwiefern diese Lücke Auswirkungen auf die Gesamtargumentation
hat, bleibt zu klären. Auf jeden Fall stellt das Buch eine
spannende Lektüre dar, die von reflektierten eigenen
Erfahrungen, einem großen Bildungs- und Wissensschatz,
menschlicher Wärme und einem Blick für Werte und
Wertungen zeugt. Diesem wichtigen Buch sollte man viel Beachtung
wünschen - nicht, um „den Israelis“ einen
besserwisserischen Spiegel vorzuhalten. Ganz im Gegenteil, da kann
jeder vor der eigenen Haustüre zu kehren beginnen. So, wenn
etwa in einer deutschen Zeitung von „Metastasenbildungen
islamischer Terrorzellen“ die Rede ist. Dennoch will man
daran festhalten, dass ehrliche Auseinandersetzung Frieden
ermöglicht in Nahost und anderswo. Ein Frieden, der
überall nur ein wirklich gerechter sein kann.
Dr. Sabine
Schiffer
___ N ___
Nathan, Susan: Sie schenkten mir Dornen -
Ausgegrenzt im
Lande
der
Verheißung. Lübbe 2005.
Susan Nathan, geb. 1949 als Jüdin in
England, wuchs
während der Apartheid in Südafrika auf und ging dann
nach England, wo sie in London als Betreuerin von ausgegrenzten
AIDS-Erkrankten arbeitete. Dann entschloss sie sich nach Israel
auszuwandern, wo sie sich bald mit ihren schon in Südafrika
gemachten Erfahrungen von Apartheid konfrontiert sah. Sie
entschießt sich, Englischlehrerein im galiläischen
Dorf Tamra im nördlichen Israel, zu werden, wo sie als einzige
Jüdin unter lauter palästinensischen Israelis lebt.
Sie lebt dort, allen Warnungen ihrer früheren Freundinnen und
Freunde zum Trotz, ein Leben als willkommene, respektierte Nachbarin -
für die Israelis aber am "falschen" Ort.
Neuwirth, Angelika / Pflitsch, Andreas /
Winckler, Barbara
(Hg.): Arabische Literatur, postmodern München (edition
text+kritik)
2004,
408 Seiten. 3-88377-766-8. 25,00 €.
In der Reihe edition+kritik Ende 2004 erschienen,
gibt der Band
"Arabische Literatur, postmodern" einen Überblick
über eine Reihe arabischer AutorInnen. Dabei mußten
sich die HerausgeberInnen natürlich auf eine Auswahl
begrenzen, die dann unter den Aspekten Erinnerung, Ortspolygamie und
Geschlechtertransgressionen subsumiert wurden, zu denen es auch jeweils
eine erläuternde Einführung gibt. Eingeführt
wird der Band mit zwei Einleitungen zur Postmoderne allgemein (I.
Kappert: "Postmoderne. Facetten einer Denkfigur) und speziell einer
arabischen (A. Pflitsch: "Das Ende der Illusionen. Zur arabischen
Postmoderne").Gemeinsam ist allen AutorInnen die Herkunft aus dem
arabischen Kulturraum, was aber nicht zwangsläufig bedeutet,
daß sie auf arabisch schreiben. Mit der Auswahl der
AutorInnen wird der gesamte arabische Kulturraum abgedeckt. JedeR
AutorIn werden ca. 10 bis 20 Seiten gewidmet, wobei die Biographie, die
Hauptwerke und auch die Rezeption behandelt werden. Veranschaulicht
werden diese Aspekte jeweils mit Zitaten aus dem Werk.
Die besprochenen (ausschließlich männlichen)
palästinensischen Autoren sind: Mahmoud Darwisch,
Palästinenser, der auf arabisch schreibt. Über ihn
gibt es unter Erinnerungen einen Artikel von A.Neuwirth:
"Hebräische Bibel und Arabische Dichtung. Mahmoud Darwisch und
seine Rückgewinnung Palästinas als Heimat aus
Worten".
Emil Habibi, palästinensischer Israeli, der auf arabisch
schrieb, wird ebenfalls unter Erinnerung von A. Neuwirth beschrieben:
"Traditionen und Gegentraditionen im Land der Bibel. Emil Habibis
Versuch einer Entmythisierung von Geschichte".
Anton Schammas, palästinensischer Israeli, der erst auf
arabisch, dann auf hebräisch schrieb, aber seit nunmehr fast
20 Jahren keine Romane oder Gedichte mehr veröffentlicht, wird
unter Ortspolygamie von C. Szyska vorgestellt:
" 'Ich träume im Niemandsland'. Anton Shammas".
Obwohl der Band – wie die gesamte Reihe – sich
primär an ein literaturwissenschaftlich geschultes Publikum
richtet, kann er unbedingt auch für NichtwissenschaftlerInnen
empfohlen werden – vorausgesetzt, diese lassen sich nicht vom
ersten einführenden, sehr theoretischen Kapitel abschrecken,
oder davon, möglicherweise den einen oder anderen Begriff
nachschlagen zu müssen.
Die Lektüre lohnt sich allemal – als Einstieg und
Einführung in das Werk eines/r AutorIn ebenso wie als
Nachschlagewerk. Zu jeder vorgestellten Person gibt es als Anhang eine
Auswahl der wichtigsten Werke im Original, von Übersetzungen
ins Deutsche und ins Englische oder Französische und eine
Auswahl weiterführender Literatur.
© Thea Geinitz
Nirgad, Lia: Winter in Qualandia. Abraham
Melzer Verlag 2005.
Von
einem
Mitglied der Frauengruppe Machsom Wathch, die an Checkpoints
in den palästinensischen Gebieten Wache schiebt, ist dieses
Buch verfasst worden. In ihm werden die Erlebnisse an der Sperre
zwischen Jerusalem und Ramallah Anfang letzten Jahres beschrieben.
Tatsächlich verbleibt das Buch in sehr beschreibendem Stil und
gerade diese Nüchternheit macht es möglich, die
Absurdität der Situation zu begreifen. Als Protokoll werden
die Ereignisse mehrerer Tage geschildert: die sich häufig
ändernden Vorschriften der Soldaten, die das Geglaubte vom
Vortag eigentlich in Frage stellen, der Gehorsam bzw. die teilweise
Gleichgültigkeit der Befehlsausführer, die
aufgehört haben, nach dem Warum ihrer Kontrollen und der
"begleitenden Maßnahmen" zu fragen, die "Verbesserung" der
Kontrollmöglichkeiten, die dann gen abends wegen Unmachbarkeit
doch ausgesetzt werden. Auch die Geschichten der Aufgehaltenen, das
Genehmigungsverfahren für die Passage, die Betroffenheit von
jung und alt. Die israelischen Frauen von MachsomWatch - eine
Organisation, die sich 2001 gegründet hat - bewachen die
Wächter und achten auf die Menschlichkeit an den Checkpoints -
im Rahmen ihrer begrenzten Möglichkeiten. Sie sind ein
wichtiges Zeichen nach innen und außen und verdienen darum
unsere Aufmerksamkeit und Unterstützung.(Sabine Schiffer)
___ O ___
Oz, Amos: Israel und Deutschland. Frankfurt
(Suhrkamp) 2005,
53
Seiten, ISBN: 3518067982. 5,00 €.
Sonderausgabe
bei der Bundeszentrale für politische Bildung,
Schriftenreihe Band 509 (gegen eine Schutzgebühr von 2.-
€)
Anläßlich der Verleihung des Goethe-Preis der Stadt
Frankfurt im Jahre 2005 und wohl auch in Anbetracht 40 Jahre
offizieller diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und der
Bundesrepublik Deutschland schrieb Amos Oz einen Essay, in dem er seine
Sicht auf die besonderen Beziehungen zwischen Israel und Deutschland
darlegt. Dabei plädiert er vehement, schon im ersten Satz,
nicht für eine Normalisierung der deutsch-israelischen
Beziehungen, sondern für eine Intensivierung, in Abgrenzung zu
einer Normalisierung und darüber hinaus.
Bei der Erläuterung dieser Forderung geht Oz chronologisch, an
wichtige Daten anknüpfend, vor. Hierbei verknüpft er
immer wieder die Entwicklungen, wie er persönlich sie seit
1945 bis heute durchgemacht hat, mit der Situation und den Stimmungen
des 1948 gegründeten Staates Israels, und dieses dann wieder
mit den Annäherungen der beiden Staaten. Brillant ist dabei,
wie er sprachlich seine Haltung als sechsjähriger Knabe Amos
Klausner wiedergibt, eine Mischung aus Naivität,
Selbstüberzeugung und Nationalismus und Patriotismus, bis hin
zu den Überzeugungen des gereiften Mannes Amos Oz, inklusive
den Zweifeln auf dem Weg dahin. Vorsichtig, erklärend und
Verständnis suchend formuliert er die Widerstände,
Ängste und Stimmungen in Israel in den Jahren vor und zu
Beginn der Annäherungen. Unnachgiebig und ohne jegliches
Verständnis begegnet und entgegnet er all denen, die auf ein
Vergessen und Vergeben und somit auf eine Normalisierung
drängen – und erst recht denen, die meinen, die
durch die Shoa geläuterten Juden müßten
eine höhere Moral besitzen als andere Völker.
Vor allem auf den letzten 15 Seiten beschäftigt Amos Oz sich
primär mit dem Verhältnis der Deutschen zu den
Israelis und Israel: Erst war dies, aus verschiedenen Gründen,
eine absolute Verliebtheit und Vernarrtheit, die sich dann aber in eine
Ernüchterung und oft umfassende Ablehnung wandelte –
und beides, so Oz, wird dem Land und seinen Einwohnern nicht
gerecht.Die Lektüre dieser knapp 50 Seiten nimmt nicht viel
Zeit in Anspruch, das Nachdenken und sich damit Beschäftigen
aber sehr wohl. Es ruft durchaus Widerspruch bei einzelnen Argumenten
hervor, andererseits vermittelt es auch Einsichten über die
Sicht von innen auf das deutsche Äußere. Aber
wahrlich, solches über ein Buch zu sagen, ist wirklich nicht
das Schlechteste.
© Thea Geinitz
___ P ___
Pappe, Ilan: Die ethnische Säuberung
Palästinas. Deutsche
Erstausgabe, deutsch von Ulrike Bischoff, 19 Fotos, 416 Seiten, fester
Einband. 22,00 €, GP. Nr. 200320.
Der Tag, an dem Sirin verschwand
MEMORIZID
Ilan Pappes brisante Thesen zur "Ethnischen Säuberung
Palästinas.
Ilan Pappe, israelischer Historiker und Politikwissenschaftler, hat
seiner Heimat fürs erste den Rücken gekehrt, "doch
hoffentlich nicht für immer". In England, wo er derzeit lebt,
forscht und unterrichtet, hofft er, "nicht wie ein Pestkranker gemieden
zu werden", so Pappe in einem Interview mit der italienischen
Tageszeitung Il Manifesto.
Die ethnische Säuberung Palästinas, kürzlich
auch auf
Deutsch erschienen, ist vermutlich das Werk, das seinem Ruf in Israel
den schwersten Schlag versetzt hat, während es international
höchste Anerkennung findet. Bereits in den achtziger Jahren
waren
Pappe und andere israelische Historiker angeeckt, als sie mit einer
Revision der zionistischen Darstellung des 1948er Krieges begannen und
insbesondere zeigten, "wie falsch und absurd die israelische Behauptung
war, die Palästinenser hätten das Land
›aus freien
Stücken‹ verlassen". Doch Pappe ließ vor
allem ein
Tabu keine Ruhe, das er und seine Historiker-Kollegen bisher nicht
angerührt hatten: Wir leisteten "nie einen signifikanten
Beitrag
zum Kampf gegen die Leugnung der Nakba, da wir die Frage der ethnischen
Säuberung umgingen".
Auch für den, der keine Illusionen über die mit der
Staatsgründung Israels einhergehende Nakba - die Katastrophe
für die Palästinenser - hegte, ist Die ethnische
Säuberung Palästinas ein bedrückendes Buch.
Nicht, weil
es eine Aufzählung von Gräueln wäre (was es
auch ist),
sondern weil der Autor nicht umhin kann, es mit einer düsteren
Note enden zu lassen: Der Zionismus sei - anders als das Judentum -
nicht ausreichend pluralistisch, um die Palästinenser in ihren
Rechten und in ihrer Existenz gelten zu lassen.
Pappe deckt anhand der Äußerungen führender
Zionisten
der Gründungsjahre und ihres Agierens den inhärent
ausschließenden Kerngedanken des zionistischen Konzepts auf.
Demnach konnte und kann ein jüdischer Staat nur mit Gewalt
durchgesetzt und aufrecht erhalten werden. Das Muster der
frühen
Jahre wirkt fort, solange es tabuisiert bleibt, und verhindert
weiterhin jede friedliche Lösung. Deshalb geht es Pappe darum,
die
Mechanismen der ethnischen Säuberungen von 1948 aufzudecken
und
das Paradigma ethnischer Säuberung anstelle des
Kriegsparadigmas
zu etablieren: "Als die zionistische Bewegung ihren Nationalstaat
gründete, war es keineswegs so, dass sie einen Krieg
führte",
bei dem es auch zu Vertreibungen kam - umgekehrt "das Hauptziel (war)
die ethnische Säuberung ganz Palästinas".
David Ben Gurion, damals eine der führenden
Persönlichkeiten
der jüdischen Einwanderer, sprach sich am 2. November 1947,
vor
der Exekutive der Jewish Agency unmissverständlich
für
ethnische Säuberungen aus, die gewährleisten sollten,
dass
der neue Staat ausschließlich jüdisch sei. Am 3.
Dezember
desselben Jahres bedauerte er in einer Rede vor Mitgliedern der
israelischen Arbeiterpartei, dass es "in den Gebieten, die dem
jüdischen Staat (von der UN) zugewiesen sind, ... 40 Prozent
Nichtjuden" gibt. Ein jüdischer Staat sei erst mit 80 Prozent
Juden lebensfähig und stabil. Am 10. März 1948
verabredeten
Gurion und zehn weitere zivile und militärische Vertreter der
zionistischen Bewegung einen Masterplan zur ethnischen
Säuberung
Palästinas. 531 Dörfer und elf städtische
Siedlungen
wurden dann tatsächlich mit Waffengewalt geräumt,
800.000
Palästinenser zur Flucht gezwungen, die Häuser samt
Mobiliar
dem Erdboden gleichgemacht und die Ruinen vermint, damit die
Vertriebenen nicht zurückkehren konnten.
Wenn bis heute alle israelischen Regierungen jedes Gespräch
über das Rückkehrrecht unbedingt verhindern
müssen, so
steckt, laut Pappe, "eine tief sitzende Angst vor einer Debatte
über die Ereignisse von 1948" dahinter, "da Israels
›Behandlung‹ der Palästinenser
zwangsläufig
beunruhigende Fragen nach der moralischen Legitimität des
gesamten
zionistischen Projekts aufwerfen würde." Solange diese Debatte
nicht geführt wird, sind jedoch alle Friedensverhandlungen zum
Scheitern verurteilt.
So merkwürdig es anmuten mag, Die ethnische Säuberung
Palästinas ist auch eine liebevolle Darstellung dessen, was
durch
das Projekt eines Staates zerstört wurde, der auf der Negation
des
Anderen beharrt. Wie Hunderte palästinensische
Dörfer, so
musste auch Sirin verschwinden. Seine Geschichte, die Landschaft, die
seine Bewohner über Generationen geprägt hatten, die
Namen,
mit denen sie sie belegt hatten, mussten ausgelöscht werden.
Sirin, das die palästinensischen Bauern "in einen kleinen
Garten
Eden verwandelten", "galt als gutes Beispiel für das
Kollektivsystem der Landwirtschaft, an dem die Dorfbewohner seit
osmanischer Zeit festhielten ...". Muslime und Christen lebten dort
friedlich zusammen. "Innerhalb weniger Stunden wurde dieser Mikrokosmos
religiöser Koexistenz und Harmonie verwüstet", als
jüdische Truppen das Dorf am 12. Mai 1948 überfielen
und
seine Bewohner vertrieben.
Pappe nennt es "Memorizid an der Nakba", wenn der Jewish National Fund
(JNF) dafür sorgt, dass auf den Ruinen
palästinensischer
Dörfer Wälder und Erholungsgebiete entstehen, zu
denen auf
den JNF-Websites und den aufklärenden Tafeln am Wegesrand
jeweils
die kolonialistische Umdeutung von Landschaft und Geschichte
mitgeliefert wird. Allerdings, an manchen Stellen trotzen die
Olivenbäume und andere Nutzpflanzen der
palästinensischen
Dörfer der fremden Flora: Die Olivenbäume im
Nadelwäldchen der neuen Reißbrettstadt Migdal
Ha-Emeq haben
manche der Kiefernstämme "buchstäblich in zwei Teile
gespalten" und wachsen aus deren Mitte hervor, nachdem die in dieser
Gegend fremden Kiefern, die Israel ein europäisches Flair
verleihen sollen, dort häufig nicht gedeihen.
Der Memorizid ist Teil eines kognitiven Systems, das Pappe
durchleuchtet, denn es ist auch heute noch wirksam, wenn die
täglichen Bombardierungen des dicht bevölkerten
Gazastreifens
oder die Ermordung von Terrorverdächtigen,
einschließlich
der dabei entstehenden "Kollateralschäden", stillschweigend
hingenommen werden. Das sind nicht nur "interessante Parallelen", es
sind erstaunlich und erschreckend wirksame Mechanismen, die Fakten
schaffen und zementieren helfen - nicht zuletzt die Mauer, von der
israelischen Politik als Sicherheits- oder Separationszaun propagiert,
ein monströses Bauwerk, das das Leben der
Palästinenser in
der Westbank stranguliert und faktisch das Landraub- und
Vertreibungsprojekt fortführt, das vor 60 Jahren begann.
Israel,
heißt es im Epilog, "hat nie aufgehört,
Palästinenser
zu töten", als wären sie vogelfrei: in "Kfar Quassim,
wo am
29.Oktober 1959 israelische Truppen 49 Einwohner auf dem Heimweg von
den Feldern ermordeten ...1982 in Sabra und Shatila ... 2002 im
Flüchtlingslager Jenin ...". Warum? - Weil es, wie Pappe
aufzeigt,
im Interesse der Interessierten lag und liegt: der Briten in der
Mandatszeit, heute vor allem in dem der USA und Europas und ihres
Verbündeten Israel.
Sophia Deeg.
___ Q ___
Qumsiyeh, Mazin B.: Sharing the Land of
Canaan. Human Rights
and the Israeli-Palestinian
Struggle. Pluto Press (London &
Sterling, Virginia). Vorwort von Dr. Salman Abu Sitta. Mit 2 Tabellen,
5 Dokumenten, 2 Schaubildern, Glossar und Register.
Internet-Infos unter: www.qumsiyeh.org/sharingthelandofcanaan
Professor Mazin B. Qumsiyeh ist ein
palästinensischer Christ,
der in Beit Sahour bei Bethlehem geboren und aufgewachsen ist. Er lebt
in den USA und hat mehr als 120 wissenschaftliche Artikel in den
Bereichen Zoologie und Genetik publiziert. Dies ist sein erstes Buch
über das Nahostproblem. Qumsiyeh ist Menschenrechtler,
Mitgründer einer Anzahl von Organisationen und Gruppen und
wird regelmäßig in nationalen und internationalen
Medien interviewt.
Zweck der
folgenden Rezension ist, den Inhalt, die Hauptthesen, die Art
der Argumentation und eine kurze Einschätzung für
eine deutsche Leserschaft darzustellen, die Details über diese
neue Studie erfahren möchten, ohne Zugang zu der
amerikanisch-englischen Quelle zu haben. Die Kapitel sind in ihrer
Reihenfolge in je einem Absatz zusammengefasst, auf Seitenangaben wurde
verzichtet.
Die Menschenrechte, das internationale Recht und die Genfer
Konventionen bilden Ausgangspunkt und Maßstab für
diese umfassende Studie über die Vergangenheit und die Zukunft
des Landes Kanaan, also Israel und Palästina (und Jordanien).
Auf 236 Seiten werden alle zentralen Fragen des Konflikts dargestellt
und analysiert, beginnend mit einem Abriss der 6000-jährigen
Geschichte der Bewohner dieses Landes, ihrer Sprachen,
Errungenschaften, Stadtstaaten und Königreiche. Von Jabusiten
liest man, Nabatäern, Phöniziern und
Hebräern ('Abiru/Habiru), die im kulturellen und
religiösen Schmelztiegel Kanaan lebten. Betrachtet man die
ganze Geschichte der Region, relativiert sich der politische
Pessimismus, der mit unauflöslich scheinenden Konflikten zu
tun hat. Der Grundgedanke des Autors ist der der Selbstbestimmung der
Bevölkerung des Landes.
Qumsiyeh bündelt die fundamentalen Fragen des Konflikts und
geht ihnen Kapitel für Kapitel nach. Er betrachtet die These,
dass das Judentum durch die Geschichte eine nationale ethnische
Gemeinschaft bildete, abstammend von den zwölf
Stämmen Israels, denn diese These führte zur Idee des
so genannten Rückkehrrechts von Juden nach Palästina.
Heute dürfen jeder Jude und jede Jüdin nach Israel
einwandern, selbst wenn sie noch nie dort gewesen sind,
während Nicht-Juden das nicht gestattet ist. Seriöse
Studien unterschiedlicher Wissenschaftler aus der genetischen
Anthropologie allerdings bestätigen, was Sprachforscher
bereits seit längerem nahe legten, dass nämlich
arabische Palästinenser genetisch näher zu
sefardischen (orientalischen) Juden stehen als beide Gruppen zu
aschkenasischen, europäischen Juden. Diese weisen mehr
Ähnlichkeiten mit Menschen aus der Schwarzmeer-Region auf.
Äthiopische Juden wiederum stehen weit entfernt von allen der
genannten Gruppen. Dass der Mythos eines gesamtjüdischen
Genpools politisch verwendet wird, zeigt Qumsieh an vielen Beispielen
aus der US-Presse und dem akademischen Diskurs. Die
tatsächlichen genetischen Ähnlichkeiten zwischen
orientalischen Juden, Christen und Muslimen seien indes dazu geeignet,
die Verbundenheit der Kanaaniter zu belegen und eine friedliche
Koexistenz zu begünstigen.
Das Problem der palästinensischen Flüchtlinge wird im
dritten Kapitel behandelt. Qumsiyeh stellt zunächst die beiden
Sichtweisen zu diesem Thema nebeneinander. Nach traditioneller
israelischer Darstellung verließen die Palästinenser
zwischen 1947 und 49 ihr Land weitgehend freiwillig und wurden von
ihren Führern dazu ermuntert. Nach Darstellung der
Flüchtlinge selbst hingegen handelte es sich um brutale
ethnische Vertreibung (Qumsiyeh verwendet den Begriff "ethnische
Säuberung" und beruft sich auf das hebräische Wort
"nikayon" aus der Militärsprache). Er nennt israelische
Historiker, die Akten-Einsicht hatten und diese Periode neu
analysierten. Demnach begannen unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg
und intensiv mit dem UNO-Teilungsplan die Vorbereitungen zur
massenhaften Vertreibung und Enteignung der lokalen
Bevölkerung, nachdem seit 1920 eine starke Einwanderung
europäischer Juden nach Palästina zu verzeichnen
gewesen war. Die Vertreibungen begannen deutlich vor der
Staatsgründung Israels und vor der Involvierung arabischer
Armeen. Ebenso gelte es heute als erwiesen, dass die israelische Armee
1948 zu keinem Zeitpunkt zahlenmäßig unterlegen
gewesen ist. Um die Staatsgründung Israels herum wurden
Hunderte von Dörfern und Städten zerstört,
aus denen etwa 800.000 Flüchtlinge stammen. 1967 wurden noch
einmal 300.000 vertrieben, viele zum zweiten Mal. Da diese
Vertreibungen sowohl gegen Artikel 13 der Menschenrechte als auch gegen
die Vierte Genfer Konvention verstoßen, wurde im Dezember
1948 die UN-Resolution 194 verabschiedet, die den Flüchtlingen
ausdrücklich ihr Rückkehrrecht und/oder eine
Entschädigung zugestanden. Diese Forderung der Vereinten
Nationen wurde seitdem fast jährlich erneuert. Israels
Eintritt in die Vereinten Nationen wurde sogar davon abhängig
gemacht. Dennoch hat sich die Lage der inzwischen etwa 5,3 Millionen
palästinensischen Flüchtlinge bis heute nicht
geändert. Da die Rückkehr der Flüchtlinge
mehrfach und ausdrücklich gesetzlich verankert ist und weil
eine solche Rückkehr technisch ohne weiteres möglich
ist, ohne dass Israelis dafür umgesiedelt werden
müssten, betont Qumsiyeh diesen Punkt, den er für
zentral im Diskurs hält, mit einer ausführlichen
Analyse aller in diesem Kontext relevanten Argumente und vieler
empirischer Daten.
Um Jerusalem geht es in Kapitel 5. Wieder werden historische Details
als Ausgangspunkt verwendet, wieder wird von der Geschichte der
Bevölkerung ausgegangen, nicht von der Herrschergeschichte.
Biblische Passagen hinsichtlich Jerusalem werden auf ihren historischen
Gehalt geprüft. Die zahlreichen Eroberungen der Stadt werden
aufgezeigt und mit den Eroberungen von 1948 und 1967 verglichen. Trotz
aller Umbrüche sei demnach Jerusalem durch die Jahrtausende
eine multiethnische und multireligiöse Gemeinschaft geblieben,
bis zu den Ereignissen von 48 und 67. Qumsiyeh sieht keine
Möglichkeit dafür, dass sich die jetzt
gültigen diskriminierenden Gesetze halten können und
verweist auf die UNO-Resolution 181 zum internationalen Status von
Jerusalem. Für ihn ist die plausibelste und einzig
mögliche Lösung, dass Jerusalem zur Hauptstadt eines
pluralistischen einigen (unitary) Landes all seiner Bürger
wird.
Der Zionismus ist das nächste Thema. Da dieser unbestritten
seit über 100 Jahren im Zentrum des Konflikts stehe,
müsse er mit den neu zugänglichen Quellen wie Herzls
Tagebücher untersucht werden. Qumsiyeh zeigt die
Ursprünge und Entwicklung des Zionismus, beginnend mit
Napoleon und mit der christlich-zionistischen Bewegung, die bis zum
Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts nur marginale Bedeutung hatte. Erst
das Argument, nach dem die (koloniale) Besiedelung Palästinas
eine Sicherheitsmaßnahme gegen den Antisemitismus ist und
Ausdruck jüdischer Emanzipation und nationaler
Unabhängigkeit, machte den Zionismus in jüdischen
Gemeinschaften Europas populär. Nach 1948, als der
zionistische Traum erfüllt war, kam es zu einer
Neuinterpretation, etwa in den Programmen von 1951 und 1968, in denen
es um Schutz und Ermutigung "jüdischer Rechte" geht. Der Autor
weist darauf hin, dass eine Ersetzung des Begriffs "jüdisch"
durch "christlich" oder "muslimisch" die Unfairness dieser Programme
zeigt. Auch fragt er, ob der Zionismus faktisch wirklich für
eine Verringerung antijüdischer Vorurteile und für
Sicherheit im Staat der Juden gesorgt hat oder ob das Gegenteil der
Fall sei. Qumsiyeh macht in seiner historischen Analyse auf den Umstand
aufmerksam, dass es in den Mittdreißigern zu Kooperationen
zwischen Nationalsozialisten und Zionisten kam, da beide für
eine Segregation der Juden waren. Die meisten Juden des 19ten und des
frühen 20sten Jahrhunderts waren keine Zionisten, oft mit dem
Argument, dass hier Religion zu Staatsmachtzwecken ausgenutzt
würde. Zu den prominenten nichtzionistischen Juden
zählt der Autor Einstein und Freud. Parallelen zwischen dem
Zionismus und der Apartheid in Südafrika werden aufgezeigt und
die jüdische Opposition gegen den Zionismus. Die Lehre, die
der Autor aus den historischen Resultaten solcher Ideologien zieht, ist
die, nicht mehr tribalistisch und gruppenbezogen zu denken, sondern als
Mensch. Dies gelte genauso auch für die
Palästinenser.
Um die Problempunkte des Zionismus zu verdeutlichen, betrachtet der
Autor das israelische Staatsgebilde und beginnt mit den beiden
unterschiedlichen Sichtweisen, nämlich der von der einzigen
Demokratie in der Region auf der einen Seite und der eines
ethnozentrischen rassistischen Staates auf der anderen. Um sich diesem
Widerspruch zu nähern, analysiert Qumsiyeh einige israelische
Gesetze hinsichtlich der Unterscheidung von Bürgern des
Staates. Er hält fest, dass es eine nationale
Zugehörigkeit zu Am Yisrael, den Leuten von Israel (=alle
Juden) gebe (genannt "le'om"), die sich von der
Staatsangehörigkeit ("ezrahut") unterscheide. Eine
tatsächlich israelische Nationalität gebe es demnach
im Eigenverständnis nicht. So können etwa
Palästinenser nicht zu Am Yisrael gehören,
dafür können Juden aus aller Welt ohne weiteres die
israelische Staatsangehörigkeit annehmen. Für
nichtjüdische Einwanderer hingegen gibt es ein anderes Set von
Gesetzen. Ebenso verhalte es sich mit Gesetzen für
nichtjüdische Bürger, die von den Landrechten, den
ökonomischen, kulturellen und politischen Rechten nicht
profitieren, die nur für Juden gelten. Daher sei es notwendig,
israelische Gesetze zu hinterfragen, wie das von 1985, in dem die
politische Beteiligung einer Partei nur dann erlaubt sei, wenn diese
Partei die Priorität von Israels jüdischer
Identität sowie die Staatsräson anerkenne. Nach
diesem Gesetz ist es beispielsweise verboten, die demokratische Natur
des Staates zu leugnen. Widersprüche zu
demokratisch-pluralistischen Grundsätzen finden sich auch in
anderen Gesetzen wie dem Abwesendenbesitz-Rechts, nach dem jeder
Einwohner, der zwischen November 47 und Mai 48 auch nur für
einen Tag von seinem Land wegging, dieses Land und die
Einkünfte daraus an den jüdischen Staat verlor.
Gewalt und Terrorismus sind das Thema des achten Kapitels. Qumsiyeh
weist auf die Ungenauigkeit des Terrorismusbegriffs hin und darauf,
dass er häufig als Kampfbegriff verwendet wird und dass manche
terroristischen Akte nicht als solche bezeichnet werden. Es wird
gezeigt, dass die Terrorismusdefinition der US-Regierung auch auf
Hiroshima und Nagasaki und sehr viele andere Ereignisse passt. Es wird
argumentiert, dass der Elfte September in seiner
Gewalttätigkeit weder qualitativ noch quantitativ einzigartig
war und in Relation gesetzt werden muss zu den Dingen, die der Rest der
Welt erfahren hat. Hier folgen viele Beispiele. Die These wird
aufgestellt, dass regierende Kräfte in der Geschichte oft die
Angst der Bürger benutzt haben, um politische Entscheidungen
durchzusetzen. Es folgt ein Abriss terroristischer
Präzedenzfälle in Palästina/Israel durch
Zionisten mit dem Schwerpunkt auf den 40er Jahren. Qumsiyeh
führt an, dass Besatzungs- und Kolonialmächte den
Widerstand gegen die Besatzung im Allgemeinen Terrorismus nennen und
gibt Beispiele, wobei er auf die UN-Charta verweist, in der Widerstand
gegen Unterdrückung und Besatzung legitimiert wird.
Palästinensischer Terror gegen Zivilisten wird dabei nicht
ausgeklammert, sondern ebenfalls konsequent abgelehnt. In diesem
Kapitel wird auch die Frage nach Gruppenverantwortlichkeiten gestellt,
wenn Gesellschaften über Gewaltakte schweigen und am Beispiel
der gescheiterten Oslo-Verhandlungen wird argumentiert, dass das
Nicht-Enden der Gewalt mit dem Mangel an Gerechtigkeit in Beziehung
steht. Die These, dass Terrorismus das Phänomen gewisser
Kulturen oder Religionen sei, sei falsch und könne nicht zu
einem rationalen Diskurs führen. Die Geschichte zeige, dass
Gewalt immer wieder Gewalt gebiert und dass Gewalt kein
zufälliges Nebenprodukt von Besatzung, Unterdrückung
und Enteignung sei, sondern "ausgewähltes Werkzeug und
Konsequenz". Gewaltverweigerung und Hoffnung in schlechten Zeiten seien
keine romantischen Gedanken, sondern der Beweis der positiven
Möglichkeiten menschlichen Verhaltens.
Um den allgemeingültigen Maßstab einer
Menschenrechtsvorstellung genauer zu erfassen, dokumentiert der Autor
die 30 Artikel der Menschenrechte, die 1948 von der UNO adaptiert
wurden, sowie zehn Menschenrechtsprinzipien, die Amnesty International
2001 formuliert haben, wobei Amnesty ausdrücklich darauf
hingewiesen hat, dass der Oslo-Prozess wegen mangelnder Applikation von
Menschenrechten gescheitert ist. Zu den eklatantesten
Menschenrechtsverletzungen in Israel/Palästina
gehören die Tötung von Zivilisten und die Folter als
Verhörmethode. Alle namhaften Menschenrechtsorganisationen
weisen öffentlich darauf hin, dass Israel sich hier nicht an
die Standards hält. Nach einem Amnesty-Report wurden zwischen
1987 und 1999 rund 2650 palästinensische Häuser
zerstört. Tausende Hektar Land wurden konfisziert, um illegale
Siedlungen in der Westbank zu bauen. Über die 650 km lange und
1,2 Milliarden Dollar teure Sperranlage sagt Qumsiyeh, dass sie kein
Sicherheitszaun an der Grünen Linie sei. Ihr Hauptzweck sei
die Expansion illegaler Siedlungen. Auf den folgenden Seiten beschreibt
der Autor, warum das von Menschenrechtlern "Apartheid-Mauer" genannte
Bauwerk diesen Namen zu Recht trägt. Zu denken, man
könne die Menschenrechte beiseite stellen und dennoch
Sicherheit oder Frieden erreichen, sei eine Selbsttäuschung.
All diese Faktoren haben die gesellschaftliche Entwicklung in
Palästina/Israel bestimmt und ungleiche
ökonomisch-soziale Voraussetzungen geschaffen. Im Land leben
heute etwa neun Millionen Menschen und etwa die Hälfte von
ihnen sind native Palästinenser. Um den jüdischen
Charakter des Staates zu erhalten, werden Flüchtlinge an der
Rückkehr gehindert, werden Juden, die sich mit dem Zionismus
identifizieren, ins Land gebracht und wird das Leben der verbleibenden
Palästinenser so schwer wie möglich gemacht, um sie
zum Gehen zu bewegen. Der Autor fasst an dieser Stelle die
Hintergründe der ökonomischen Situation und
Hierarchie in Israel/Palästina analytisch zusammen. Dabei geht
er auch auf UNO-Dokumente ein, die die Wasserfrage im Land betreffen,
ebenso wie auf die Umweltzerstörung als Folge der Politik. Die
Ein-Staat-Lösung gebe auf all diese Probleme positive
Antworten wie: Wohlstand durch Stabilität,
ökologische Nachhaltigkeit, Effizienz der Infrastruktur,
Beendigung der demographischen Kämpfe, niedrigere Geburtenrate
bei Palästinensern durch ökonomische Sicherheit,
Öffnung der Märkte.
In Kapitel 11 geht es um die politischen "Player" und ihre
Motivationen, die zu verstehen zur Beendigung des Konflikts notwendig
sei. Aus Zitaten von Theodor Herzl geht hervor, wie die nativen
Palästinenser von den damaligen Zionisten gesehen wurden,
nämlich bestenfalls als Ansiedler ohne Rechtstitel in einem
"verlassenen" Land. Gleichzeitig gab es auch Konflikte zwischen
osmanisch ausgerichteten palästinensischen Intellektuellen und
den ansässigen Bauern, den Fellahin. Qumsiyeh zeichnet die
Vorgänge nach, die zur britischen und französischen
Unterstützung des Zionismus und zu den Jules- und
Balfour-Deklarationen geführt haben, ebenso wie den
Übergang zur US-amerikanischen Adoption der zionistischen Idee
zur Zeit Trumans, der anfangs noch auf das Rückkehrrecht der
Flüchtlinge insistiert hatte. Zwei Richtungen des Zionismus,
die Vorläufer der heutigen politischen Lager von Likud und
Labor seien, seien damals bereits sichtbar und aktiv gewesen. Die Rolle
König Abdullahs von Jordanien wird beleuchtet und die
palästinensische politische Elite bis 1974, als die PLO von
den arabischen Staaten als Vertreter des palästinensischen
Volkes anerkannt wurde. Mit einem Zitat des israelischen Generals Peled
identifiziert der Autor die These als Mythos, nach der der Krieg von
1967 ein israelischer Defensivkrieg gewesen sei. Die
Übereinkünfte mit Ägypten 1978 und der
Übergang zu den Oslo-Verträgen führten unter
anderem zu einer Verdopplung der Landenteignungs- und
Siedlungstätigkeit Israels im Rahmen der Ausführung
des Allon-Planes, nach dem ursprünglich 35 bis 40 % der
Westbank annektiert werden sollten, während der Rest unter
palästinensisch-jordanische Hoheit käme. Dieser Plan
wurde später von Ariel Sharon modifiziert und von Yasir Arafat
letztlich akzeptiert, obwohl dies mit dem internationalen Recht nicht
vereinbar war. An dieser Stelle wird der palästinensische
politische Diskurs untersucht, etwa die
Unabhängigkeitserklärung der PLO von 1988, in der die
"offenkundig ungerechte" UN-Teilungsresolution 181 akzeptiert wurde,
oder die Folgen des Golfkriegs 1990/91 für die PLO und
für die Palästinenser. Besonders intensiv geht
Qumsiyeh in diesem langen Kapitel auf die Oslo-Verträge ein.
Er nennt sie eine Kapitulation und sagt, sie seien gewollt vage
hinsichtlich palästinensischer Rechte und präzise
hinsichtlich der Macht und Befugnisse Israels. Die Kantonisierung der
Westbank unter anderem durch die Umgehungsstraßen
für Siedlungen wird genannt und andere Details. Die Rolle der
USA in diesem Prozess wird als destruktiv eingeschätzt, weil
sie aktiv daran beteiligt sei, internationales Recht und Menschenrechte
auszuhöhlen und israelische Übertritte zu
euphemisieren. Unzureichendes Ziel der herrschenden Politik sei es, den
Nahen Osten zu "managen" und ansonsten den Status Quo beizubehalten.
Dass eine solche Politik auf lange Sicht versagt, leitet Qumsiyeh aus
den Erfahrungen der Weltgeschichte ab. Die israelische
Öffentlichkeit sei fehlgeleitet worden zu glauben, dass es
Sicherheit ohne Gerechtigkeit oder Gleichberechtigung der
Palästinenser geben könne. Die US-amerikanischen
Steuerzahler erinnert der Autor an 140 Milliarden Dollar, die in den
letzten dreißig Jahren als Hilfe an Israel gegeben wurde,
eine Summe, mit der man das gesamte fehlende Trinkwasser auf der Erde
bezahlen könnte. Dies, obwohl die USA sich selbst eine
Militärhilfe an Länder untersagt, die
ständig die Menschenrechte und das internationale Recht
brechen. In diesem Zusammenhang nennt der Autor auch die
Affäre um die USS Liberty von 1967 und die fehlende
anschließende Untersuchung, die ein Novum in der
amerikanischen Militärgeschichte darstellte. Die
US-Unterstützung der Road-Map wird erwähnt, in deren
2.221 Wörtern die Begriffe "Menschenrechte" und
"internationales Recht" nicht vorkommen.
Kapitel 12 handelt vom internationalen Kontext und internationalem
Recht. Qumsiyeh geht von zwei möglichen Szenarien aus:
entweder setze sich eine Lösung durch, die auf Machtpolitik
beruhe, dann setze sich der Stärkere über den
Schwächeren durch, oder eine allgemeingültige und
für alle verbindliche Rechtsvorstellung werde angewandt. Auf
den folgenden fünfzehn Seiten werden viele internationale
Vereinbarungen untersucht und in den zentralen Teilen zitiert,
beginnend mit dem Sykes-Picot-Abkommen von 1916, über
Dokumente des Völkerbunds, den UNO-Teilungsplan 181, die
UN-Charta, UN-Resolution 194, Briefe von Ben-Gurion und andere, die
Vierte Genfer Konvention, Artikel 13 der Menschenrechte, und die
Resolutionen 273, 242, 338, 446, 2727, 1322, 3236, 42/159, 51/124,
51/126, 51/114. Minutiös wird aufgezeigt, dass die USA zwar 35
israelkritische Resolutionen im Sicherheitsrat blockiert hat, dass aber
die übrigen der verabschiedeten Resolutionen zusammen mit den
Mindestanforderungen des internationalen Rechts drei Punkte
inakzeptabel mache: die Weigerung Israels, sich aus den 1967 besetzen
Gebieten zurückzuziehen, die Weigerung Israels, Resolution 181
zu implementieren, auf der die Gründung eines Staates Israels
in Palästina beruhe und Weigerung Israels,
Flüchtlinge zurückkehren zu lassen und sie zu
entschädigen. Qumsiyeh vergleicht hier auch, wie die UNO
hinsichtlich anderer Länder entschieden hat, etwa bei der
irakischen Besatzung Kuwaits oder den Flüchtlingen im Kosovo,
wo im Gegensatz zu Israel sehr konkrete Maßnahmen und
präzise Vorstellungen formuliert wurden. Die Selbstbestimmung
der Palästinenser sei zu einer Ausnahme gemacht worden.
Im letzten Kapitel des Buches wird bekräftigt, dass ein
Frieden, der auf den Menschenrechten und internationalem Recht beruhe,
möglich und erreichbar sei. Zunächst stellt der Autor
einen Plan der arabischen Länder vor, der 1947 entstand, als
die USA, die Sowjetunion und Frankreich den Teilungsplan
unterstützten. Diese Alternative, die damals in der New York
Times vorgestellt wurde, basierte auf einem föderalen Konzept
mit Proporzberücksichtigungen und war inspiriert von den
Prinzipien der US-amerikanischen Verfassung. Die zionistischen
Kräfte kontrollierten zu dieser Zeit bereits 78 % des Landes,
weit mehr als die 55 %, von denen in Resolution 181 die Rede ist.
Unilateral wurde 1948 der Staat gegründet, einhergehend mit
ethnischen Vertreibungen. Da Israel nur unter der Bedingung in die UNO
aufgenommen wurde, dass es 181, 194 und andere Texte implementiere, was
es definitiv nicht getan hat, schließt der Autor, dass die
Befolgung internationalen Rechts in der Tat bedeute, Israel von der UN
auszuschließen und zu sanktionieren, bis es seine
Verpflichtungen erfüllt habe. Da dies die einzige legale und
moralische Lösung sei, müsse neu über den
Zionismus nachgedacht werden. Dieser habe auch nach eigenen
Maßstäben versagt, etwa in dem Punkt der Sicherheit
für Juden. Die wenigen positiven Errungenschaften hingegen
würden zu wenig wahrgenommen, wie die Schaffung einer neuen
Sprache. Es sei heute zeitgemäß, von einer
israelischen Nationalität zu sprechen anstatt von einer
jüdischen. Ebenso würden auch solche
Palästinenser in der Vergangenheit leben, die von der
Wiederherstellung eines arabischen Palästina
träumten. Dies bringt Qumsiyeh zur Grundsatzdiskussion
über die Zwei-Staaten-Lösung. Zunächst
zählt er die Punkte des historischen Kompromisses der PLO auf,
also die Grenzziehung auf der Waffenstillstandslinie von 1967 (nicht
auf der von der UNO gezogenen Linie), ein unabhängiger,
souveräner Staat in der Westbank, Ostjerusalem und dem
Gazastreifen, Hauptstadt Jerusalem mit freiem Zugang für alle
Glaubensrichtungen, Auflösung der illegalen Siedlungen,
Rückkehr der Flüchtlinge, gerechte Wasserverteilung,
gute Nachbarschaft und Kooperationen. Zur Zeit von Camp David und Taba,
2000-2001, machte die palästinensische Führung
weitere Zugeständnisse, nämlich: die Aufgabe von 78 %
ihres Landes gegen den Wunsch der Bevölkerung; Akzeptanz eines
Staates, der sich als Nation "für das jüdische Volk"
versteht, inklusive diskriminierender Gesetze, und nicht als Land
für seine Bürger; das Abhängigmachen von
Rückkehrrechten von der Gewährleistung einer
jüdischen Mehrheit (was der Autor eine rassistische Ansicht
nennt); das Akzeptieren von Landaustausch, sodass die meisten der
illegalen Siedlungen an Israel angeschlossen werden können;
Zustimmung zur Verteilung von Wasser, das den einheimischen Menschen
gehört; das Verlassen von Resolution 181 hinsichtlich
Landverteilung und der Jerusalemfrage. Im Folgenden fasst Qumsiyeh die
Argumente zusammen, die gegen eine Zwei-Staaten-Lösung und
für eine Ein-Staat-Lösung sprechen. Dazu
gehören die faktisch bereits eingetretene Vermischung der
Bevölkerungen, die Schaffung von Gerechtigkeit für
alle nach einem Maßstab, wirtschaftlich-ökologische
Vorteile und die allgemeine Desillusionierung hinsichtlich der
Zwei-Staaten-Lösung auf beiden Seiten. Es folgt eine Kritik an
der einflussreichen Philosophie von Leo Strauss, der eine altruistische
Philosophie gegenübergestellt wird. Gruppen werden
erwähnt, die vom Status Quo profitieren: Waffen- und
Ölindustrie, Washingtoner Think-Tanks, viele zionistische
Führer, religiöse Eiferer, viele arabische
Führer, US-Repräsentanten, die Wahlspendengelder von
pro-zionistischen Gruppen erhalten. Diese Gruppen allerdings bilden nur
eine winzige Minderheit der vom Konflikt betroffenen Menschen. Die
Geschichte des Heiligen Landes während der letzten 100 Jahre
und die Geschichte ähnlicher Kämpfe wie in
Südafrika würden beweisen, dass es bestimmte
Politiken gibt, die nicht funktionieren: gewaltsame Aneignung von Land,
Unterdrückung, Entfernung und Isolation von Einheimischen,
Versuche, göttliche oder andere religiöse
"Landrechte" zu beanspruchen, Nichtbeachtung von Menschenrechten und
allgemeinen Rechtsstandards, Gewalt als Methode zur Reaktion auf
Widerstand, Nichtbeachtung der Möglichkeiten gemischter
Gesellschaften. Qumsiyeh kritisiert die "defätistische
Haltung" vieler Analysten und betont die Kraft der Gewaltlosigkeit. Er
malt positive Szenarien, die sich ergeben können, und fragt,
welche Elemente aus der Geschichte wir betonen und in den Vordergrund
stellen sollten. Seiner Einschätzung nach sind Geschichte und
Kontext ebenso verloren wie der rationale Diskurs, wenn man auf Gewalt
fixiert ist und wenn man sich von Angst und von falschen Mythen leiten
lässt. Es gebe drei mögliche Lösungen
für kolonialistische Situationen: dass der Kolonialist
vertrieben wird wie in Algerien, dass die einheimische
Bevölkerung ganz oder weitgehend ausgelöscht wird wie
in Nordamerika und Australien, und die Einführung eines
demokratischen Staates wie in Südafrika. Schließlich
teilt der Autor die Ziele in lang-, mittel, und kurzfristige Ziele ein
und ruft dazu auf, eine bessere Zukunft ins Auge zu fassen und
dafür zu arbeiten. Im Anhang folgt der Wortlaut eines
10-Punkte-Entwurfs, der als Diskussionsgrundlage dienen soll.
"Sharing the Land of Canaan" von Mazin Qumsiyeh ist ein
informationsreiches und praktisches Handbuch für jeden, der
den Konflikt aus der Sicht der Menschenrechte und der internationalen
Standards verstehen möchte. Es wird ohne Zweifel ein
Standardwerk in vielen Bibliotheken der Welt werden. Jedes Kapitel ist
in sich abgeschlossen und wird mit Hinweisen auf ausgewählte
weiterführende Literatur beendet. Diese Darstellungsart
führt zu einer gewissen Redundanz der Argumente und einem
Spielraum in der Zuordnung historischer Sequenzen, sie hat jedoch den
Vorteil, dass die einzelnen Themen leicht auffindbar sind und
nachgeschlagen werden können, wobei auch das vierseitige Sach-
und Personenregister hilft. Die Quellen sind hauptsächlich
Texte von Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International, Human
Rights Watch, die Vereinten Nationen, das Rote Kreuz, israelische
Gruppen, dazu viele Zitate israelischer Politiker und Wissenschaftler,
Zeitungen wie die New York Times, die Jerusalem Post, Haaretz sowie
arabische Wissenschaftler. Strikt antizionistisch ist Qumsiyeh
übrigens nicht, er spricht im Gegenteil anerkennend
über Levi Eshkols und Martin Bubers Art des Zionismus. Die im
Buch behandelten Gruppen untersucht Qumsiyeh nach deren eigenen
Maßstäben. Daher repräsentiert die Studie
eine fundierte Situationsanalyse, und nicht etwa die Ansicht eines
Außenseiters. Mazin Qumsiyeh ist nicht der erste, der die
Vision des einen demokratischen Staates formuliert oder verficht, doch
tut er es auf brillante Weise und auf der Höhe der Zeit, unter
Berücksichtigung neu veröffentlichter offizieller
Dokumente und aktueller Ereignisse. Trotz seiner Leidenschaft wirkt er
dabei nüchtern und hat den Blick immer auf den zentralen
Konfliktpunkten, die er durch Faktenanaylse demythifiziert. Obwohl er
sich als Palästinenser versteht, hat Qumsiyeh das Ganze im
Sinn und verfolgt kein Lagerdenken und Angstdenken. Es ist ein
aufgeklärtes, modernes und auch ein amerikanisches Buch. Ein
bedeutendes Stück Gelehrsamkeit. Die gesamte Argumentation ist
ebenso nachvollziehbar wie zwingend, wenn man durch die Brille der
Menschenrechte schaut. Dem Autor ist klar, dass es nicht einfach ist,
diese humanistische Vision in Erfüllung gehen zu lassen und
dass sie auf Widerstände stößt wegen der
langen Geschichte des Konflikts. Andererseits vertraut Mazin Qumsiyeh
auf die Synergien der beteiligten Menschen und schreibt am Schluss
seiner Betrachtungen: "Wir Kanaaniten, die wir das Alphabet erfunden
haben, Tiere domestiziert und eine Landwirtschaft entwickelt haben und
dieses öde Land zu einem Land von Milch und Honig gemacht
haben, können es bestimmt schaffen."
___ R ___
Rabinovici, Doron u. a. (Hg.): Neuer
Antisemitismus? FfM
2005.
Beiträge zum Thema bleuchten jeweils andere
Aspekte des
komplexen Themas und irgendwie haben alle ihre Berechtigung. Wenn man
sich davon löst, nach der "richtign" Interpretation zu suchen,
die ja erwarteter Weise die eigene ist und sich einlässt auf
die unterschiedlichen Bewertungen der gleichen Situation - einfach aus
der Erkenntnis heraus, dass jeder einen bestimmten Teil sieht und dazu
neigt, diesen zu verallgemeinern .- dann kann dieses Buch einen weiter
bringen auf der Suche nach der Grenze zwischen berechtigter Kritik und
dem Abdriften in Pauschalaussagen und Verschwörungstheorien.
(S. Schiffer)
Rohlfs, Ellen: Was geschieht eigentlich
hinter der Mauer in
Palästina?
„Nur“ Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder
schleichender Völkermord?
Eine Dokumentation mit einemVorwort von Hajo Meyer.
Ellen Rohlfs, wohl
jedem bekannt, der in Deutschland die
Politik und Praxis des Staates Israel gegenüber den
Palästinensern kritisch beobachtet, hat nach ihren
Büchern "Die Kinder von Bethlehem" und "Sag Mutter, wie sieht
Frieden aus?" ein neues Buch vorgelegt. Eine Dokumentation, erschienen
im Selbstverlag - denn welcher deutsche Verlag kann sich mit dem Staat
Israel und den deutschen Zionisten so rücksichtslos anlegen,
ohne seine Existenz zu gefährden? (Sogar die
mächtigen katholischen Bischöfe haben den
Rückzug angetreten, nachdem sie unter dem Druck des Faktischen
an der unheiligen Mauer im Heiligen Land und im Ghetto von Ramallah
Gefüh-le gezeigt hatten.) Ellen Rohlfs ist eine
unermüdliche Übersetzerin von Texten aus
Palästina und Israel, sie ist die deutsche Stimme Uri Avnerys,
die autorisierte Übersetzerin seiner allwöchentlich
erscheinenden analytischen und bissigen Kommentare zur aktuellen
Situation (http://www.uri-avnery.de/). Sie ist die deutsche Vertreterin
der israelischen Friedensgruppe Gush Shalom; Gründungsmitglied
von ICPPP (Internationales Committee for Protection of Palestinian
People, Sektion Deutschland) und Trägerin des
Bundesverdienstkreuzes am Bande
[www.arendt-art.de/deutsch/palestina/Stimmen_deutsch/ellen_rohlfs_israel_palaestina.htm].
"Nie wieder?" fragt die Autorin, und "Was geschieht eigentlich hinter
der Mauer in Palästina?". Damit verstößt
sie schon gegen die political correctness, denn man sagt nicht "Mauer"
- Vergleiche sind bei Zionisten unerwünscht, und die knapp
vier Meter hohe "Berliner Mauer" sollte man wirklich nicht mit dem acht
Meter hohen "antiterroristischen Schutzzaun" vergleichen. Die dritte
Frage dürfte Ellen Rohlfs jede Chance auf eine
Einreiseerlaubnis in diesen Staat Israel nehmen: "'Nur' Verbrechen
gegen die Menschlichkeit oder schleichender Völkermord?"
Die Autorin nennt ihre Broschüre "Eine Dokumentation", sie
bietet aber mehr als dies.
Die Arbeit ist in drei Teile gegliedert. Im ersten findet der Leser
eine umfangreiche Dokumentation zu den Verstößen
Israels gegen das Völkerrecht und eine Auseinandersetzung mit
der Frage, ob der Terminus "Völkermord" für die
israelische Politik der Vertreibung, Diskriminierung,
Unterdrückung und schleichenden Ausrottung der
Palästinenser zutrifft. Im zweiten Teil findet der Leser
Beiträge israelischer, palästinensischer und
jüdischer Autoren bzw. Organisationen. Im dritten Teil stellt
Ellen Rohlfs eigene Arbeiten vor: neben Gedichten zwei Texte: "Von
Mauern und Zäunen" (2003) und "Gedanken nach dem Massaker von
Hebron und zum Weltgebetstag der Frauen, 1994".
Man kann das Buch nicht ohne Bewegung lesen. Auch wenn man fast
alltäglich aus Quellen, die nicht der mehr oder weniger
freiwilligen Selbstzensur unterworfen sind, vom Leiden der
Palästinenser und von dem ungleichen Kampf zwischen ihnen und
ihren Besatzern liest, ist man aufs neue schockiert von der
kommentierten Zusammenfassung - und mehr noch das Verschweigen, die
stillschweigende Billigung oder gar die lautstarke Rechtfertigung der
Politik Israels in der Bundesrepublik.
(Dr. Ernst Herbst)
Rose, John: Mythen
des Zionismus, Stolpersteine auf dem Weg zum Frieden. Aus dem Enlischen
von Rosemarie Nünning. Rotpunkt Verlag, 24 €, 300 S.
Die zentrale
These dieses Buches lautet, dass der Zionismus
durch eine
Anzahl von Mythen zusammen gehalten wird. Und John Rose macht sich
daran, die "mythische Geschichte des Zionismus zu zerstören".
Er stellt fast alles in Frage, was der israelischen politischen Elite
heilig ist, und kommt zum Schluss: "Der Zionismus ist das Problem:
Seine Beseitigung ist die Voraussetzung für Frieden im Nahen
Osten; sie ist die Vorbedignung für eine
jüdisch-arabische Versöhnung."
___ S ___
Segev, Tom: Es war einmal ein
Palästina
Juden und Araber vor der Staatsgründung Israels.
München (Siedler) 2005,
672 Seiten, 40 Abbildungen. 3-88680-805-X. 28,00 €.
Fünf Jahre nach seinem Erscheinen liegt "One
Palestine,
Complete: Jews and Arabs Under the British Mandate" nun unter dem Titel
Es war einmal ein Palästina endlich auf Deutsch vor. Und so,
wie der deutsche Titel suggeriert, verweist Tom Segev die
üblichen Geschichten und Anekdoten, die sich um diese Zeit vor
der Gründung des Staates Israel ranken, in den Rang von
Märchen und Mythen, die von Gefahren und ihrer
Überwindung zeugen, zwar durchaus auch wahre Kerne haben, aber
eben nicht wahr sind.
Thema des Buches sind die 30 Jahre britischer Herrschaft in
Palästina, die in der Regel nur in einem Kapitel in den
Geschichtsbüchern abgehandelt werden – hier wird
ihnen ein eigenes dickes und umfangreiches Werk gewidmet. Meist werden
diese knapp 30 Jahre pauschal als Mandatszeit bezeichnet, obwohl dem
eigentlichen Mandat 5 Jahre Militärverwaltung vorausgingen.
"One Palestine, Complete - Ein Palästina, vollständig
und unversehrt" – so stand es auf Quittung, die der erste
britische Hochkommissar, Herbert Samuel, unterschrieb, als er von der
Militärregierung die Geschäfte übernahm. Als
die Briten 1948 Palästina verließen, war es weder
vollständig und bei weitem nicht mehr unversehrt, sondern
Palästina befand sich schon seit Jahren in einem latenten und
nunmehr offenen Kriegszustand um Territorium und Vorherrschaft.
Die offizielle zionistische Lesart und Geschichtsschreibung zu dieser
Zeit lauten: Die zionistische Bewegung und ihre Führer haben
ihr Projekt der Besiedlung von Palästina / Eretz Israel unter
folgenden Bedingungen verfolgt und durchgezogen: Die Besiedlung
Palästinas, deklariert als "Ein Land ohne Volk", erfolgte
durch Pioniere gegen die Widerstände der arabischen Umgebung
(wobei diese Umgebung demnach außerhalb der Region
Palästina war) und gegen den Widerstand erst der Osmanischen
Herrscher und später der britischen Mandatsmacht. Dabei habe
das Projekt von nicht-jüdischer, nicht-zionistischer Seite
praktisch keinerlei Unterstützung erfahren.
Diese Lesart und Interpretation stellt Tom Segev in Frage und widerlegt
sie: Vielfach war die Unterstützung, die das zionistische
Siedlungsprojekt erfuhr, gerade von britischen Regierungsstellen. Zwar
speiste sich diese Unterstützung durchaus aus einerseits
Fehleinschätzungen – so waren wichtige Vertreter
davon überzeugt, daß Juden die Fäden in der
internationalen Politik zogen – und andererseits aus einer
Mischung aus Antisemitismus – haben die Juden einen eigenen
Staat, so siedeln sie dort und nicht in den jeweiligen anderen
Ländern – und einem christlich geprägten
Philosemitismus und Zionismus. Zudem standen die Protagonisten des
Zionismus den westlichen Mächten auch kulturell näher
als die Araber, und dies in Verbindung mit der Aussicht, über
sie einen Fuß im Nahen Osten zu behalten
–Palästina lag schließlich auf dem Weg
nach Indien – war durchaus verlockend. Und so gab es zwar
immer wieder Versuche und Vorstöße, die
jüdisch-zionistische Einwanderung zu erschweren, aber
gleichzeitig wurde es während der gesamten Zeit
ermöglicht, daß von zionistischer Seite
vorstaatliche Institutionen eingerichtet und quasi-staatliche
Strukturen geschaffen werden konnten, durch Duldung und/oder durch
politische und finanzielle Unterstützung.
Das Verhältnis zu den Arabern in Palästina war dabei
ebenfalls ambivalent: Durchaus gab es bei den Briten auch Vertreter,
die von der arabischen, vor allem der städtischen Kultur,
fasziniert waren, und durchaus wurden auch die Auswirkungen der
jüdischen Immigration auf die ortsansässige
arabisch-palästinensische Bevölkerung gesehen und in
den Weißbüchern der diversen britischen Kommissionen
dargelegt, aber realpolitisch bedingt wurde deren Interesse zunehmend
in den Hintergrund gedrängt.
Und zunehmend, angesichts der sich auf beiden Seiten entwickelnden
Gewalt, entglitt den Briten die Staatsgewalt. Mit den Beamten, die seit
Ende 1928 und vor allem 1936 mit dem Ausbruch des arabischen Aufstands
eingesetzt wurden, und die häufig schon in Irland Dienst
geleistet und Erfahrungen gesammelt hatten, wurde zu drastischeren
Mitteln der Terrorbekämpfung gegriffen: Das Kriegsrecht wurde
verhängt, Polizeikräfte wurden massiv aufgestockt,
Juden und – bedeutend mehr – Araber verhaftet und
brutal verhört, Todesurteile ausgesprochen und vollstreckt, im
Norden wurde der Tegart-Sicherheitszaun errichtet…
Und nicht nur Irland war eine Parallele, sondern auch Indien mit seinem
Kampf gegen die britische Herrschaft. Mit Ausbruch des Krieges 1939
eskalierte die Lage erneut, die Gewalt nahm weiter zu, Notstandsgesetze
wurden erlassen, Kollektivstrafen waren eher die Norm denn Ausnahme.
Dabei nahm die Anzahl der Gegner zu, denn interne Auseinandersetzungen
vor allem in der jüdischen Gemeinschaft führten zu
diversen Fraktionen, die unabhängig und in Konkurrenz
zueinander gegen die Briten und die Araber operierten. Schon hier
wurden britische Stimmen laut, Palästina zu verlassen, weil es
zu viel koste, dort zu sein, aber zu nichts führe.Nach dem
Krieg beruhigte sich die Lage nicht, Indien war verloren, die Briten in
Palästina völlig überfordert – so
erfolgte der Beschluß, das Mandat zurückzugeben und
das Land zu verlassen. Die Versprechen der Balfour-Deklaration waren
eingelöst, die Grundlagen für die jüdische
nationale Heimstätte waren gegeben.
Diese hier nur kurz aufgelisteten Thesen schildert Tom Segev sehr
anschaulich, und er stützt sich hierbei auf viele Quellen
aller Seiten, offizieller wie inoffizieller Briefe,
Tagebücher, Memoiren und anderer Aufzeichnungen. Einige
Protagonisten begleiten dabei die Leserschaft fast durch das gesamte
Buch.
Es war einmal ein Palästina schließt eine
Lücke vor allem auch im deutschsprachigen Publikationsangebot,
was die Zeit der britischen Herrschaft in Palästina betrifft,
und hierbei vor allem auch die Zeit vor dem eigentlichen Mandatsbeginn
1922, als das Gebiet noch unter Militärverwaltung stand.
Christopher Sykes' Werk zu dieser Zeit "Kreuzwege nach Israel", Ende
der 1960er Jahre erschienen, ist seit langem vergriffen.
Tom Segev's Werk eignet sich sowohl einfach zum Schmökern als
auch als Sachbuch. Anmerkungen als Fußnoten und fast 90
Seiten Quellen- und Literaturverzeichnis, ein Personenindex und zwei
Karten von Palästina und Jerusalem unter britischem Mandat
vervollständigen es.
Aber trotz, oder gerade wegen des Umfangs und angesichts der
Fülle der Informationen gibt es einige Mängel, die
verhindern, es in den Rang eines jederzeit nutzbaren Fachbuchs zu
heben:
- Wichtige Dokumente werden weder im Text noch im Anhang direkt
zumindest in Exzerpten zitiert, sondern nur indirekt, wenn sie
erwähnt und interpretiert werden. - Weiter wäre ein
Glossar sehr hilfreich, um Begriffe, die z. T. im Text erklärt
werden, jederzeit nachschlagen zu können.
-Ebenso wichtig wären ein Personenregister mit kurzen
biographischen Daten zu den Hauptakteuren (den prominenten und den
weniger prominenten) und auch ein Abbildungsverzeichnis.
-Und es gibt leider keine Zeittafel mit den wichtigsten Daten dieser
Zeit – eine solche hätte den Umfang des Buches nur
gering erweitert, und der Nutzen wäre immens.
Werden diese Mängel bei einer Neuauflage und einer
Überarbeitung behoben, so wird das Buch nicht nur zu einem
empfehlenswerten, sondern auch zu einem Standardwerk, in dem man
jederzeit schnell etwas nachschlagen kann. Thea Geinitz
Nachsatz: Ach ja, und wer sich wundert, wieso so oft Anemonen
erwähnt werden: Der hebräische Originaltitel "Je mei
kalaniot" (in etwa: Tage der Anemonen) spielt auf den Spitznamen
"Anemonen" an, den die britischen Fallschirmjäger wegen ihrer
roten Uniformen von den Juden erhalten hatten.
© Thea Geinitz
De Simony, Pia / Czernin, Marie: Elias
Chacour -
Israeli, Palästinenser, Christ.
Sein Leben erzählt von Pia de Simony und Marie Czernin.
Die
Raketen
der Hizbollah schlugen 2006 unweit seiner Kirche ein. Elias
Chacour, Sohn einer palästinensischen Bauernfamilie, kennt das
Heilige Land und seine Geschichte wie kaum ein anderer. Er war acht
Jahre alt, als seine Familie 1947 von israelischen Soldaten aus dem
Heimatdorf vertrieben wurde. Er hat Hass und Terror erlebt. Heute gilt
er als spirituelles Energiezentrum des
christlich-jüdisch-muslimischen "Trialogs". Schon dreimal
wurde er für den Friedensnobelpreis nominiert. 2003
gründet er die erste christlich-arabische Hochschule in
Israel: eine einmalige Institution mit nunmehr rund 4.500 Studenten,
davon mehr als die Hälfte Frauen und Muslime. Chacours Leben
zeigt: Hass kann verwandelt werden. Frieden ist möglich.
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Verleger, Rolf: Israels Irrweg. Eine
jüdische Sicht.
Papy Rossa 2008.
"Das
Judentum, meine
Heimat, ist in die Hände von Leuten
gefallen, denen Volk und Nation höhere Werte sind als
Gerechtigkeit und Nächstenliebe. " Mit seinem Buch
möchte Rolf Verleger einen Beitrag dazu leisten, dass sich
dies ändert. Er beschreibt seine jüdischen Wurzeln
als persönlichen Hintergrund und umreißt die
Geschichtes des Zionismus. sodann diskutert er die Frage, was es heute
angesichts der schwindenden Bedeutung von Religiosität
heißt, Jude zu sein. Problematische
Ersatzidentitäten sieht er im Nationalismus und im
bloßen Anti-Antisemitismus. Als Alternative er die von ihm
initiierte Aktion "Schalom 5767" vor, mit der die Bundesregierung zum
Umdenken in der Palästinafrage aufgefordert wurde. Er setzt
sich mit dem Vorwurf auseinander, Kritik an Israel habe von vornherein
und unbesehen als "antisemitisch" zu gelten, und dokumentiert
abschließend einige Auseinandersetzungen, die er
über diese Fragen zu führen hatte.
Rolf Verleger, Prof. Dr. geb. 1951. Psychologe am
Universitätsklinikum in Lübeck. Zahlreiche Artikel in
wissenschafltichen Zeitschriften über Gehirnprozesse beim
Wahrnehmen und Handeln. Mitglied im Direktorium des Zentralrats der
Juden in Deutschland, gegen dessen unkritische Unterstützung
der israelischen Gewaltpolitik er sich aus Anlaß des
Libanonkriegs 2006 in einem Offenen Brief verwahrte.
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Warschawski, Michael : Mit
Höllentempo. Die Krise
der
israelischen Gesellschaft. Verlag Edition Nautilus, 2004. 10,90
€, kartoniert.
Buchrücken-Text:
"Warschawski beschreibt die rasende
Geschwindigkeit, mit der Repression und Gewalt der Besatzung in die
israelische Gesellschaft zurückschlagen: die
Zerstörung demokratischer Grundrechte, die Infragestellung
demokratischer Normen im alltäglichen Leben, die perverse
Gewöhnung an Gewalt und Tod. Er denunziert die verbale
Verrohung von Medien und Politikern, den Einfluß des
Kriegszustands auf Schule, Universität und Kultur. (...)" Die
beste Beschreibung von Israels Innenleben, die ich bis jetzt kenne.
Dabei knapp gehalten (115 Seiten). Absolut empfehlenswert.
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